Berliner Theatertreffen: Sieg der kleineren Bühnen über die Großstadtkunst

Datum13.01.2026 19:00

Quellewww.spiegel.de

TLDRDas Berliner Theatertreffen präsentiert zehn herausragende Inszenierungen, wobei der Fokus auf politisch ambitionierten und kleineren Bühnenarbeiten liegt. Die Auswahl umfasst bemerkenswerte Produktionen aus Wien, München und Zürich, die gesellschaftskritische Themen behandeln, darunter der Rechtsruck und die Klimakatastrophe. Sechs der zehn Stücke werden von Regisseurinnen geleitet, was die Frauenpräsenz betont. Inszenierungen wie "Fräulein Else" und "A Year without Summer" stehen im Zeichen einer Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragen.

InhaltEine Jury aus Kritikerinnen und Kritikern hat heute zehn herausragende Inszenierungen für das Berliner Theatertreffen benannt. Dabei haben sie sich offenbar besonders für politisch ambitionierte Bühnenarbeiten begeistert. Der Rechtsruck als Geschichte eines Liebespaars – das ist eine der Attraktionen, die in diesem Jahr beim Berliner Theatertreffen zu sehen sein sollen. Zur Auswahl der zehn herausragenden Inszenierungen, die heute von der Theatertreffenjury vorgestellt wurde, gehört die Inszenierung "Three Times Left is Right" des Regisseurs Julian Hetzel, die bei den Wiener Festwochen herauskam. Die Schauspielerin Kristien De Proost und ihr Kollege Josse De Pauw spielen in der Aufführung ein Paar, das sich in einem kunstvollen Bühnen-Arrangement erbittert über politische Fragen zankt und zerlegt – als Vorbild des Theaterduos wollen Kritiker die medial stark beachtete Partnerverbindung zwischen dem linken Kulturwissenschaftler Helmut Lethen und der rechten Publizistin Caroline Sommerfeld erkannt haben. Zweimal Wien, zweimal München, einmal Zürich und aus Berlin nur eine Produktion der Tanztheater-Berserkerin Florentina Holzinger, das ist eine mögliche Zusammenfassung der aktuellen Zehnerauswahl, die heute vorgestellt wurde. Seit 1965 ist das Theatertreffen dafür eingerichtet, jedes Jahr im Mai in Berlin die "bemerkenswertesten", also künstlerisch aufregendsten Schauspielproduktionen zu präsentieren. Man kann die diesjährige Jury-Auswahl zunächst vor allem als Lob des Reichtums der Theaterlandschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz interpretieren. Zahlreiche Dickschiffe des Großstadt-Theaterbetriebs – darunter das Burgtheater in Wien, das Schauspielhaus in Hamburg und aus der Hauptstadt das Deutsche Theater, das Berliner Ensemble und die Schaubühne – kommen in diesem Jahr nicht zum Zug. Dafür kleinere Theater in Cottbus, Potsdam, Basel und das große, aber beim Theatertreffen länger nicht mehr präsente Staatsschauspiel in Stuttgart. Die Arbeit der Stuttgarter Darstellerin Paulina Alpen in der von Lucia Bihler inszenierten Version der Thomas-Melle-Krankengeschichte "Die Welt im Rücken" wird als großes Schauspielerinnen-Kunststück gelobt. Gleichfalls als Triumph einer wirklich tollen Hauptakteurin haben Kritikerinnen und Kritiker die Inszenierung des Arthur-Schnitzler-Stücks "Fräulein Else" durch die Regisseurin Leonie Böhm im Wiener Volkstheater gefeiert. Die fast immer grandiose Julia Riedler spielt die Titelheldin. Vom Theater Basel ist die junge britische Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart mit einer Aktualisierung des Tennessee-Williams-Dramas "Die Glasmenagerie" eingeladen, die Jury erkennt in der Arbeit "die Erschütterung aller Halt gebenden Strukturen". Vom Schauspielhaus Zürich kommt die dortige Co-Intendantin Pınar Karabulut mit einer Bühnenadaption des Romans "Il Gattopardo" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa – sie zeigt in dem Stoff laut Juryurteil "Symptome unserer eigenen Zeitenwende". Noch ein bisschen deutlicher verstehen sich die von den Münchner Kammerspielen eingeladenen Arbeiten als politische Mahnung und Erinnerung an finstere Kriegs- und Terrorzeiten. Das Haus darf mit einem siebenstündigen "Wallenstein" des Regisseurs Jan-Christoph Gockel antreten, der nach Jurymeinung von "Loyalität und der Schwierigkeit, Kriege wieder zu beenden" erzählt. Gleichfalls von den Kammerspielen kommt eine "Mephisto"-Inszenierung der Regisseurin Jette Steckel, in dem die Jury "einen Abgleich zwischen der historischen Vergangenheit und der möglichen Zukunft" sieht. Eine düstere, aber auch wunderbar unterhaltsame Auseinandersetzung mit der Klimakatastrophe ist Florentina Holzingers ausschließlich mit Frauen besetzte Aufführung "A Year without Summer", die an der Berliner Volksbühne herauskam. Holzingers Akteurinnen beschwören das Jahr 1816, in dem eine Vulkanstaubwolke Europa verdüsterte und die 18-jährige Mary Shelley das Monster Frankenstein erfand; die Jury nennt die Show "einen luziden Ritt durch die Optimierungsgeschichte des Homo sapiens". Sechs Regisseurinnen markieren in diesem Jahr eine Frauen-Überzahl in der Theatertreffen-Auswahl, ein männlicher Regisseur allerdings darf gleich zwei Arbeiten präsentieren. Der ehemalige Leipziger Intendant Sebastian Hartmann, für seine Bild-Erfindungen berühmt und wegen einer gewissen Wirrköpfigkeit in der Vergangenheit öfter ungut aufgefallen, hat an zwei kleineren ostdeutschen Theatern zwei angeblich wunderschöne und leuchtend klare Inszenierungen zustande gebracht: in Cottbus Carl Zuckmayers Volkstheaterklassiker "Der Hauptmann von Köpenick" und in Potsdam die Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Serotonin". "Eine kleine Theatersensation" sei die Aufführung, schreibt die Theatertreffenjury nun in der Begründung für die Einladung von "Serotonin". Die Potsdamer Inszenierung erlaube es dem Publikum, "zum Kern des momentan virulenten antimodernen Denkens vorzudringen". Es wirkt fast so, als sei im Augenblick die vornehmste Aufgabe aller Theatermenschen nicht unbedingt die Vulkanforschung, aber die Suche nach den Ursachen für die Verschiebungen in der Tektonik der politischen Auseinandersetzung.