Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Früher war mehr Lebensgefahr

Datum16.01.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Newsletter aus Hamburg thematisiert die aktuelle Stimmung in der Stadt nach dem Schneesturm, die anhaltende Kälte und die Melancholie der Einwohner. Ein Tod eines Obdachlosen vor der Lombardsbrücke führt zu einer Debatte um mehr Hilfen für Obdachlose. Zudem wurden von Ryanair Flugverbindungen ab Hamburg gestrichen, und die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen bleibt weiterhin bestehen. Im Hintergrund findet auch ein Gerichtfall wegen Mordes an einer Frau statt.

InhaltDie Elbvertiefung am Freitag – mit Melancholie im Tauwetter, einer Debatte um Hilfe für Obdachlose, weniger Gehalt für Frauen und gestrichenen Flugverbindungen ab Hamburg es herrscht eine seltsame Stimmung in dieser Stadt, finden Sie nicht? Vor einer Woche leuchteten wegen Tief Elli alle Warn-Apps rot, jeder Schritt vor die Tür war bedrohlich. Nun ist der Schneesturm fort, und das Eis schmilzt, aber darunter steckt auch Melancholie. "In mir ist so ein Loch", sagte meine Tochter mit elfjährigem Ernst. "Ich vermisse den Schnee. Worauf soll ich mich denn noch freuen?" Ein Freund: "Noch am Montag war es so glatt, ich sah aus wie ein Eiskunstläufer, als ich versucht habe, nicht hinzuknallen." Und er schaute dabei, als wäre es eine Schande, dass er nicht weiter an seiner Kür arbeiten kann. Ein Kollege: "Das helle Weiß hat alle Traurigkeit weggeblasen. Grau und Braun können das einfach nicht." Ich warte nur noch darauf, dass jemand im unabsichtlichen Opa-Hoppenstedt-Tonfall ruft:  "Früher war mehr Lebensgefahr!" Vielleicht geht es Ihnen da ganz anders. Vielleicht gibt es aber auch Gründe dafür, dass diese Stadt mit dem nüchternen Normalwetter schlechter zurechtkommt als sonst. Ich dachte darüber nach, als ich, um der alten Zeiten willen, gestern Abend die letzten Schneeinseln auf dem Nachhauseweg im Pinguingang überquerte (Schlittern ging nicht mehr, ich habe es versucht). Meine Freundin hatte dann eine Erklärung parat. Sie sagte: Im Schneetreiben war gar nicht alles besser, aber eben langsamer. So, als hätte 2026 doch noch nicht richtig begonnen, als wäre der Neujahrstag nachträglich verlängert worden, als verpassten wir nichts, wenn wir uns einmal Ruhe gönnen. Das stimmt ja auch, nur es fällt jetzt schwerer, daran zu glauben. Ich habe gestern noch hilflos durch meine Wetter-App gewischt, bis zum 16-Tage-Trend, aber: keine Schneeflocke mehr in Sicht. Immerhin ist es doch eine schöne Challenge, trotzdem entspannt zu bleiben. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende! Ihr Christoph Heinemann PS: Seit Anfang des Jahres erscheint dieser Newsletter wieder montags bis freitags, wie gewohnt um 6 Uhr morgens. Am Wochenende hören Sie in unserem Podcast die Hintergründe zu einem wichtigen Thema der Woche. In der aktuellen Folge spricht Florian Zinnecker mit Tom Kroll und Christoph Twickel über diesen Winter und darüber, was Hamburg für den nächsten lernen kann; die Folge können Sie heute ab 17 Uhr hier hören. Der Tod eines 59 Jahre alten Mannes vor einem Zelt auf der Lombardsbrücke sorgt für eine Debatte um zusätzliche Hilfen. Der Landesverband des Sozialverbands Deutschland fordert ein neues Konzept für die Unterbringung von Obdachlosen in Hamburg. Die kalten Temperaturen trugen möglicherweise zum Tod des 59-Jährigen bei, die Polizei hat keine Hinweise auf Fremdverschulden oder einen Suizid. Die irische Billigfluggesellschaft Ryanair streicht weitere Flugverbindungen ab Hamburg. Man werde die Kapazität um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr reduzieren, teilte die Airline mit, ohne Details zu nennen. Vom Flughafen heißt es, Ryanair wolle auf sechs Flüge von und nach Hamburg pro Woche verzichten. Die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen bleibt in Hamburg groß. Bei vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiografien verdienten Frauen im Jahr 2025 sieben Prozent weniger als Männer, teilte das Statistikamt mit. Damit hat sich im Vergleich zum Jahr 2024 keine Veränderung ergeben. Nicht berücksichtigt wurde beispielsweise das individuelle Verhalten in Gehaltsverhandlungen. • Das lange gefährdete Bundesliga-Spiel des Hamburger SV gegen Borussia Mönchengladbach kann am Samstag stattfinden. Wegen Statikproblemen am Dach der Arena war das zuvor angesetzte Spiel gegen Bayer Leverkusen abgesagt worden • Die Zahl der niedergelassenen Zahnärztinnen und Zahnärzte in Hamburg ist leicht gesunken. Ende 2025 arbeiteten noch 1.147 Niedergelassene in 988 Praxen • Wegen eines Krankheitsfalls ist der 30. Verhandlungstermin im Block-Prozess abgesagt worden In einem Hamburger Mehrfamilienhaus ersticht ein Mann seine Frau in einem Gewaltrausch. Am Ende bleibt ein dreijähriger Junge zurück und ein Gericht, das kein Motiv für die Tat findet. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem ZEIT-Verbrechen-Artikel von Leonie Daumer. Bis zum 2. Januar 2025 hätte man das hell verklinkerte Mehrfamilienhaus im wohlhabenden Hamburger Norden eine Idylle nennen können. Das Haus liegt nur wenige Hundert Meter entfernt von einem beschaulichen Wanderweg im Grünen entlang des Tarpenbek-Bachs. Hier leben vor allem junge Familien. Doch um 20.28 Uhr, es war ein Donnerstag, fand diese gutbürgerliche Ruhe ein jähes Ende: Der 38-jährige Daniel Sauter* erstach seine Frau, die Mutter seines Kindes Tim, im Treppenhaus. Sein irres Motiv wird er später vor den Ermittlern erklären: Er habe seinen dreijährigen Sohn schützen wollen, den seine Mutter mit Kokain vergiftet habe. Ein Nachbar, ein junger Werbetexter aus dem ersten Stock, fand die sterbende Stefanie Sauter im Treppenhaus. Ein Szenario, "schlimmer als in jedem Horrorfilm", wird er fünf Monate danach vor dem Landgericht Hamburg sagen. Die Staatsanwaltschaft klagt Daniel Sauter wegen Mordes an. Doch es gibt noch eine weitere Anklage, außerhalb des Gerichtsgebäudes: Nur wenige Tage nach der Tat ist in der Presse bereits von Femizid die Rede, also der Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist. Dementsprechend groß ist der Medienandrang, als im Juni 2025 der Prozess beginnt. Im Sitzungssaal wirkt der Angeklagte, ein zwei Meter großer, schlaksiger Deutschamerikaner mit ordentlich getrimmtem Schnauzer, meist aufmerksam. Emsig tippt und scrollt er an seinem Laptop oder zeigt seinem Anwalt etwas darauf. Nur ab und zu sind seine schweren Atemzüge im Saal zu hören. Er wendet den Blick vom Vorsitzenden Richter ab, als dieser das rund 37 Zentimeter lange Tatmesser inspiziert. Daniel Sauter hatte es an jenem Abend aus dem Messerblock in der Küche gezogen, um seine Frau "zur Besinnung zu bringen" – weil das früher schon einmal geklappt habe. So lässt er es am ersten Prozesstag in einer Einlassung von seinem Anwalt verlesen. Seiner getöteten Ehefrau hat er posthum die "Verdachtsdiagnose Borderline" gestellt. Die psychiatrische Sachverständige des Falls findet jedoch trotz Abfragens der entsprechenden Symptome bei Zeugen, die Stefanie Sauter nahestanden, keine überzeugenden Anhaltspunkte für eine emotional instabile Persönlichkeit. * Zum Schutz der Persönlichkeitsrechte wurden die Namen der Familienmitglieder geändert Ob es vor Gericht gelang, die Aussagen von Daniel Sauter mit den Schilderungen von anderen in Deckung zu bringen, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung auf zeit.de. "Auch wenn die liebe Riege nun von billigen Trittbrettfahrern noch ein zweites Mal plattgemacht wurde: Hamburg hatte seinen Hamburg-Moment." Auf der Krugkoppelbrücke räumt vergangenes Wochenende ein Kapuzenmann die gemeinschaftlich aufgebauten Schneemänner ab. Und die Stadt antwortete mit einem Flashmob, um sie wieder aufzubauen –eine Würdigung von ZEIT-Redakteurin Christine Lemke-Matwey. Der Slogan ist schon mal witzig: "We don’t give a fork." Gabeln gibt es bei Simple wohl wirklich nur für den Beilagensalat. Das Hauptprodukt der neuen Snackbar in der Weidenallee ist aus der Hand zu verspeisen: Sandwiches. Belegte Brote scheinen gerade das große Ding zu sein. Man darf sich das nicht wie bei Subway vorstellen. Statt unendlicher Kombinationen bietet Simple gerade mal vier Sandwiches plus zwei wechselnde Specials. Die haben dafür viel Charakter, was bei der Auswahl des jeweils passenden Brotes beginnt. Beim Pastrami-Sandwich ist es ein leicht getoastetes Sauerteigweißbrot, das die Süße des guten Pökelfleischs aufnimmt und einen Kontrast bildet zu den sauren Pickles und dem frisch geriebenen Meerrettich. Die Brote dämmern nicht wie beim Bäcker fertig in der Auslage, sondern werden nach der Bestellung Stück für Stück zusammengesetzt, was ein paar Minuten dauert. Wer die üblichen Stullen gewohnt ist, wird die von Simple fast überwürzt finden: Mit Zutaten wie Estragon (zur Burrata) oder Koriander (zum koreanischen Schweinebauch) meinen sie es hier gut. Aber es sind eben frische Aromen und keine Fertigsaucen. Wer sich gern über Preise aufregt, hat hier Gelegenheit: Ein Sandwich bei Simple kostet um die 12€. So ist das nun mal, wenn man bei einem Hype dabei sein will. Zumindest verspricht dieser mehr als der vorherige um Bánh mì, das vietnamesiche Sandwich. Michael Almaier Simple, Weidenallee 24a, Eimsbüttel Bei "Gemeinsam hinschauen: Kolonialgeschichte(n) in der Kunst" bietet die Kunsthalle einen Rundgang durch die Sammlung mit Fokus auf die koloniale Vergangenheit und koloniale Kontinuitäten anhand ausgewählter Kunstwerke. Die interaktive Führung leitet Lucia Rainer-Wichmann. "Gemeinsam hinschauen: Kolonialgeschichte(n) in der Kunst", 23.1., 16.15 Uhr, Kunsthalle, Glockengießerwall 5, Treffpunkt: Lichtwarkgalerie/Altbautreppenhaus/Empore, Tickets erhalten Sie hier  Auf dem Wandsbeker Wochenmarkt, ein Obst-und-Gemüse-Stand. Eine Kundin lässt eine Münze hörbar in die Auslage fallen. Verkäufer: "Werfen Sie mit Geld um sich, am besten in meine Richtung! Und am liebsten mit Scheinen – die tun nicht so weh." Gehört von Wiebke Neelsen Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.