»Tatort« aus Stuttgart: »Ex-It« mit Lannert und Bootz

Datum16.01.2026 13:11

Quellewww.spiegel.de

TLDRIm Stuttgart-"Tatort" "Ex-It" folgt ein Beziehungsdrama im Kontext eines tragischen Kindermordes. Eine verwirrte Mutter, deren Tochter tot ist und deren Sohn entführt wurde, kämpft gleichzeitig mit der Trauer und der Abhängigkeit von ihrem Ehemann, der sie zur Internetberühmtheit gemacht hat. Die Beziehung des Paares, geprägt von Missgunst und Abhängigkeit, wird intensiv beleuchtet. Der Krimi, der als Kammerspiel konzipiert ist, behandelt Themen von Ruhm und Selbsthass, bleibt jedoch in der Erzählung statisch und unbefriedigend. Bewertung: 6 von 10 Punkten.

Inhalt"Er war mein Victor Frankenstein": Im Stuttgart-"Tatort" geht es um ein trauerndes It-Girl und den Ehemann, der sie berühmt gemacht hat. Beziehungshorror mit kleinem Konstruktionsproblem. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Die härteste Szene in diesem "Tatort" dauert nur wenige Sekunden und hallt doch lange nach. Eine Frau scrollt sich durch einen Online-Katalog mit Kindersärgen. Einer der Särge ist gestaltet wie ein Hühnchen, ein anderer wie ein Entlein. Einer ist rosa gestrichen, ein weiterer hellblau mit Schäfchenwolken. In welchem Sarg würden Sie ihre kleine Tochter beerdigen, wenn sie bei einem Unfall ums Leben gekommen wäre? Die Frau, die sich durch den Katalog kämpft, ist am Anfang dieses Krimis in einer Regennacht durchnässt und verwirrt auf einer Polizeistation erschienen. Angeblich war ihr Auto geklaut worden, ihr Sohn und ihre Tochter saßen noch drin. Kurz darauf wurde der Wagen aus dem Neckar gezogen. Das Mädchen ist tot, der Junge verschwunden. Jetzt treffen Erpresserbriefe ein, in denen Lösegeld für ihn gefordert wird. Die Mutter muss also einerseits darüber nachdenken, wie sie mit den möglichen Kidnappern des Sohnes umgeht und andererseits die Beerdigung der Tochter organisieren. Das Trauerspiel um die Kinder – das ist ein gewisses Konstruktionsproblem – bildet in diesem "Tatort" aber nur den Rahmen für ein Beziehungsdrama: Pony Hübner (Kim Riedle) war früher mal eine Internet-Berühmtheit, die für nichts anderes prominent war, als prominent zu sein. Ihr Ehemann, der Medienunternehmer Stefan Hübner (Hans Löw), hatte sie mittels seiner Heftchen und Portale zu einem sogenannten It-Girl aufgebaut. Das war noch vor der Hochzeit von Instagram und TikTok. Jetzt leben die beiden in stiller Verachtung in ihrer 400-Quadratmeter-Villa im Neureichen-Dekor nebeneinander her. Oder wie die Frau die Beziehung zu ihrem Mann gegenüber einem der Ermittler definiert: "Er hat mich gemacht. Er war mein Victor Frankenstein. Dann hat er mich kleingemacht." Die Dialoge und Monologe sind pointiert. Sie stammen aus der Feder von Wolfgang Stauch, der auch das Drehbuch für den Opern-"Tatort" aus Köln vom vergangenen Sonntag geliefert hatte. Große Teile des Krimis sind als Kammerspiel angelegt, bei dem das Paar misstrauisch umeinander herumschleicht und sich gegenseitig herabwürdigt. "Die Katze auf dem heißen Blechdach" in neobarocker schwäbischer Influencerinnen-Kulisse. Kommissar-Karussell: Alle "Tatort"-Teams im Überblick Die Kommissare Bootz (Felix Klare) und Lannert (Richy Müller) müssen nur zuhören, da erschließt sich die unheilvolle Symbiose, die auch noch bei abnehmender Berühmtheit intakt scheint: Sie braucht ihn und seine Medien, um darin ihr Spiegelbild zu finden. Selbst wenn dieses Spiegelbild inzwischen wenig schmeichelnd ist – um im Gespräch zu bleiben, hatte sich das It-Girl auch Schlägereien mit Konkurrentinnen geliefert. Der dabei entstandene Selbsthass wird mit Alkohol heruntergespült. Wege zum Ruhm sind oft auch Wege zum Rum. Das Ex-Promi-Drama (Regie: Friederike Jehn, "Tatort: Du allein") ist auf einen engen Zeitraum verdichtet, hinter dem wohlstandsatten Zynismus tun sich schnell Ambivalenzen auf. Die Abhängigkeiten innerhalb des Ehepaars sind nicht so eindeutig gelagert, wie es am Anfang scheint. Im Beziehungskrieg blitzt plötzlich Liebe auf. Pony und ihr Mann können nicht miteinander. Aber noch viel weniger können sie ohneeinander. Irgendwann tanzen die Zankhälse zärtlich zu der Soulballade "Falling Leaf" von Bud Ross And The Asylum  , während im Pool traurig das Herbstlaub treibt. Aber genau hier zeigt sich das Problem mit der Erzählstatik: Schwer vorstellbar, dass sich das Paar unter dem frischen Eindruck des schrecklichen, gesicherten Verlustes zumindest eines ihrer Kinder eine Nacht lang nur um die Achse ihrer eigenen kaputten Liebe dreht. Was von diesem "Tatort" in Erinnerung bleibt, sind deshalb nicht die ausladenden Fahrten durch die Beziehungs- und Möbellandschaften. Es sind die fünf Sekunden, in denen man den Hühnchen- und den Entensarg sieht. Bewertung: 6 von 10 Punkten "Tatort: Ex-It", Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste