Datum15.01.2026 20:40
Quellewww.spiegel.de
TLDRIn Deutschland fehlen bis Ende 2024 1,4 Millionen Wohnungen, laut einer Studie des Pestel-Instituts. Der Bau neuer Wohnungen stagniert bei etwa 200.000 jährlich, was die Krise verschärft. Besonders betroffen sind junge Menschen, ältere Bürger und Menschen mit Behinderungen. Nordrhein-Westfalen und Bayern haben die größten Defizite. Ostdeutschland zeigt bessere Wohnverhältnisse. Das Bündnis Soziales Wohnen fordert einen Bund-Länder-Pakt, um bis zu 2 Millionen Sozialwohnungen zu schaffen. Die aktuelle Wohnungsnot beeinflusst die wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
InhaltDie Wohnungsnot hat bundesweit einen Rekordwert erreicht, und die Lage soll sich erst mal nicht bessern. Zu dem Ergebnis kommt das Pestel-Institut in einer neuen Studie. Vor allem westliche Bundesländer seien betroffen. Der Wohnungsmangel in Deutschland hat nach Einschätzung des Pestel-Instituts bereits Ende 2024 einen Rekordstand von bundesweit 1,4 Millionen fehlenden Wohnungen erreicht. Die Lage soll sich in den nächsten Jahren laut einer neuen Studie nicht bessern, erklärte Pestel-Chefökonom Matthias Günther in Berlin. Für die nähere Zukunft erwartet das Institut den Bau von lediglich rund 200.000 neuen Wohnungen pro Jahr, etwa halb so viele wie der angenommene jährliche Bedarf. Der Wohnungsmangel ist der Analyse zufolge zur Wirtschaftsbremse geworden. "Die Lösung der sozialen Frage dieser Zeit, wie es die Politik gern formuliert, ist auch die notwendige Voraussetzung für eine wirtschaftliche Belebung des Landes", sagte Günther. Auftraggeber der Studie war das Bündnis Soziales Wohnen, ein Zusammenschluss des Deutschen Mieterbunds, der IG Bau, der Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau und anderer Organisationen. Am stärksten unter der Entwicklung leiden wegen ihrer begrenzten Einkommen demnach die junge Generation bis 25, ältere Menschen und Menschen mit Behinderung. "Wir müssen junge Menschen heute komplett zu den benachteiligten Gruppen zählen", sagte Günther. Und viele ältere Großstadtbewohner könnten sich nach dem Ende des Arbeitslebens ihre Mietwohnungen nicht mehr leisten. "Die müssen dort wegziehen, weil sie das Wohnen dort nicht mehr bezahlen können." In den nächsten Jahren werde das Problem nicht kleiner, sondern eher größer, prophezeite der Ökonom. In absoluten Zahlen liegen die beiden größten und bevölkerungsreichsten Bundesländer an der Spitze: In Nordrhein-Westfalen fehlten Ende 2024 demnach 376.000 Wohnungen, in Bayern 233.000. Den Gesamtbedarf bis 2030 schätzt das Pestel-Institut auf bis zu 2,4 Millionen neue Wohnungen. Doch ganz generell ist das Problem laut Pestel im Westen größer als im Osten: "Ostdeutschland sieht vom Wohnungsangebot her in dem Bereich deutlich besser aus, als die meisten westdeutschen Länder", sagte Günther. Als Grund nannte der Wissenschaftler die starke kommunale und genossenschaftliche Wohnungswirtschaft in den neuen Ländern. Das Bündnis Soziales Wohnen forderte einen Bund-Länder-Pakt für den Wohnungsbau, insbesondere den Bau von mehr Sozialwohnungen. Der Staat müsse immer höhere Leistungen für die Unterstützung bei den Wohnkosten aufbringen, sagte Mieterbunds-Präsidentin Melanie Weber-Moritz. "Und das kombiniert mit den Zwangsumzügen ist für uns eine Situation, die nicht mehr tragbar ist. (...) Wir brauchen mindestens zwei Millionen Sozialwohnungen in den kommenden Jahren." Ganze Bevölkerungsgruppen würden mittlerweile von der Wohnung ausgeschlossen und diskriminiert, kritisierte Janina Bessenich, die Bundesgeschäftsführerin der Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie. "Es ist tatsächlich nicht die Migration das Hauptproblem in unserer Gesellschaft, sondern die Wohnungsnot." Die Berechnungen basieren auf Daten der statistischen Ämter. Zwar steht in Deutschland geschätzt auch eine siebenstellige Zahl von Wohnungen leer. Doch deren Wiedervermietung würde nach Einschätzung des Pestel-Instituts das Wohnungsproblem vornehmlich im Westen nicht lösen, da der Leerstand in jenen ländlichen Regionen am höchsten ist, in denen auch der Bedarf geringer ist.