Datum20.10.2025 11:03
Quellewww.spiegel.de
TLDREine Studie in der Fachzeitschrift "Nature" zeigt, dass der Meeresspiegel von 1900 bis 2020 schneller gestiegen ist als in den letzten 4000 Jahren, hauptsächlich durch die Erwärmung der Ozeane und das Schmelzen von Gletschern und Eisschilden. Während der letzten Eiszeit stieg der Meeresspiegel stark an, sank dann jedoch bis zum 19. Jahrhundert. Ab etwa 1990 beschleunigte sich der Anstieg auf im Schnitt 1,51 Millimeter pro Jahr. Küstenstädte wie Jakarta und Shanghai sind durch Absinken und Grundwasserentnahme besonders betroffen.
InhaltMithilfe von Korallenriffen und Mangroven haben Forscher den Meeresspiegel seit Ende der letzten Eiszeit rekonstruiert. Demnach steigt er derzeit besonders schnell. Das hat nicht nur mit schmelzenden Gletschern zu tun. Der weltweite Meeresspiegel ist von 1900 bis 2020 deutlich schneller gestiegen als zu irgendeiner anderen Zeit in den vergangenen 4000 Jahren. Das geht aus einer Untersuchung aus der Fachzeitschrift "Nature" hervor, die die Veränderungen des globalen Meeresspiegels während der vergangenen fast 12.000 Jahren betrachtet hat. Der derzeitige Anstieg des weltweiten Meeresspiegels geht hauptsächlich auf zwei Effekte zurück, wie die Gruppe um Yucheng Lin von der Rutgers University in Piscataway (New Jersey) schreibt: Zum einen wird das Wasser in den Ozeanen wärmer und dehnt sich dabei aus. Zum anderen fließt mehr Wasser in die Ozeane, weil Gebirgsgletscher und die Eisschilde in Grönland und der Antarktis abschmelzen. "Die Gletscher reagieren schneller, weil sie kleiner sind als die Eisschilde, die oft die Größe von Kontinenten haben", wird Lin in einer Mitteilung seiner Universität zitiert. "In Grönland sehen wir derzeit eine immer stärkere Beschleunigung." Nach dem Ende der letzten Eiszeit stieg der Meeresspiegel im Zeitraum vor 11.700 Jahren bis vor 8.200 Jahren der Studie zufolge besonders stark – durchschnittlich um 10,7 Millimeter pro Jahr. Vor rund 6000 Jahren lag der jährliche Anstieg dann noch bei etwa 2,8 Millimetern. Vor rund 3000 Jahren betrug er nur noch 0,4 Millimeter pro Jahr und ging danach weiter zurück. Über die vergangenen 4000 Jahre schwankte der Meeresspiegel demnach in geringem Maße. Erst im 19. Jahrhundert vollzog sich dann ein Wandel: In der ersten Hälfte erhöhte sich der Meeresspiegel demnach nur verhältnismäßig wenig, um durchschnittlich 0,1 Millimeter pro Jahr, in der zweiten Hälfte waren es demnach 0,76 Millimeter. Den durchschnittlichen Anstieg von 1990 bis 2020 beziffern die Wissenschaftler auf 1,51 Millimeter. Aus anderen Studien geht hervor, dass sich der Anstieg in diesem Zeitraum zunehmend beschleunigt hat. Für die Studie untersuchte das Team Tausende Daten aus verschiedenen Quellen, darunter uralte Korallenriffe und Mangroven, die als natürliche Archive vergangener Meeresspiegelhöhen dienen. Diese Daten gingen in eine Modellierungssoftware ein, die Lin selbst entwickelt hat. Damit sei es möglich, verschiedene Ursachen für ein Ansteigen oder Absinken des Meeresspiegels auseinanderzuhalten, heißt es. So kann etwa eine Erdplatte unter eine andere abtauchen und dadurch die obere Platte anheben. Andererseits liegen viele Küstenstädte in der Nähe von Flussmündungen, wo sich der aus Sedimenten bestehende Untergrund durch die Massen an Gebäuden und Straßen verdichtet und dadurch absinkt. Auch dadurch steigt der Meeresspiegel an. Das zeigen die Forscher etwa an Beispielen der Südostküste Chinas. Demnach sind Teile von Shanghai im 20. Jahrhundert um mehr als einen Meter abgesackt – nicht nur, weil der Untergrund absinkt, sondern auch, weil so viel Grundwasser entnommen wird. Anderen Küstenstädten ergeht es noch schlimmer: Die frühere indonesische Hauptstadt Jakarta ist so weit abgesunken, dass Teile der Stadt inzwischen unterhalb des Meeresspiegels liegen. Dort muss permanent Wasser abgepumpt werden.