Datum10.01.2026 06:44
Quellewww.spiegel.de
TLDRIn Iran fanden erneut landesweite Massenproteste gegen das Regime statt, trotz umfassender Internetblockaden. Die Proteste, ausgelöst durch wirtschaftliche Probleme, richten sich zunehmend gegen die Führung um Ali Khamenei und vereinen verschiedene gesellschaftliche Gruppen mit dem Ziel, das Regime zu stürzen. Die Reaktion der Regierung ist gewaltsam. In der Schweiz trauert man um die 40 Opfer des Brandunglücks in Crans-Montana, was zu landesweiten Trauermärschen führte. In Norddeutschland führt Schneefall zu einer übertriebenen Hysterie und verstärkt die Kritik an unzureichenden Vorbereitungen.
InhaltTrotz Internetsperren gehen erneut landesweit Menschen gegen Irans Führung auf die Straße. Die Schweiz trauert um die Opfer in Crans-Montana. Und: Winterhysterie in Norddeutschland. Das ist die Lage am Samstagmorgen. Heute geht es um die erneuten landesweiten Proteste gegen Irans Führung, um die Verhaftung des Barbetreibers nach dem Unglück in Crans-Montana – und um die Winterhysterie in Norddeutschland. In der Nacht auf heute fanden wieder in vielen iranischen Städten Massenproteste gegen das Regime in Teheran statt – obwohl das Internet seit mehr als einem Tag fast vollständig blockiert ist. Es ist die vierte große Protestwelle innerhalb von acht Jahren, sie trifft das Regime in einer Phase außenpolitischer Schwäche (mehr hier ). Seit Ende Dezember breiten sich Demonstrationen von Teheran aus in immer mehr Städte und Regionen aus. Auslöser waren wirtschaftliche Verwerfungen und der Wertverfall der Währung, inzwischen richten sich die Proteste offen gegen das politische System und die Führung um Ali Khamenei. Auffällig ist die Breite der Bewegung: Händler, Studierende, Frauen, Menschen aus kleineren Städten und ethnischen Minderheiten beteiligen sich. Berichte deuten auf eine größere Entschlossenheit als bei früheren Protesten hin. Parolen gegen das Regime dominieren, erstmals werden auch einzelne Rufe nach einer Rückkehr der Monarchie laut, doch das einzige gemeinsame Ziel der Menschen ist der Sturz des Regimes. Das zeigt, wie verzweifelt sie mittlerweile sind. Das Regime reagiert wie gewohnt mit Gewalt gegen Demonstrierende, Internetabschaltungen, Drohungen. Zugleich versucht die Führung, einzelne Gruppen zu beschwichtigen und die Proteste zu spalten. Entscheidend wird sein, ob die Bewegung an Intensität gewinnt, sich auf weitere Regionen ausweitet – und vor allem: ob es zu Rissen im Sicherheitsapparat kommt. Dafür gibt es bislang kaum Anzeichen. Die Erfahrung der vergangenen Protestwellen zeigt, dass Videos von massiven Protesten in sozialen Netzwerken noch nicht bedeuten, dass das Regime in Gefahr ist. Wie sich die Proteste geografisch ausbreiten und wo die Gewalt zuletzt eskalierte, zeigt der datenbasierte Überblick meiner SPIEGEL-Kolleginnen und -Kollegen. Die Frau, die in Minneapolis von einem ICE-Agenten brutal getötet wurde, heißt Renée Nicole Good – eine Lyrikerin und 37-jährige Mutter dreier Kinder, die von dem Beamten der Einwanderungsbehörde niedergeschossen wurde, als sie versuchte wegzufahren (mehr hier ). Neue Videoaufnahmen zeigen nun die Perspektive des Schützen und die letzten Sekunden der Getöteten. Sie zeigen die Frau ruhig, lächelnd. Good sagt hörbar: "It’s fine, dude. I’m not mad at you." Der Todesschütze drückt – wie andere Videos übereinstimmend zeigen – dreimal aus nächster Nähe ab, als sie versucht, an ihm vorbeizufahren. Die letzten Worte des Schützen: "Fucking bitch." Vizepräsident Vance und die MAGA-Gläubigen stellen Good nun als Terroristin dar, die angeblich versucht haben soll, den Beamten zu überfahren – obwohl die Videos das Gegenteil zeigen. Die Botschaft: Wer Einsätzen von ICE kritisch begegnet, muss mit tödlicher Gewalt rechnen. Donald Trump hat die mit Dutzenden Milliarden aufgerüstete Einwanderungsbehörde wie eine Art Besatzungstruppe in liberale amerikanische Städte entsandt, um dort angeblich gegen Kriminalität und Unsicherheit vorzugehen. Wie die Tötung von Renée Nicole Good zeigt, sind es in erster Linie die ICE-Beamten selbst, die dort Unsicherheit erzeugen. Seit zwei Tagen gibt es in Minneapolis bereits Proteste – ausgerechnet in der Stadt, in der 2020 die Tötung von George Floyd die "Black Lives Matter"-Bewegung auf das ganze Land ausweitete. Die amerikanische Öffentlichkeit sieht ICE mehrheitlich skeptisch. In einem extrem polarisierten Amerika wird Vances Erzählung dennoch bei der eigenen Basis verfangen. Man kann daraus den erschreckenden Schluss ziehen, dass Teile der amerikanischen Gesellschaft so radikalisiert von der großen politischen Polarisierung sind, dass sie den gewaltsamen Tod von Menschen für gerechtfertigt halten, die sie der Gegenseite zurechnen. Die Brandkatastrophe von Crans-Montana hat die Schweiz tief erschüttert: 40 Tote und 116 zumeist Schwerverletzte, die zweifellos vermeidbar gewesen wären, wenn die Brandschutzauflagen in der Gemeinde kontrolliert worden wären. Das trifft das Selbstverständnis eines Landes, das sich über Sicherheit und Verlässlichkeit definiert – und über ein starkes Vertrauen in Eigenverantwortung. Bei der landesweiten Trauer am Freitag läuteten punktgenau um 14 Uhr im ganzen Land die Glocken, Busse und Bahnen hielten an, an Flughäfen starteten kurzzeitig keine Maschinen. Auch im Skiort Crans-Montana selbst stand fast alles still, wie meine Kollegen Simon Maurer und Serafin Reiber berichten. Die Trauerfeier musste wegen starken Schneefalls und der großen Zahl internationaler Gäste ins Tal nach Martigny verlegt werden – sie wurde zu einem Staatsakt mit Spitzenpolitikern: Guy Parmelin, der Schweizer Bundespräsident, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Italiens Staatspräsident Sergio Mattarella, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Besonders eindrücklich waren die Reden junger Überlebender. Sie beschrieben die Silvesternacht als Albtraum und appellierten an Gleichaltrige im ganzen Land, sich nicht unterkriegen zu lassen und weiterzuleben. Die Justiz des zuständigen Kantons Wallis steht seit dem Unglück unter Beobachtung. Sie wird in der Schweiz, aber auch in den stark betroffenen Nachbarländern Italien und Frankreich, kritisiert: Wegen des gemächlichen Tempos, einer betont zurückhaltenden Informationspolitik, aber auch weil der Betreiber der Bar lange nicht in Untersuchungshaft genommen wurde. Letzteres änderte sich am Freitag endlich: Der aus Korsika stammende Mann, der in Frankreich eine lange Vorstrafenliste haben soll, wurde wegen Fluchtgefahr festgenommen – unklar bleibt, warum die Behörden zuvor behauptet hatten, die gäbe es nicht (mehr hier ). Seine Frau blieb nach ihrem Verhör vorerst auf freiem Fuß. Sie bat vor Medien schluchzend um Entschuldigung. Noch mehr Rätsel wie Viererkette, Wordle und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games. …sind die Bewohner jener Städte im nördlichen Teil Deutschlands, die der Schnee teilweise lahmgelegt hat. Weil es keine Selbstverständlichkeit zu sein scheint, muss es hier einmal gesagt werden: Schnee ist keine Naturkatastrophe. Schnee gehörte früher selbstverständlich zum Winter, auch in Norddeutschland. Entsprechend traf man Vorkehrungen: Straßen, Schienen und Gehwege wurden geräumt, man stellte sich im Alltag und in der Politik darauf ein. Heute wirkt derselbe Schneefall für viele Norddeutsche wie ein Ausnahmezustand. Die "Tagesschau" interviewt Menschen, die trotz ein bisschen Schnee ihr Haus verlassen haben, und fragt, wie sie sich dabei fühlen. Der Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher bittet die Bevölkerung in einem dramatisch anmutenden Video darum, zu Hause zu bleiben. Die Schulen werden geschlossen. Die Deutsche Bahn stellt den Fernverkehr wegen Schnees ein. Am Ende des Tages meldete der Deutsche Wetterdienst: In Hamburg lägen nun circa fünf Zentimeter Schnee, das sei’s auch schon gewesen. Und wie viel davon Neuschnee sei – unklar. Zeitweise hatte es auch gewindet. Die Diskrepanz zu den Warnungen war dennoch gewaltig. Was ebenfalls auffiel: In Hamburg blieben die Hauptverkehrsachsen am Freitag noch Stunden nach dem letzten Schneefall vereist und zugeschneit – Räumfahrzeuge waren weit und breit keine zu sehen. Das ist das eigentliche Problem. Und das muss nicht so sein. Andere Länder in Europa sind in der Lage, auch bei Wind und Schnee den Verkehr aufrechtzuerhalten. Die Angst vor ein paar Zentimetern Schnee, aufgebauscht durch Politik und Medien, hat einen realen Hintergrund: Viele Städte sind auf Schneefall kaum noch vorbereitet. Räumpersonal wurde abgebaut, Wissen und Routine sind verloren gegangen. Die Folgen zeigen sich gerade. Eine Naturkatastrophe ist das nicht, es ist nur Politikversagen. Die Schneehysterie, die den Norden Deutschlands erfasst hat, hat auch ihre heiteren Seiten: Langläufer ziehen durch öffentliche Parks, Kinder fahren Schlitten an jedem noch so kleinen Hügel, überall entstehen fantasievolle Schneeskulpturen. In wenigen Tagen werden viele schneelose Winter der vergangenen Jahre nachgeholt. Und es zeigt sich auf schönste Weise: Ein paar Tage echter Winter sind keine Krise, sondern eine Jahreszeit. Unterwegs mit dem Promi-Macher Michael Späth . Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Ihr Mathieu von Rohr, Leiter des SPIEGEL-Auslandsressorts