Meinung: Zwölf Monate Trump: Unruhe bei der Geldanlage, aber Angst um den Job

Datum17.01.2026 07:28

Quellewww.spiegel.de

TLDREin Jahr nach Trumps Amtsantritt prägt Unsicherheit die Geldanlage sowie Ängste um Arbeitsplätze. Trotz eines Plus von 8,5 Prozent für Anleger im MSCI ACWI-ETF bleiben Zweifel an der Stabilität der US-Wirtschaft. Trumps Politik erhöht die Schulden, beeinflusst den Arbeitsmarkt negativ und führt zu Rückgängen bei deutschen Exporten in die USA. Während die EU-Exportwirtschaft durch Abkommen versucht, Stabilität zu schaffen, bleibt die Unsicherheit über die künftigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bestehen.

InhaltUnruhe bei der Geldanlage und Angst um den Job: Zwölf Monate nach seinem Amtsantritt hält der US-Präsident nicht nur die große Welt der Politik in Atem, sondern auch die kleine Welt der Privatanleger. So reagieren Sie richtig. Donald Trump hat Sie mit Ihrer Geldanlage womöglich ganz schön durchgeschüttelt in den vergangenen zwölf Monaten. Erst sorgt die Wahl des Unternehmerpräsidenten für freundliche Börsen, dann führen seine ersten Entscheidungen zu Unruhe an den Märkten, die bei der Verkündung der neuen US-Zollpolitik sogar in einen Minicrash mündet. Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip"  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Auch wenn am Ende das Börsenjahr für ruhige Anlegerinnen und Anleger doch ganz gut ausging – als deutsche Anlegerin oder Anleger stehen Sie nach einem Jahr Trump mit einem ETF auf den weltweiten Aktienindex MSCI ACWI (All Country World Index) mit 8,5 Prozent im Plus  . Für alle, die diesen Index nicht kennen: Darin sind neben Unternehmen aus den Industrieländern auch Firmen aus Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien enthalten. Ob und wie Sie weiter Ruhe bewahren sollten, dazu am Ende mehr. Im Frühjahr zeigten eigentlich nur der Goldkurs und der des Bitcoin nach oben. Unruhe treibt den Goldkurs  ja fast immer. Und ein Präsident, dessen Familie sich mit Kryptogeschäften selbst bereichert  , das konnte nur gut sein für den Kurs der Bitcoins. Tatsächlich setzte der selbst ernannte Kryptopräsident Trump seine Wahlversprechen um und schaffte eine staatliche Kryptoreserve, brachte die digitalen Währungen in die 401k-Altersvorsorgepläne der Amerikaner und ließ die Aufsicht freundlicher mit der Kryptoindustrie  umgehen. Nach der Wahl eines neuen US-Präsidenten wird immer über die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Wahl spekuliert, normalerweise aber ebbt die Spekulation irgendwann ab, und Börsianer kehren zurück zu einem ihrer Standardmantras: Politische Börsen haben kurze Beine. Doch diesmal ist das anders. Trump erhöht die Verschuldung der USA munter weiter. Schon in seiner ersten Amtszeit war er Schuldenkönig. In den letzten beiden Jahren seines Vorgängers Joe Biden haben die USA zwar neue Schulden in ähnlicher Höhe aufgenommen, nämlich 2000 Milliarden Dollar. Allerdings wurden die statt in Steuerprivilegien für Superreiche wie bei Trump in die Infrastruktur gesteckt. 2025, im ersten Jahr der zweiten Trump-Amtszeit, ist die Neuverschuldung trotz aller Zolleinnahmen eher noch einmal höher. Inzwischen hat die Gesamtverschuldung der USA über 38.000 Milliarden Dollar erreicht. Allein für die Zinsen muss die US-Regierung jährlich 1000 Milliarden Dollar aufwenden. Trump zwang den amerikanischen Staat in den längsten Shutdown der jüngeren US-Geschichte, sogar die Wirtschaftsdaten aus den US-Behörden verloren einen Teil ihrer Verlässlichkeit, weil Behördenmitarbeiter zeitweilig oder endgültig ihren Job verloren. Trump hat zuletzt auch den einst von ihm selbst auserkorenen Notenbankpräsidenten Jerome Powell  zum Looser und Versager erklärt, weil der die Zinsen für die irren Staatsschulden nicht senken mag. Selbst vor strafrechtlichen Tricks schreckt das Weiße Haus an der Stelle nicht zurück. Die OECD schreibt trotzdem noch, dass die US-Wirtschaft gut laufe, viel besser als die in Europa. Auch wenn der Internationale Währungsfonds IWF in seiner halbjährigen Wachstumsprognose für 2025 nur ein US-Wachstum von 1,8 Prozent gesehen hat, ein Prozent weniger als im letzten Biden-Jahr 2024. Und für 2026 soll das US-Wachstum weiter zurückgehen. Auch ein Teil der Börsianer scheint das US-Wachstum zurückhaltender zu sehen. Die Börsenkurse stiegen im vergangenen Jahr in Deutschland und Europa schneller als in den USA. Dem Anleger und der Anlegerin mit ETFs auf den MSCI World ist das noch relativ egal, denn er profitiert, egal wo die Kurse steigen. Kryptoanleger hingegen registrierten 2025 erstmals seit Längerem gleich zwei Crashs. Beide wegen Trumps Zolldrohungen: einmal zum "Liberation Day" im Frühjahr und einmal nach der Ankündigung von Hundert-Prozent-Zöllen für China im Oktober. Vom Allzeithoch von 126.000 US-Dollar kurz vor Crash Nummer zwei war der Bitcoin schnell wieder weit entfernt. Zum Ende des ersten Trump-Jahres liegt er erstaunliche 24 Prozent unter seinem Rekordhoch. Unruhe satt also, dunkle Wolken am Horizont, aber noch ist Ihrem Geld eigentlich nichts passiert. Denn vom Zollcrash im April haben sich die weltweiten Börsen gut erholt. Ein weltweiter Aktien-ETF wie der MSCI All Country World liegt von Trumps Amtsantritt bis heute 8,5 Prozent im Plus. Das liegt im Bereich des langfristigen Mittelwerts der Vergangenheit. Im Ergebnis also ein normales Börsenjahr. Das Ergebnis für deutsche Anlegerinnen und Anleger sähe sogar noch besser aus, wenn der Euro gegenüber dem Dollar nicht so stark gestiegen wäre und damit den Indexanstieg in Euro deutlich gebremst hätte. Die Unruhe in den USA sorgte gleichzeitig für gute Börsen in Europa. Auch getrieben durch die Investitionspläne in Deutschland. Seit Amtsbeginn von Trump hat der MSCI Europe – ein Index mit einem großen Teil der europäischen Aktien – starke 18,5 Prozent Plus gemacht. Also tatsächlich mehr als doppelt so viel wie der Weltaktienmarkt. Das eigentliche Problem in den kommenden zwölf Monaten oder den kommenden 24 oder 36 Monaten, jedenfalls bis zum Ende der Amtszeit von Donald Trump, werden für viele Anlegerinnen und Anleger hierzulande nicht die Börsenkurse sein – sondern die Frage: Wie ist das eigentlich mit meinem Job? Wie funktioniert die exportorientierte deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten die Weltwirtschaftsordnung, wie wir sie seit 70 Jahren kennen, komplett infrage stellt? Erste Auswirkungen konnte man 2025 schon sehen. Waren 2024 noch die USA der größte Handelspartner Deutschlands, so ist es 2025 wieder die Volksrepublik China. Vor allem, weil die Importe aus China deutlich stiegen. Die Exporte hingegen schwächeln. Die deutschen Exporte in die USA sind sogar deutlich zurückgegangen – mit minus neun Prozent rechnen Experten. Und an solchen Exporten hängen viele gut bezahlte Jobs. Und wenn Unsicherheit Gift ist für die wirtschaftliche Entwicklung und für den Export, dann ist der Giftcocktail für die kommenden drei Jahre im Weißen Haus schon angerührt worden. Tatsächlich ist es ja so, dass die Betriebswirtinnen und Betriebswirte in den Exportunternehmen ausrechnen können, wie sich Löhne und Sozialabgaben entwickeln, welche Auswirkungen das auf die Stückkosten der Produkte oder die Fixkosten bestimmter Dienstleistungen hat. Sie können schauen, wie sie diese Kosten optimieren. Was sie aber nicht können: Sie können nicht voraussagen, ob der Euro gegenüber dem Dollar und anderen Währungen noch stärker wird, Trump einen schwachen Dollar als Abwehr gegen Exporte zum Beispiel aus Deutschland einsetzt. Schwer ist die Prognose, welche Auswirkungen das auf ihre Rohstoffpreise hat und auf die Verkaufspreise in den Landeswährungen der Nationen, in die deutsche Unternehmen exportieren wollen. Und genauso wenig können die Chefs und Chefinnen der Unternehmen vorhersagen, was denn eigentlich mit diesen Zöllen passiert. Sinken die Zölle, weil die EU doch einen Modus mit der US-Regierung gefunden hat; oder steigen sie wieder, weil eine der Tochterfirmen in den vergangenen Jahren doch Geschäfte mit Iran gemacht hat. Das Mercosur-Abkommen mit Lateinamerika und die Kanzlerreise nach Indien mit 25 Konzernchefinnen und -chefs im Gepäck sind ein deutlicher Versuch der Politik, an dieser Stelle so viel Ruhe und Verlässlichkeit zu erzeugen, wie das aktuell möglich ist. Dass solche Vereinbarungen auch als Stinkefinger gegenüber dem Weißen Haus wahrgenommen werden, schafft zusätzlich mentale Entlastung. Ganz hilflos ist die deutsche Wirtschaft dem Treiben in Washington dann doch nicht ausgesetzt. Wie schon vor einem Jahr zur Amtseinführung gesagt: Vorsicht bei diesem Präsidenten! Ach ja, und dann schauen wir alle gemeinsam mal, wie das Wahljahr im November in den USA ausgeht. Bleiben die republikanischen Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses erhalten oder haben hinreichend viele Amerikaner die Nase voll von Trump. Darüber können wir zu gegebener Zeit hier weiter spekulieren.