Datum09.01.2026 19:00
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel fasst Prognosen für das Fußballjahr 2026 zusammen, insbesondere die WM in den USA, Mexiko und Kanada. Die DFB-Elf wird voraussichtlich die Gruppenphase überstehen, doch viele Experten erwarten ein frühzeitiges Ausscheiden. Jürgen Klopp könnte der neue Bundestrainer werden. Klara Bühl wird als Favoritin zur Weltfußballerin gehandelt, während der FC Bayern München auf Meisterschaftskurs ist. Zudem wird die WM als großes Fest beschrieben, trotz kritischer Begleitumstände.
InhaltIm Sommer erreicht das Fußballjahr mit der WM seinen Höhepunkt. Hier sind ein paar Ideen, was bei dieser Endrunde passieren könnte. Außerdem wird eine Deutsche Weltfußballerin. Und in der Bundesliga schafft Vincent Kompany etwas Besonderes. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. An diesem Abend startet die Fußball-Bundesliga in die neue Saison, schon in elf Tagen folgen die nächsten Spiele in der Champions League – und dann steht auch fast schon die WM in den USA, Mexiko und Kanada bevor. Der letzte Zeitpunkt also, um ein paar (gewagte) Prognosen für das Fußballjahr aufzustellen. Schon im vergangenen Jahr hatten wir im Sportressort Ideen gesammelt, wie 2025 verlaufen könnte. Nun ja: Zwei Mal lagen wir völlig daneben. Die DFB-Frauen sind nämlich nicht bereits in der EM-Vorrunde ausgeschieden, und Erling Haaland hat sich im Sommer entgegen unserer Erwartungen keinen neuen Klub gesucht. Wo wir dagegen richtig lagen, können Sie hier nachlesen. Oder, falls Sie 2025 schon abgehakt haben, finden Sie hier unsere Thesen für das neue Jahr. Wie immer mit viel Stolpergefahr für uns. Mit einem überzeugenden 6:0 über die Slowakei ist die Nationalmannschaft in die Winterpause gegangen, die Stimmung im WM-Jahr ist plötzlich wieder positiv. Die Auslosung im Dezember hat vermeintlich lösbare Aufgaben für die Gruppenphase der ersten WM mit 48 Teams mit sich gebracht, es gibt schon wieder Experten, die vom Titel sprechen. Auch aus dem Spielerkreis ist Ähnliches zu hören. All diesen Optimisten kann man die Enttäuschung im Sommer nicht ersparen: Die DFB-Elf wird vermutlich die Gruppenphase überstehen, aber bald danach wird Schluss sein. Schon in der Vorrunde wird man sich gegen die Teams der Elfenbeinküste und Ecuador schwertun. Nicht unwahrscheinlich, dass der Gruppensieg, den viele als selbstverständlich annehmen, als Zweiter verfehlt wird. Dann wartet bereits im Sechzehntelfinale entweder der Geheimfavorit Norwegen oder der Nicht-so-Geheimfavorit Frankreich – und damit das Aus. Zu unausgewogen ist der Kader, auf zu vielen Positionen ist die Mannschaft nicht auf Weltniveau besetzt: Das fängt beim Torwart an, zieht sich über die gesamte Defensive und die Doppelsechs bis auf die Außenpositionen. Bundestrainer Julian Nagelsmann wird daraufhin die Konsequenzen ziehen und sein Amt zur Verfügung stellen. Bahn frei für den, den so viele längst haben wollten: Der nächste Bundestrainer heißt Jürgen Klopp. Peter Ahrens Bevor wir aber schon an die Zeit nach der WM denken, gehen wir noch mal zwei Schritte zurück: Sepp Maier, Oliver Kahn, Manuel Neuer. Deutschland ist ein Torwartland. In der Erbfolge großer Torhüter wäre nun eigentlich Marc-André ter Stegen an der Reihe gewesen. Doch der 33-Jährige hat fast die gesamte vergangene Saison mit einer Patellasehnenverletzung verpasst und ist seit diesem Spieljahr beim FC Barcelona nicht mehr gesetzt. Es ist gut möglich, dass er sich noch zum Abstiegskandidaten Girona verleihen lassen und Spielpraxis für die WM holen wird. Im Moment aber fällt er erneut verletzt aus. Ter Stegen hat sich die WM vielleicht verdient, als ewige Nummer zwei im Schatten von Neuer, als geduldiger Vertreter. Aber die Lage ist, wie sie ist. Und hätte es sich nicht auch Oliver Baumann verdient? In einer wackligen WM-Qualifikation war der Hoffenheimer der konstanteste Mann. Im Team wird er geschätzt, im Klub bei Hoffenheim gilt er als unersetzlich. Mit 35 Jahren gehört Baumann zu den erfahrensten Bundesligaprofis und zu den verlässlichsten. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, dass der Torhüter (504 Ligaeinsätze) einmal den Uralt-Rekord für die meisten Bundesligaspiele (Karl-Heinz Körbel, 602 Spiele) knacken wird. Dennoch halten sich Gerüchte über ein DFB-Comeback von Neuer, der nach der EM 2024 eigentlich abgetreten ist. Matthias Sammer und andere prominente Stimmen fordern es offen. Neuer, so heißt es, sei auch mit 39 Jahren noch einer der besten Torhüter des Planeten. Mag sein. Nur: Auch Neuer war in der Vergangenheit immer wieder verletzt. Baumann hingegen so gut wie nie. Ihn zur Nummer eins für die WM zu machen, wäre also nicht riskant, sondern einfach logisch. Jan Göbel Die Kollegen der Sportschau sagen Marokko als WM-Sieger voraus . Schöne Idee, aber ist das Team von Dauerläufer Achraf Hakimi ein halbes Jahr nach der Belastung des Afrika Cups wirklich dazu in der Lage? Eher nicht. Dem DFB-Team ist der ganz große Wurf nicht zuzutrauen, aber es wird einen deutschen Weltmeister geben. Sein Name ist Thomas Tuchel. Der Trainer der englischen Nationalmannschaft hat einiges dafür getan, dass sein Ruf in Deutschland arg ramponiert ist. In der Zeit seines Aufstiegs in Mainz waren die Sympathien noch groß. Doch schon beim BVB gab es zu viele Nebenschauplätze. Bei PSG und Chelsea war Tuchel erfolgreich, aber in beiden Fällen war sein Engagement von kurzer Dauer. Und bei den Bayern? Nun ja, er gilt nicht als Wegbereiter der derzeitigen Erfolgsserie. Und doch ist es bei Tuchel so: Die große fachliche Expertise gerät in der Öffentlichkeit bisweilen in den Hintergrund, weil er wahlweise mit Vereinsbossen, mit Spielern, Fans oder mit TV-Experten aneinandergerät. Tuchel ist weiterhin ein großartiger Trainer, wie die WM-Qualifikation mit acht Siegen in acht Spielen und einem Torverhältnis von 22:0 gezeigt hat. Der 52-Jährige hat eine extrem talentierte Mannschaft mit einer funktionierenden Defensive sowie Ausnahmekönnern wie Jude Bellingham, Declan Rice, Bukayo Saka oder Harry Kane beisammen. England wird sich in der Gruppe mit Kroatien, Ghana und Panama als Erster durchsetzen, der weitere Turnierweg ist schwer zu prognostizieren. Es könnte zu Spielen gegen Norwegen, Mexiko und Marokko kommen, ehe ab Halbfinale ohnehin nur große Gegner warten werden. Tuchel weiß, wie große Titel gewonnen werden. Mit einer klaren Spielidee, viel Selbstvertrauen, Pragmatismus und einer herausragenden Abwehr. Football’s coming home. Marcus Krämer Wer weiß, wie die Siegerin des Ballon d’Or féminin 2025 geheißen hätte, wenn bei der EM in der Schweiz ein paar Entscheidungen von Klara Bühl anders ausgefallen wären. Wenn sie nicht aus jeder Lage geschossen oder zumindest bei ihren vielen, vielen Schüssen mehr Abschlussglück gehabt hätte. Wenn Bühl im Halbfinale gegen Spanien eine ihrer Topchancen genutzt und Deutschland ins Finale geführt hätte. Mehr zu ihrer Was-wäre-wenn-EM lesen Sie hier. 2025 war für Bühl trotzdem ein erfolgreiches Jahr, doch 2026 wird noch besser. Den Anfang hat die Angreiferin nämlich schon gemacht: Sie hat zwölf Torvorlagen und sechs Treffer in der Bundesliga erzielt und sich zudem mit herausragenden acht Torvorlagen in der Champions League hervorgetan. Das sind Spitzenwerte, die auch für einen Reifeprozess nach der EM sprechen. Die Voraussetzung für Bühls Kür zur Weltfußballerin ist jedoch ein besonderer Titel. In den vergangenen vier Jahren gab es immer wieder große Turniere mit der Nationalauswahl (die verschobene EM im Jahr 2022, WM 2023, Olympia 2024, EM 2025), bei denen über die beste Fußballerin des Planeten entschieden wurde. Da es in diesem Jahr aber kein solches Turnier im Sommer gibt, entscheidet allein die Champions League. Bühls FC Bayern hat dort das Viertelfinale bereits erreicht, im Halbfinale könnte der FC Barcelona mit der besten Fußballerin 2025 Aitana Bonmatí drohen. Schaltet Bühl sie aus, hat die Deutsche beste Chancen auf die ganz große Krönung. Jan Göbel 15 Spiele, 41 Punkte, zwei Unentschieden, noch keine Niederlage und ein Torverhältnis von 55:11. In diesem Jahr stellt sich nicht die Frage, ob der FC Bayern die Bundesliga gewinnt. Die Frage ist, ob die Bayern bereits im März und somit noch vor dem Osterhasen Deutscher Meister sind. Viel spricht dafür. Von den "Verfolgern" BVB, Leverkusen und Leipzig ist jedenfalls kein Aufbäumen zu erwarten. Für Trainer Vincent Kompany wird es in den kommenden Wochen wahrscheinlich eher darauf ankommen, seinem dünnen Kader die perfekte Dosis aus Belastung und Entlastung zu verpassen. Es ist möglich, dass Harry Kane in der Bundesliga einmal mehr auf der Bank sitzen wird, um dann in der Champions League die ganz wichtigen Tore zu erzielen. Mit der Rotation hat Kompany allerdings schon im vergangenen Jahr begonnen – und trotzdem hat sein Team fast jeden Gegner überrannt. Die beiden jüngsten Ergebnisse: 4:0 gegen Heidenheim und 5:0 gegen Stuttgart. Der Kader des FC Bayern München wird mit der Rückkehr von Jamal Musiala und Alphonso Davies außerdem eher besser als schlechter. Ihre Dominanz werden die Münchner am Sonntag beim ersten Bundesligaduell 2026 gegen den VfL Wolfsburg fortsetzen. Damit ist auch klar: Der Punkterekord des FC Bayern aus der Saison 2018/2019 unter Jupp Heynckes mit 91 Punkten (29 Siegen, vier Unentschieden und einer Niederlage) ist nicht nur in Gefahr. Er wird fallen. Jan Göbel Hach, was sind die Fußball-Romantiker in Deutschland aufgeregt. Der FC Schalke steht an der Tabellenspitze der 2. Liga und ist somit Favorit auf den Aufstieg. Mit Hannover, Hertha BSC und Kaiserslautern haben weitere Traditionsklubs reelle Chancen, wieder in der Bundesliga anzukommen. Wenn gleichzeitig Heidenheim und sagen wir mal Augsburg absteigen würden, könnte die Verzwergung der Bundesliga, zumindest etwas aufgehalten werden. Nicht nur die Idealisten unter uns werden bestätigen, dass der Hamburger SV und der 1. FC Köln als letztjährige Aufsteiger der Bundesliga gutgetan haben. Doch das Wesen der Romantik ist die Ungewissheit. Schalke wird seinen Vorsprung verspielen und mindestens ein weiteres Jahr in der 2. Liga verweilen. Unter Miron Muslic haben sich die Königsblauen stark entwickelt. Die größten Verdienste des zu Beginn argwöhnisch betrachteten Trainers: Auf Schalke wird wieder gearbeitet, die Mannschaft glaubt an sich und so ist wieder eine Einheit mit den Fans entstanden. Dabei ist der Kader in der Breite nicht der eines Aufsteigers. Loris Karius ist zu gut für die 2. Liga, gemeinsam mit der kampfbereiten Abwehr hat er erst zehn Gegentore zugelassen. Doch es bleiben spielerische Schwächen und dem Team fehlt ein verlässlicher Torjäger, auch wenn Moussa Sylla diesen Part ausfüllen könnte. Doch nach der Nichtnominierung für den Afrika-Cup wird der Malier auch in der Rückrunde schwächeln. Marcus Krämer Es vergeht derzeit kaum ein Tag, an dem Mikel Arteta, Trainer des FC Arsenal, nicht nach dem Gesundheitszustand von Kai Havertz gefragt wird. Und danach, wann der deutsche Nationalstürmer endlich zurückkehrt. Man könnte auch fragen: Wen interessiert das eigentlich? Arsenal ist aktuell die formstärkste Mannschaft Europas, führt die englische Liga mit sechs Punkten Vorsprung auf Manchester City und Aston Villa an, hat im jüngsten Kräftemessen in der Champions League den FC Bayern geschlagen und thront in der Königsklasse auf Platz eins. Die Gunners begeistern zudem mit ausgeklügelten Eckballvarianten. Mehr darüber lesen Sie hier. Arsenal ist so gut wie lange nicht mehr – und das alles ohne Havertz, der lediglich am ersten Spieltag für 30 Minuten auf dem Platz stand und dem Team anschließend wegen einer Knieverletzung fehlte. Trotzdem ist Arteta überzeugt, dass seine Mannschaft noch besser werden kann, sobald der 26-Jährige zurückkehrt. Viele Fans der Gunners sehen das ähnlich. Vor allem bei den ohnehin schon gefährlichen Standards könnte Havertz mit seiner enormen Kopfballstärke noch mehr Wucht bringen. Die Rückkehr des Angreifers soll nun unmittelbar bevorstehen. Standardsituationen können jedenfalls umkämpfte Spiele und große Duelle um Titel entscheiden. Eine solche Partie findet am 30. Mai in Budapest statt: das Finale der Champions League. Wer wäre aktuell prädestinierter für eine Endspielteilnahme als der FC Arsenal? Und wer wäre besser geeignet für das entscheidende Tor als Havertz? Bereits 2021 schoss er den FC Chelsea unter Thomas Tuchel zum Triumph in der Königsklasse – jetzt wird er diese Geschichte mit dem FC Arsenal fortsetzen. Jan Göbel Und zum Schluss noch einmal zur WM. Venezuela, Grönland, Donald Trump: all die Themen um das US-Regime – und dann kommt noch die Fußball-WM: Ach, je. Wie soll das nur werden? Ganz einfach: Die Fußball-Weltmeisterschaft wird ein großes Fest. Beginnen wird sie wie gehabt mit einer peinlichen Pressekonferenz des Fifa-Präsidenten, darüber wird man sich zwei Tage das Maul zerreißen. In den Tagen vor WM-Start werden alle Medien große Berichte dazu abwerfen, wie bedenklich es ist, ein solches Turnier unter diesen Umständen in den USA abzuhalten, dann aber kommt die Gruppenphase, und Deutschland spielt gegen Curacao. Trump wird während der fünf Wochen viel Golf spielen, er wird sich nach dem Finale ins Bild drängeln, aber davor wird man überragende Fußballspiele sehen. Die Aufblähung des Teilnehmerfeldes wird dazu führen, dass es noch viel mehr Fußball gibt als sonst, die neue Sechzehntelrunde wird den K.-o.-Faktor noch mal anschieben. Es wird Überraschungsteams geben, Schottland wird im Achtelfinale gegen England spielen, Dänemark (!) wird die USA (!!) aus dem Turnier werfen, es gibt den letzten großen WM-Auftritt von Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, Fußball, Fußball, Fußball. Kurz: Es wird herrlich. Oder mit anderen Worten: Es wird das größte Ablenkungsmanöver des Jahres. Peter Ahrens