Datum16.01.2026 15:26
Quellewww.zeit.de
TLDRDie Polizei geht bei Vermisstenfällen von Minderjährigen von einer "Gefahr für Leib und Leben" aus und handelt nach bestimmten Standards. Angehörige sollten schnell handeln, wenn ein Kind fehlt. Die Ermittlungen beginnen mit Befragungen im Umfeld des Vermissten. In Hessen waren zum 1. Januar 2023 insgesamt 265 Minderjährige als vermisst gemeldet; die Aufklärungsquote liegt bei etwa 97 %. Häufige Gründe für das Verschwinden sind Streitigkeiten oder Kindesentziehungen. Tragische Einzelfälle, wie der Tod eines vermissten Jungen, sind selten.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Notfälle“. Lesen Sie jetzt „Wie die Polizei bei Vermisstenfällen vorgeht“. Seit Mittwochmorgen wird ein achtjähriger Junge in Frankfurt vermisst, eine intensive Suche nach dem Kind läuft. Wie geht die Polizei in solchen Fällen vor, und welches sind häufige Hintergründe? Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren gelten bei der Polizei als vermisst, wenn ihr Aufenthaltsort unbekannt ist und sie ihr gewohntes Lebensumfeld verlassen haben - denn als Minderjährige haben sie noch nicht das sogenannte Aufenthaltsbestimmungsrecht für sich selbst. Die Polizei geht in solchen Fällen zunächst einmal von einer "Gefahr für Leib und Leben" aus. Jeder Vermisstenfall unterliege einer Einzelfallprüfung - je jünger die Kinder aber seien, desto größer auch die zunächst angenommene Gefahr, sagt ein Polizeisprecher. Deshalb sollten sich Angehörige oder Bezugspersonen nicht scheuen, die Polizei zu verständigen, sobald ihnen das Ausbleiben eines Kindes ungewöhnlich vorkommt. Bei der Suche nach vermissten Kindern und Jugendlichen folgt die Polizei bestimmten Standards. Zunächst wird eine Streife losgeschickt, die das Umfeld des Kindes - meist die Eltern, aber auch etwa Betreuungspersonen aus Wohngruppen - befragt. Dabei bitten die Beamten auch um ein möglichst aktuelles Foto des oder der vermissten Minderjährigen. Über die Befragung von Bezugspersonen versuchen sie, die Hintergründe des Verschwindens möglichst genau zu erfassen - etwa ob eine Beeinträchtigung vorliegt, ein vermisster Jugendlicher psychisch krank ist oder vielleicht schon einmal in Behandlung war oder ob es eine Vertrauensperson gibt, an die sich das Kind oder der Jugendliche vielleicht wendet. Je nach den konkreten Umständen im Einzelfall richten sich dann auch das Suchgebiet und die Einsatzmittel. Entscheiden wird dann etwa, ob mit Hubschrauber, Drohne oder Mantrailer-Hunden gesucht wird und ob deren Einsatz im konkreten Fall tatsächlich zielführend ist. Für Angehörige bedeutet das Verschwinden von Minderjährigen immer eine Ausnahmesituation - doch zum Glück würden die allermeisten Vermisstenfälle relativ schnell geklärt, sagt der Polizeisprecher. Im Nachhinein zeige sich dann auch häufig, dass die vorübergehend vermissten Kinder und Jugendlichen nicht unbedingt in einer Gefahrensituation waren. Es gebe Fälle von Kindesentziehung durch einen Elternteil, etwa bei einem Sorgerechtsstreit. Kinder und Jugendliche verschwänden auch oftmals nach Streit mit Eltern oder Freunden oder aus Sorge, mit einem schlechten Schulzeugnis nach Hause zu kommen. Dauerausreißer oder unbegleitete Geflüchtete, die aus Unterkünften verschwinden, seien ebenfalls nicht selten. Zum Stichtag 1. Januar dieses Jahres waren laut Hessischem Landeskriminalamt (HLKA) insgesamt 265 Minderjährige im Bundesland als vermisst gemeldet, davon 115 Kinder und 150 Jugendliche. Für das Jahr 2025 seien zum gleichen Stichtag in Hessen zudem im polizeilichen Informations- und Fahndungssystem insgesamt 4.596 Fahndungsausschreibungen zu vermissten Minderjährigen registriert gewesen, darunter 662 Kinder im Alter von bis zu 13 Jahren und 3.934 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren. Für 4.443 dieser im vergangenen Jahr erfassten Fällen sei die Fahndungsausschreibung wieder aufgehoben worden, erklärte das HLKA. Die Aufklärungsquote liege somit bei knapp 97 Prozent. Laut Polizeisprecher stellt sich nur ganz selten heraus, dass ein Unglücksfall oder eine Straftat vorlag. Tragisch endete im vergangenen Jahr die wochenlange Suche nach dem vermissten sechsjährigen Pawlos. Der autistisch veranlagte Junge war an einem Tag Ende März mittags aus seiner Grundschule in Weilburg davongelaufen, nach langem Bangen wurde er dort tot aus der Lahn geborgen. © dpa-infocom, dpa:260116-930-555198/1