Datum20.10.2025 19:30
Quellewww.spiegel.de
TLDREine aktualisierte Empfehlung zur frühen Einführung von Erdnussprodukten hat in den USA seit 2015 etwa 60.000 Kindern vor Erdnussallergien bewahrt. Neueste Studien zeigen einen Rückgang von über 27 Prozent bei Allergien bei Kindern bis drei Jahre. Trotz dieser Erfolge stieg die Gesamtrate von Lebensmittelallergien. Während in den USA frühzeitige Empfehlungen umgesetzt wurden, bleibt Deutschland skeptisch. Experten betonen die Bedeutung einer regelmäßigen und langfristigen Erdnusszufuhr, um Allergien zu vermeiden.
InhaltEinst war es üblich, Kindern in den USA erst ab drei Jahren Erdnüsse zu geben, um Allergien zu verhindern. Bis 2015 ein Umdenken einsetzte – aus heutiger Sicht ein voller Erfolg. Für Deutschland gilt aber etwas anderes. Vor einem Jahrzehnt wies eine wegweisende Studie nach, dass Erdnussallergien verhindert werden können, wenn schon Säuglinge Erdnussprodukte essen. 2015 empfahlen medizinische Leitlinien in den USA daraufhin, bereits ab dem vierten Monat Erdnussprodukte an Kleinkinder zu verfüttern – was bis heute bei etwa 60.000 Kindern eine Erdnussallergie vermieden hat, wie neue Forschungsergebnisse zeigen. Für die Studie analysierten der Allergologe David Hill und Kollegen die elektronischen Gesundheitsakten von Dutzenden Kinderarztpraxen. Dadurch konnten sie die Diagnose von Nahrungsmittelallergien bei Kleinkindern vor, während und nach der Veröffentlichung von medizinischen Richtlinien in den USA verfolgen. "Ich kann Ihnen dadurch sagen, dass es heute weniger Kinder mit Lebensmittelallergien gibt, als es ohne diese Gesundheitsmaßnahmen der Fall gewesen wäre", sagte Hill der Nachrichtenagentur AP. Die Studie wurde am Montag in der Fachzeitschrift "Pediatrics" veröffentlicht. Den Ergebnissen zufolge gingen Erdnussallergien bei Kindern im Alter von null bis drei Jahren um mehr als 27 Prozent zurück, nachdem 2015 erstmals Leitlinien für Kinder mit erhöhtem Risiko herausgegeben worden waren. Nachdem die Empfehlungen 2017 erweitert worden waren, gingen die Erdnussallergien sogar um mehr als 40 Prozent zurück. Das hat allerdings nicht verhindert, dass Lebensmittelallergien in den USA in den vergangenen Jahren insgesamt zugenommen haben. Acht Prozent der Kinder sind davon betroffen, mehr als zwei Prozent von Erdnussallergien. Die aktuelle, 2021 aktualisierte US-Leitlinie empfiehlt nunmehr, Erdnüsse und andere wichtige Nahrungsmittelallergene zwischen vier und sechs Monaten einzuführen, ohne vorheriges Screening oder Tests, sagt Hill. Eine Erdnussallergie entsteht, wenn das körpereigene Immunsystem Proteine in Erdnüssen fälschlicherweise als schädlich identifiziert und Chemikalien freisetzt, die allergische Symptome auslösen. Diese reichen von Nesselsucht, also juckenden Rötungen der Haut, über Atembeschwerden und bis zu einer lebensbedrohlichen Anaphylaxie, also einer allergischen Überreaktion. Jahrzehntelang empfahlen Ärzte in den USA, Kindern erst ab drei Jahren Erdnüsse zu geben, um mögliche Allergien zu verhindern. Die 2015 veröffentlichte Studie des Allergologen Gideon Lack und Kollegen wies nach, dass es das Risiko einer Erdnussallergie aber um mehr als 80 Prozent verringert, wenn Säuglinge schon früh Erdnussprodukte bekommen. Das widersprach den jahrzehntelangen Empfehlungen. Spätere Analysen zeigten, dass dieser Schutz bei der Mehrheit der Kinder bis ins Jugendalter anhielt. Schnell stieß diese Forschung neue Leitlinien an, die eine frühe Einführung von Erdnussprodukten bei Kleinkindern empfahl – in der Praxis wurden sie aber nur schleppend umgesetzt. Bei dem Thema herrschte weiter Verwirrung und Unsicherheit, heißt es in einem Kommentar in "Pediatrics". Die neue Studie biete jedoch "vielversprechende Beweise dafür, dass die frühe Allergeneinführung nicht nur angenommen wird, sondern auch messbare Auswirkung hat." Der Kommentar schränkt aber auch ein, dass die Analyse wegen der Datenbasis womöglich nicht repräsentativ für alle Kinder in den USA ist. Ebenso lassen sich die Ergebnisse womöglich nicht einfach auf andere Länder übertragen – einer Studie von 2022 zufolge hat sich die Verbreitung von Erdnussallergie in Australien nicht messbar verändert, seitdem dort eine frühe Einführung von Erdnussprodukten empfohlen wurde. In Deutschland wurde die Empfehlung nicht übernommen, Kleinkindern schon gezielt Erdnussprodukte zu geben. Länder, die eine frühe Erdnussgabe empfehlen, seien auch jene, in denen die Erdnuss viel häufiger konsumiert werde und Erdnussallergien daher viel öfter auftreten als hierzulande, sagte die Allergologin Katharina Blümchen vor einiger Zeit dem SPIEGEL . Eltern, die ihren Kindern früh Erdnussmus geben wollten, empfahl sie: "Dann bitte auf jeden Fall regelmäßig und nicht über einen längeren Zeitraum aufhören." Denn würden Erdnussprodukte nur kurz im ersten Lebensjahr gefüttert und dann längere Zeit nicht mehr, könnte dies eine Allergie fördern, so der Verdacht. Was Sie sonst noch über Erdnussallergien wissen sollten, lesen Sie hier .