Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Einfach nur Winter? Was hinter der Wetter-Aufregung wirklich steckt

Datum14.01.2026 06:00

Quellewww.zeit.de

TLDRIn Hamburg sorgten das winterliche Wetter und die anschließenden Unwetterwarnungen für Aufregung. Die Gegner einer Olympia-Bewerbung präsentierten ihre Argumente gegen die Spiele, während die Hamburger Feuerwehr aufgrund von Eiszapfen und Schneemengen zahlreich ausrückte. Zudem gab es einen Vorfall, bei dem ein Mann im Zug ohne Ticket als DB-Mitarbeiter auftrat. Nachrichten über Vorwürfe gegen den ehemaligen HSV-Sportvorstand Stefan Kuntz aufgrund sexualisierter Übergriffe sorgten ebenfalls für Aufsehen.

InhaltDie Elbvertiefung am Mittwoch – mit dem großen Auftritt der Olympia-Gegner, einer Warnung vor Eiszapfen und Tipps fürs Fahrradfahren bei Eis, Schnee und Matsch am vergangenen Wochenende, es war der Tag nach dem großen Hamburger Schneekataströphchen, bin ich nach Einbruch der Dunkelheit durch das verschneite Wellingsbüttel spaziert. Aus den Fenstern der herrschaftlichen Häuser funkelte es warm über die weiße Pracht, ich wanderte mitten auf einer schneebedeckten Nebenstraße durch den stark verlangsamten Vorort, weil das schöner war, als auf dem Bürgersteig am Straßenrand zu gehen. Ein- oder zweimal musste ich zur Seite treten, um gemächlich durch die Nacht gleitenden Limousinen mit Allradantrieb Platz zu machen. Der Vorschlag der CDU, die Schönheit eines solchen Abends zugunsten nasser schwarzer Straßen- und Gehwegflächen wegzusalzen, erschien mir noch absurder, als ich ihn ohnehin schon fand. Was mir bei diesem Spaziergang bewusst wurde, war, dass ich gerade einen Ausnahmezustand erlebte, eine Stadtlandschaft, wie ich sie lange nicht gesehen hatte und so schnell womöglich auch nicht wieder sehen werde. Und dieses Wort, Ausnahmezustand, half mir erst, die seltsame Aufgeregtheit der vergangenen Tage zu verstehen (wobei die Aufgeregtheit der Hamburger CDU natürlich nicht seltsam ist, sondern ihr Normalzustand). Aber ist das nicht ohnehin normal: dass Menschen – auch solche, die sich sonst um würdevolle oder von mir aus "hanseatische" Gelassenheit bemühen – angesichts eines Ausnahmezustands mal die Fassung verlieren? Während ich dies schreibe, kann ich in meinem Mobiltelefon eine aktuelle "Unwetterwarnung" lesen, "Alarmstufe: Hoch – Deutliche Bedrohung für Leben oder Besitz". Sie bezieht sich auf den Sprühregen, der draußen auf meiner Terrasse die Schneehaufen mit einer dünnen Kruste überzogen hat, aber zweifellos an anderen Stellen für Glätte sorgt. Als Kind konnte ich einmal bei einer Wetterlage, die in den 1970er-Jahren extrem war, mit Schlittschuhen kilometerweit über vereiste Straßen fahren. Vermutlich gab es damals weitaus drastischere Bedrohungen für Leben und Besitz, als die Hamburger sie dieser Tage ertragen, aber es war eben normal, dass Straßen im Winter auch mal glatt sein können. Die Pointe dieser Überlegungen ist, dass ausgerechnet das winterliche, tief verschneite Hamburg mit seinen Unwetterwarnungen, der medialen und parteipolitischen Aufgeregtheit, mit seinen besorgten Bürgermeisteransprachen und den übellaunigen Beschwerden über schlecht geräumte Gehwege – letztlich eine Folge der globalen Erwärmung ist. Nicht der Schnee natürlich, der ist nicht wegen, sondern trotz der Klimaveränderung gefallen. Aber dass eine solche Wetterlage zur Ausnahme geworden ist, zum Extremwetterereignis: Das verdanken wir dem Klimawandel. Kommen Sie sicher durch den Tag! Ihr Frank Drieschner Nach zahlreichen Olympia-Befürwortern – allen voran Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) – haben sich nun die Gegner des Sportgroßereignisses in Hamburg in Stellung gebracht. Einen Tag vor dem geplanten Bürgerschaftsbeschluss, mit dem ein Referendum über eine Olympia-Bewerbung für den 31. Mai angesetzt werden soll, präsentierte das Bündnis NOlympia seine Position. Unter dem Motto "Hamburg hat etwas Besseres verdient" führte es dabei Argumente auf, warum Hamburg dringend die Finger von den Olympischen Spielen lassen sollte. Diese Punkte reichen von den Kosten der Spiele über den Klimaschutz bis hin zum Gebaren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Um die Broschüre mit den Gegenargumenten in die Abstimmungsunterlagen für das Hamburger Referendum zu bekommen, will das Bündnis von Ende Januar an innerhalb von drei Wochen 10.000 Unterschriften sammeln. Auf der Lombardsbrücke zwischen Binnen- und Außenalster haben Polizei und Feuerwehr vor einem Zelt einen toten Mann gefunden. Es gebe keine Hinweise auf Fremdeinwirkung oder Suizid, sagte eine Polizeisprecherin. Es liege nahe, dass der 59 Jahre alte Mann obdachlos war. Ein Mann hat sich mehrfach als Mitarbeiter der Deutschen Bahn ausgegeben und verkleidet, um ohne Fahrschein Zug zu fahren. Der 43-Jährige sei einem richtigen Bahnmitarbeiter in einem ICE auf dem Weg von Berlin nach Hamburg aufgefallen, teilte die Bundespolizei mit. Er trug einen Schal und eine Jacke der Deutschen Bahn und wirkte stark alkoholisiert. Ein Zugbegleiter informierte die Bundespolizei, die ihn am Montagabend am Bahnhof in Lüneburg aus dem Zug holte. Nach ersten Erkenntnissen sei der Mann zuletzt mehrfach durch dieselbe Betrugsmasche aufgefallen. Zwar sind die Temperaturen über den Gefrierpunkt gestiegen und sollen dort laut Prognosen des Deutschen Wetterdienstes in dieser Woche auch bleiben. Aber das Tauwetter bringt neue Gefahren: Durch den Regen wird der Schnee schwerer, wodurch die Dächer belastet werden. Die Feuerwehr rückte am Dienstag zudem rund 30-mal aus, um Eiszapfen von Dächern zu entfernen. Vor einer Vielzahl von Gebäuden haben Polizei und Feuerwehr außerdem Wege abgesperrt, auf denen Passanten von Eis oder herunterfallendem Schnee getroffen werden könnten. Hausbesitzer dürfen ihr Grundstück auch selbst absperren, um Fußgänger zu schützen, teilte die Feuerwehr Hamburg mit. "Dächer und Balkone, an die ihr selbst herankommt, könnt ihr natürlich auch selbst von Schnee befreien", hieß es weiter. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenschutz rät, eine sichere Entfernung zu geneigten Dächern einzuhalten. Helene Altgelt • Die Feuerwehr hat am Montagabend eine schwangere Frau aus einer brennenden Wohnung im fünften Stock einer Wohnunterkunft in Farmsen-Berne gerettet • In Hamburg sind 2024 so viele Ehen geschlossen worden wie seit Jahren nicht mehr. 5.320 Paare haben sich das Ja-Wort gegeben, 821 beziehungsweise 18,3 Prozent mehr als im Jahr 2023, wie das Statistikamt Nord mitteilte. Die Zahl der Scheidungen sank 2024 leicht von 2.619 auf 2.613 • Weil Schnee und Eis kurz vor dem Elbtunnel auf die Fahrbahn zu stürzen drohten, war die Autobahn 7 am Dienstag in Richtung Norden für gut zwei Stunden gesperrt Stefan Kuntz hat den HSV offenbar doch nicht freiwillig verlassen – sondern weil es Vorwürfe von schwerwiegendem Fehlverhalten gab. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel von Daniel Jovanov und Christoph Heinemann. Der Hamburger Sport-Verein stellte sich mehrfach hinter Mitarbeiter, gegen die schwere Vorwürfe laut wurden. Im Jahr 2019 etwa, als es fast jeden Tag Schlagzeilen zur Identität des Flügelspielers Bakery Jatta gab, und auch drei Jahre später, als der Verteidiger Mario Vušković positiv auf das verbotene Dopingmittel EPO getestet wurde. Bei Stefan Kuntz, bis Ende Dezember noch Sportvorstand beim HSV, ist das anders. Als der HSV zu Beginn des Jahres die Trennung von Stefan Kuntz bekannt gab, jenem Mann, der den Aufstieg des Vereins in die Erste Bundesliga maßgeblich mitverantwortete, war die offizielle Begründung knapp. Der Sportvorstand habe den Aufsichtsrat aus "persönlichen familiären Gründen" um eine sofortige Vertragsbeendigung gebeten.  Am Montag bestätigte der HSV-Aufsichtsrat in einem ausführlichen Statement, dass es, wie zuvor in der Bild-Zeitung berichtet, Vorwürfe eines schwerwiegenden Fehlverhaltens gegen Stefan Kuntz gegeben hatte. Demnach waren diese dem Gremium im Dezember 2025 von Mitarbeiterinnen zugetragen worden. Laut der Bild-Zeitung geht es dabei um Vorwürfe verbaler sexueller Belästigung. Mehrere Mitarbeiterinnen schilderten demnach Aussagen von Kuntz, die sie als unangemessen und übergriffig empfunden hätten. Eine der Frauen berichtete laut Bild-Zeitung von Situationen, in denen sie sich durch Äußerungen von Kuntz unter Druck gesetzt gefühlt habe, sexuelle Handlungen vorzunehmen. Der Aufsichtsrat habe daraufhin, so hieß es nun im Statement des Vereins, externe, spezialisierte Anwälte eingeschaltet und Gespräche mit Betroffenen geführt. Nach eigener Darstellung kamen die Juristen zu der Einschätzung, die Vorwürfe seien glaubhaft. Auf dieser Grundlage wurde eine schnellstmögliche Trennung angestrebt, der Kuntz schließlich zustimmte.  Der Abschied, so viel ist jetzt mehr als wahrscheinlich, war also keine eigenständige und private Entscheidung von Stefan Kuntz. Die Trennung folgte offensichtlich einem arbeitsrechtlichen Verfahren unter erheblichem Zeitdruck.  Kuntz hat die Anschuldigungen in einer Stellungnahme auf Instagram am Sonntag zurückgewiesen und sprach unter anderem von Vorverurteilungen. Die vollständige Fassung dieses Textes lesen Sie hier auf zeit.de. "Im Grunde will ich niemandem abraten, Fahrrad zu fahren, aber es ist trotzdem arschgefährlich." Auch bei diesem Wetter gibt es Menschen, die auf das Fahrrad angewiesen sind. ZEIT-Autor Tom Kroll hat einen von ihnen getroffen und nach Tipps gefragt. Begleitend zur Inszenierung Das große Heft am Schauspielhaus (nächste Aufführung am 29.1.) finden mehrere Diskursveranstaltungen statt. Unter dem Titel "Die klare Linie des Schmerzes" widmet sich ein Gespräch in Kooperation mit der Katholischen Akademie Hamburg Fragen der Traumabewältigung und der seelischen wie körperlichen Selbstbehauptung angesichts von Gewalt. Es diskutieren der Dramaturg Christian Tschirner sowie der Philosoph und Psychologe Werner Theobald; moderiert wird der Abend von Veronika Schlör. "Die klare Linie des Schmerzes", 26.1., 19 Uhr; Rangfoyer, Schauspielhaus, Kirchenalle 39; Tickets gibt es hier Drei Frauen im Zug: "Riecht der Lipgloss nach Banane?" – "Mmh, nee, das soll keine Banane sein. Rötlicher Lipgloss mit Bananengeschmack, das macht doch keiner." Plötzlich: "Wenn du es auf den Lippen hast, dann ist es Banane. Dann wird das mit deinem Körper zu Banane." Aufgeschrieben von Friederike Walter Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren.