Erneuter Kreuzbandriss bei DFB-Star: Die Tragik der Lena Oberdorf

Datum20.10.2025 18:40

Quellewww.spiegel.de

TLDRLena Oberdorf, die 23-jährige DFB-Starspielerin, hat sich erneut das Kreuzband im rechten Knie gerissen, nur wenige Monate nach ihrem Comeback. Dies ist ein schwerer Rückschlag für ihre Karriere und den deutschen Fußball, da sie als zentrale Spielerin im Team gilt. Oberdorf war zuvor 15 Monate verletzt, und ihre Rückkehr wurde bereits sehnlichst erwartet. Ihre Verletzung ist Teil eines größeren Problems im Frauensport, wo immer mehr Spielerinnen von ähnlichen Verletzungen betroffen sind. Die Ursachen werden weiterhin untersucht.

InhaltLena Oberdorf musste 15 Monate pausieren, jetzt hat sie sich kurz nach ihrem Comeback zum zweiten Mal das Kreuzband gerissen. Für den deutschen Fußball ist das ein Schock. Was bedeutet das für ihre Karriere? Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Es heißt, eine der größten Gefahren für einen erneuten Kreuzbandriss sei nicht der Körper, sondern der Kopf. Wer sich in Zweikämpfen plötzlich zurücknimmt, unnatürliche Bewegungen macht oder zu viel nachdenkt, riskiert genau das, was er eigentlich vermeiden will. Lena Oberdorf, 23, musste sich in dieser Hinsicht nichts vorwerfen. In der 20. Minute des Ligaspiels gegen den 1. FC Köln am Sonntag ging sie kompromisslos in den Zweikampf, scheute keine Kollision mit der Kölnerin Adriana Achcińska auf Höhe der Mittellinie. Mit genau dieser Härte und dem oft perfekten Timing im Zweikampf stieg sie rund um die begeisternden Auftritte der deutschen Nationalelf bei der EM 2022 in England zu einer der aufregendsten Mittelfeldspielerinnen des Planeten auf. Eigentlich hatte die Bayern-Spielerin in jener 20. Minute gegen Köln also alles richtig gemacht: keine Angst gezeigt, keinen Moment darüber nachgedacht, was passieren könnte – und was sie in den 15 Monaten zuvor durchgestanden hatte, die lange, zermürbende Reha nach ihrem ersten Kreuzbandriss im Juli 2024. Doch die Bilder dieser Kollision, Oberdorfs Schreie danach – all das ließ Schlimmes ahnen. Der Bayern-Star wurde seitlich hart am hinteren Oberschenkel getroffen, das Knie drehte sich bei dieser hohen Geschwindigkeit mit. Das rechte Knie, wohlgemerkt, jenes, das schon einmal betroffen war. Am Montag bestätigte der FC Bayern die Befürchtungen: Oberdorf hat sich erneut das Kreuzband im rechten Knie gerissen. Sie wird damit monatelang fehlen, womöglich sogar länger. Ihr Comeback, das sie nach ihrer langen Leidenszeit erst Ende August gefeiert hatte, ist nach nur 318 Einsatzminuten in dieser Saison wieder vorbei. "Diese Nachricht trifft uns alle sehr und wir fühlen mit Lena. Nach ihrer ersten Verletzung hat sie mit großem Willen und unermüdlichem Einsatz an ihrem Comeback gearbeitet", wurde Bayerns Fußballmanagerin Bianca Rech in einer Pressemitteilung zitiert. Dieser Rückschlag sei unglaublich hart. "Wir sind bei dir, Obi", hieß es auf dem Instagram-Account der DFB-Elf der Frauen. Eigentlich hätte Oberdorf dort am kommenden Freitag ihr Comeback geben sollen, im Halbfinale der Nations League gegen Frankreich. Das DFB-Team hatte sich ihre Rückkehr bereits bei der EM im vergangenen Sommer erhofft, muss jetzt aber noch viel länger auf seine Stabilitätsspielerin verzichten. Oberdorfs Verletzung ist ein Rückschlag für den gesamten deutschen Fußball, der trotz des Einzugs ins EM-Halbfinale ein Qualitätsproblem beklagt.  Dennoch ist der Fall Oberdorf vor allem eine persönliche Tragödie. Wenn man bedenkt, wie sie in den vergangenen Monaten gesprochen hat, kann man erahnen, wie schwer die kommenden Monate für sie werden dürften. Ihre erste Reha nannte sie eine "höllische Zeit", in der sie ihr Selbstverständnis als Sportlerin infrage gestellt habe. Im Juli 2024 riss sie sich im EM-Qualifikationsspiel gegen Österreich das Kreuzband und verpasste daraufhin die gesamte Saison bei ihrem neuen Verein, dem FC Bayern München. Bei Olympia 2024 in Paris gewann die DFB-Auswahl die Bronzemedaille, bei der EM 2025 in der Schweiz gab es eine Rekordkulisse. Und Oberdorf musste zusehen. Der Fall der Lena Oberdorf ist ein besonders tragischer. Er ist aber Teil eines größeren Problems im Fußball der Frauen. Aktuell fallen rund 60 Spielerinnen in den europäischen Topligen und den USA aufgrund eines Kreuzbandrisses aus. Die genauen Ursachen werden immer noch erforscht, es gibt jedoch bereits einige Erklärungsansätze. Anatomisch haben Frauen ein breiteres Becken, was zu einer ungünstigen Ausrichtung des Knies führen kann – oft in Form von X-Beinen –, die das vordere Kreuzband besonders belasten. Ein weiterer möglicher Faktor könnten hormonelle Schwankungen im Menstruationszyklus sein. Eine neue, von der Fifa finanzierte Studie will diesen Zusammenhang nun genauer untersuchen. Für viele Spielerinnen kommt diese Forschung eigentlich zu spät, denn der Terminkalender der Fußballerinnen ist längst eng getaktet. Gleichzeitig sind die Trainingsbedingungen an vielen Standorten weiterhin unzureichend. Und die Zahl der Kreuzbandrisse steigt. Oberdorf hatte aber optimale Reha-Möglichkeiten beim FC Bayern, ihre Ausfallzeit von über einem Jahr schien auch deshalb außergewöhnlich lang. Der Klub bat zudem immer wieder darum, ihr die nötige Zeit zu geben – er war es auch, der eine EM-Nominierung von Oberdorf im Sommer verhinderte. Sollte sie erneut so lange ausfallen wie beim ersten Riss, wäre sie bei ihrem zweiten Comeback 25 Jahre alt und damit noch im besten Fußballerinnenalter. Allerdings wäre Oberdorf dann auch eine Spielerin, die über drei Jahre lang nicht mehr über einen längeren Zeitraum auf dem Feld gestanden hätte. Drei Jahre ohne Spielpraxis, ohne Topspiele, ohne Zweikämpfe. Oberdorf lebt von ihrer Zweikampfhärte und muss ihrem Körper dafür vertrauen. Bereits während der Reha nach ihrem ersten Kreuzbandriss sagte sie, es habe sehr lange gedauert, bis sie ihrem Körper wieder Belastungen zutrauen konnte. Dieses Sicherheitsgefühl muss sie nun erneut wiedererlangen. Das dürfte fast die größte Herausforderung werden, nachdem ihr rechtes Knie direkt nach einem intensiven Zweikampf erneut in Mitleidenschaft gezogen wurde. Rückhalt bekommt Oberdorf aus den eigenen Reihen. Ihre Münchner Teamkollegin Giulia Gwinn hat sich nach zwei Kreuzbandrissen beeindruckend zurückgekämpft. Und Nia Künzer, einst Nationalspielerin und heute DFB-Managerin, trug in ihrer Laufbahn sogar vier Kreuzbandrisse davon. Nach Bekanntgabe ihrer Diagnose postete Oberdorf ein schwarz-weißes Foto von sich als Fußballerin, fast wie bei einem Nachruf auf die eigene Karriere. Sie schrieb aber dazu: "Until we meet again..." – Bis wir uns wiedersehen. Ihr Kampf für die Rückkehr beginnt nun von vorne.