Datum10.01.2026 07:11
Quellewww.spiegel.de
TLDRDie Spritpreise in Deutschland sind zu Jahresbeginn stark gestiegen, mit Dieselpreisen von bis zu 1,72 Euro pro Liter. Ursachen könnten die CO₂-Abgabe, strengere Klimapolitik der EU und die Profitorientierung der Mineralölkonzerne sein. Erhöhte Preisschwankungen an Tankstellen, die bis zu 22-mal täglich auftreten, erschweren den Überblick. Der Bundesrat fordert eine Regulierung, um Preiserhöhungen zu begrenzen. Verbraucher werden ermutigt, Tank-Apps zu nutzen und ihre Optionen zu planen, um Kosten zu sparen.
InhaltDie Spritpreise an Deutschlands Tankstellen haben zum Jahreswechsel teilweise kräftig angezogen. Woran das liegt und wie Sie sich wehren können. Da hat mich doch der Donner gerührt. An Silvester hat die Tankstelle in Ducherow (Vorpommern) einen Preis von 1,72 Euro für den Liter Diesel aufgerufen, am Tag zuvor hatte ich in Erle (Westfalen) noch 1,52 Euro gezahlt, zehn Euro weniger für eine normale Tankfüllung. Wie kommen solche Preissprünge zum Jahreswechsel zustande ? Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Ist es die CO₂-Abgabe des Finanzministers Lars Klingbeil (SPD), die für die Preissteigerung verantwortlich ist? Oder die strenger werdende Klimapolitik der EU unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) mit teurer werdenden Treibhausgaszertifikaten? Oder ist es wieder einmal die Profitgier der Mineralölkonzerne, allen voran der beiden Markenriesen, der BP-Tochter Aral mit ihrem BP-Europachef Patrick Wendeler und der Deutschen Shell mit Chef Felix Faber? Oder vielleicht alles drei? Die Mineralölkonzerne selbst wollen bei der Aufklärung nicht helfen. Auf meine Anfrage bei Aral antwortet die Pressestelle: "Aus Wettbewerbsgründen äußern wir uns grundsätzlich nicht zur Preisbildung an Tankstellen." Ich solle doch beim Mineralölverband EN2X fragen, dessen Chef wiederum BP-Mann Patrick Wendeler ist. Der Verband erklärte dann Donnerstagabend, die Mehrkosten für den Klimaschutz habe man schon vor Weihnachten kommen sehen . Die Konzerne müssten "sich schon jetzt auf die steigenden Anforderungen einstellen", auch wenn das entsprechende Gesetz noch gar nicht verabschiedet sei. An dieser Stelle vernachlässige ich mal die täglichen Preisschwankungen. Die Konzerne ändern die Preise an der Zapfsäule laut Kartellamt bis zu 22-mal am Tag, die Algorithmen sollen den maximalen Profit aus tankenden Kunden herausholen. Pächterinnen und Pächter haben auf die Preisbildung keinen Einfluss. Ihre Verdienstmarge wird immer stärker vom Nebengeschäft bestimmt: belegte Brote, Bockwurst, Kaffee und Süßigkeiten . Woher kommen also die 17 bis 20 Cent Schwankungen beim Preis vom einen auf den anderen Tag? Es gibt noch einen Hinweis, der den Verdacht stützt, dass sich die Konzerne bei den Autofahrern bereichern. Rohölkosten, Raffineriekosten und CO₂-Abgaben fallen alle auch beim Heizöl an. Eine Beimischung von Biodiesel zur Senkung der CO₂-Abgabe ist dort nicht vorgesehen. Beim Heizöl zeigen sich zum Jahreswechsel aber keine so exorbitanten Preissteigerungen. Heizöl ist wegen der günstigen Rohölpreise aktuell sogar preiswerter als vor dem Jahreswechsel. Sicher: Heizölkunden sind preissensibler und insofern klüger. Sie warten mit der Bestellung meist auf günstigere Preise. Vielleicht spekuliert so mancher im stillen Kämmerlein sogar auf Auswirkungen des erfolgreichen US-Überfalls auf Venezuelas Staatschef Maduro. Die Spritpreiskapriolen zum Jahresbeginn sind ein weiterer Hinweis, dass unsere Parlamente die Macht der Ölkonzerne brechen müssen. Wir leben schließlich nicht in den Vereinigten Staaten und wollen weder Kriege noch Spezialoperationen für niedrige Spritpreise führen. Auch der Kauf von Öl bei Diktaturen kann unseren Parlamentariern nicht gleichgültig sein. Große Aktivitäten dazu gibt es aktuell aber nicht. Der Bundesrat hat immerhin einen Entschließungsantrag verabschiedet, mit dem die Konzerne angehalten werden sollen, nicht mehr dutzendfach am Tag den Preis für Benzin und Diesel an der Zapfsäule zu ändern. Vorbild ist eine Regelung in Österreich, die im Wesentlichen nur eine Preiserhöhung am Tag erlauben würde . Schon jetzt erfasst das Bundeskartellamt die Spritpreise an den Zapfsäulen in Echtzeit. Die Daten werden auf einem Portal zur Verfügung gestellt. Dort bedienen sich die Tank-Apps für Ihre Dienstleistung. Mit etwas KI-Einsatz sollte es aber möglich sein, auffällige Preisgestaltungsmuster der Konzerne an ihren Tankstellen zu prüfen und bei Missbrauch Auflagen durchzusetzen. Kartellamtschef Mundt kündigte am Donnerstag an, die Spritpreisentwicklung an den Zapfsäumen in der kommenden Zeit "sehr engmaschig" anzuschauen. Gesetzesänderungen müssten nicht notwendig als Kostensteigerungen an die Kunden durchgereicht werden. So richtig eingegriffen hat das Kartellamt hier zuletzt allerdings nicht. Die Ankündigung besserer Missbrauchskontrolle kann sicher helfen, reicht aber genauso sicher nicht aus. Als Verbraucherinnen und Verbraucher bleibt Ihnen nur, die eigenen Spielräume konsequent zu nutzen – mit Apps, Planung und langfristig besseren Alternativen zum Verbrenner oder zur Ölheizung. Ich tanke übrigens fast immer im Berliner Norden, wenn ich an die Ostsee reise. Tank-App und Erfahrung belegen, dass die Konkurrenz der Tankstellen hier für niedrigere Preise sorgt als in Vorpommern – auch wenn der Sprit aus der gleichen Raffinerie kommt. Und der Boxenstopp an der Tankstelle im westfälischen Erle in der Nähe meines Elternhauses war natürlich kein Zufall. Auch diese Tankstelle hat sich in der App und meiner Privatempirie als preiswerte Zapfsäule bewährt.