Datum20.10.2025 14:34
Quellewww.spiegel.de
TLDRIm Formel-1-Titelkampf spitzt sich die Situation um McLaren zu, die ihre Fahrer Lando Norris und Oscar Piastri ohne Stallorder managen wollten. Nach einem Rückschlag in Texas, wo Piastri in einem Unfall verwickelt war, hat Max Verstappen seinen Rückstand auf Piastri auf 40 Punkte verkürzt. Die "Papaya-Regeln" von McLaren stehen in der Kritik, da die Teamdynamik unter Druck gerät. Verstappen könnte in den kommenden Rennen in Führung gehen und damit McLarens Erfolg gefährden, während der Titelkampf spannender denn je wird.
InhaltMcLaren wollte seine beiden Fahrer mit einem Verhaltenskodex und ohne Stallorder zum WM-Titel managen. Das ging lange gut. Doch jetzt holt Max Verstappen auf und die Konkurrenz schaut mit Schadenfreude zu. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Wer Max Verstappen Ende August in Zandvoort prophezeit hätte, dass er vier Grand Prix später 64 Zähler aufgeholt haben und mitten im Formel-WM-Kampf stecken würde, den hätte der Niederländer, wie er selbst sagt, einen "Idioten" genannt. Und das nicht zu Unrecht, wenn man bedenkt, dass Verstappen zu diesem Zeitpunkt mit fast aussichtslosen 104 Punkten Rückstand hinter dem Führenden Oscar Piastri lag. McLaren hatte das beste Auto, es ging eigentlich nur darum, welcher der beiden Piloten die Fahrer-WM holen würde: Lando Norris, der "Kronprinz" des Teams, seit 2019 dort, Vizeweltmeister von 2024, der aber mit Startschwächen hadert und sich zuweilen beim Überholen schwertut. Oder der 24-jährige Australier Piastri, der sich in seiner dritten Formel-1-Saison durch Nervenstärke und Konstanz bereits – in Anlehnung an den Finnen Räikkönen – den Spitznamen "Iceman" erarbeitet hatte. Und der seit dem dritten Rennen in Dschidda in dieser Saison die WM-Liste anführt. Um den Erfolg sicherzustellen, hatte McLaren sich auferlegt, seine beiden hochtalentierten Fahrer mit den in Anlehnung an die Wagenfarbe "Papaya-Regeln" zum Titel zu managen, einer Art Verhaltenskodex, der einen fairen WM-Kampf ohne einseitiges Eingreifen der Teamführung ermöglichen sollte. In der Formel 1 ist das ungewöhnlich, die Festlegung einer Hierarchie unter den Piloten gehört bei den meisten Teams zum Status quo. Die "Papaya-Regeln" von McLaren besagen, dass es keinen Nummer-eins-Fahrer gibt, solange beide noch Chancen auf den Titel haben. Beide Piloten dürfen frei gegeneinander fahren, sollen sich aber nicht berühren oder von der Strecke drängen. Was für die Zuschauerschaft zu einer ziemlich öden Veranstaltung zu werden drohte, gab dem Team aus Woking auf dem Papier recht. An jenem besagten Sommersonntag in Zandvoort fuhren die McLaren erneut in ihrer eigenen Liga. Nach einem Defekt an Norris' Wagen schien das Pendel endgültig zu Piastris Gunsten auszuschlagen, die internationale Presse schrieb von einer Vorentscheidung im WM-Kampf. Doch jetzt, am Rennwochenende in Texas, nur sieben Wochen später, ist genau das passiert, was man vermeiden wollte: Im Sprintrennen zog Piastri am Start nach innen und kollidierte in einer Kettenreaktion mit Nico Hülkenberg und seinem Teamkollegen. Beide McLaren waren zu beschädigt, um weiterzufahren. Strahlender Sieger: Der Dritte im Bunde, Max Verstappen. Bei der Konkurrenz herrschte unverhohlene Schadenfreude. "Wenn das im Hauptrennen passiert für die Papayas, dann ist es schnell vorbei mit den Papaya-Regeln", unkte Mercedes-Teamchef Toto Wolff im Anschluss an den Sprint beim Sender Sky. Und Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko sagte: "Man sieht, dass der Piastri Fehler macht" und schickte ein "Gut so!" nach. Wolff, Marko, Verstappen. Sie alle lauern auf weitere Fehler und reiben sich die Hände. Sie spüren die aufkommende Nervosität beim Traditionsteam McLaren, das sich vorzeitig die Konstrukteurs-WM sicherte, aber seit 2008 auf einen Fahrertitel wartet. Kommt es, fünf Rennen vor Schluss, etwa doch noch zu einem Dreikampf? Scheitert McLaren an seinen eigenen Ansprüchen? Die Formschwäche Piastris in Austin war jedenfalls keine Momentaufnahme, schon länger scheint es unter der Decke der Papaya-Rules zu brodeln: Er sei "froh, dass dieses Wochenende hinter uns liegt", sagte Zak Brown am Sonntagabend in Texas. Doch dass sich die plötzlichen Unsicherheiten in seinem Team bis zum kommenden Sonntag, wenn in Mexiko das nächste Rennen ansteht, auflösen werden, davon kann der McLaren-Boss nicht ausgehen. Bis Zandvoort standen Piastri oder Norris in elf von 15 Rennen ganz oben auf dem Siegerpodest, nun ist McLaren seit vier Rennen sieglos. Im Hauptrennen in Austin kam es zwar zu keinem weiteren Crash, doch Piastri fuhr als Fünfter seinen eigenen Ansprüchen hinterher. Norris konnte sich zwar den zweiten Platz sichern, fand zu Rennbeginn allerdings rund 20 Runden lang keinen Weg vorbei an Charles Leclercs Ferrari. Das Timing zum Stopp sorgte später dafür, dass er ein zweites Mal hinter Leclerc zurückfiel. Das Ergebnis: Verstappen liegt nur noch 40 Punkte hinter Piastri. Norris holte an vier Wochenenden 20 Punkte auf seinen Teamkollegen auf. Rechnerisch könnte Verstappen schon in knapp drei Wochen an der Spitze des Klassements stehen – es wäre das erste Mal in dieser Saison. Nach dem Großen Preis von Mexiko-Stadt folgt 14 Tage später das Rennen in São Paulo – mit einem weiteren Sprint am Samstag davor. Heißt auch: Maximal kann ein Fahrer 58 Punkte allein bei den beiden kommenden Grand Prix holen. Danach stehen noch die Rennen in Las Vegas, Katar (ebenfalls mit Sprint) und Abu Dhabi an. "Wenn wir diese Form weiterhin behalten können, kann es wirklich noch spannend werden", sagte Helmut Marko. "Die Chance ist auf jeden Fall da", bekräftigte Chefpilot Verstappen. Er wäre nach Michael Schumacher (2000, 2001, 2002, 2003 und 2004 im Ferrari) erst der zweite Formel-1-Pilot, dem fünf Titel in Serie gelängen. Die Gründe für Verstappens plötzliche Dominanz lesen Sie hier . Der Niederländer hat auch gleich noch einen Tipp für seine WM-Widersacher. "Ein Titelkampf ist nie zu 100 Prozent fair", kommentierte er den Kurs McLarens schon in Singapur und ergänzte – als klare Nummer eins bei Red Bull bar derartiger Probleme: "Man muss einfach dafür sorgen, gar nicht erst in eine solche Situation zu kommen." Dabei weiß auch McLaren-Teamchef Andrea Stella aus seiner Zeit als Ingenieur bei Ferrari, was passieren kann, wenn ein dritter Fahrer unerwartet noch in den WM-Kampf eingreift. 2007 hatten sich die favorisierten Mercedes-Piloten Lewis Hamilton und Fernando Alonso gegenseitig die Punkte weggenommen. Kimi Räikkönen holte den bislang letzten Titel für Ferrari. Mit gerade einmal einem Punkt Vorsprung. Mit Material von dpa