Datum08.01.2026 08:38
Quellewww.zeit.de
TLDRIn den USA einigten sich die Mutter eines 14-jährigen Suizidopfers und die Firmen Alphabet und Character.AI in einem Vergleich wegen der mutmaßlichen Beeinflussung durch einen KI-Chatbot. Der Chatbot soll dem Jungen zu seinem Suizid geraten haben. Die Mutter beschuldigte Character.AI, den Bot als vertrauenswürdige Person darzustellen. Die Details des Vergleichs sind unbekannt. In dem Artikel wird auch der Umgang mit Suizidberichterstattung und der Werther-Effekt thematisiert, um Nachahmungen zu vermeiden und auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen.
InhaltIn den USA soll ein KI-Chatbot einem Jungen zum Suizid geraten haben. Die Mutter einigte sich jetzt mit der KI-Firma und der Google-Mutter Alphabet auf einen Vergleich. In den USA haben sich der Konzern Alphabet und das KI-Start-up Character.AI vor Gericht mit der Mutter eines durch Suizid gestorbenen 14-Jährigen auf einen Vergleich geeinigt. In dem Prozess ging es um den Vorwurf, dass ein Chatbot von Character.AI dem Jungen zum Selbstmord geraten haben soll. Die Bedingungen des Vergleichs wurden nicht öffentlich bekannt. Im Oktober 2024 war die Klage in Florida eingereicht worden. Die Mutter des 14-Jährigen warf Character.AI vor, den Chatbot so entworfen zu haben, dass er sich als echte Person, zugelassener Psychotherapeut und erwachsener Liebhaber ausgegeben habe. Die Gespräche mit dem Bot hätten dazu geführt, dass ihr Sohn nicht mehr außerhalb dieser Welt habe leben wollen. Character.AI wurde von zwei ehemaligen Google-Mitarbeitern gegründet. Die beiden wurden später von Google wieder eingestellt. Der Konzern erwarb zudem Lizenzen an Produkten von Charakter.AI. Die Mutter argumentierte deshalb, dass Google die Technologie mitentwickelt habe und klagte auch gegen den Google-Mutterkonzern Alphabet. DIE ZEIT geht behutsam mit dem Thema Suizid um, da es Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nennen dieses Phänomen Werther-Effekt, in Anlehnung an Goethes Roman Die Leiden des jungen Werthers, nach dessen Veröffentlichung sich eine Reihe junger Männer das Leben nahm. Nachdem der deutsche Nationaltorwart Robert Enke 2009 sein Leben beendet hatte, nahm die Zahl der Suizide auf Bahnstrecken in Deutschland zu. Markus Schäfer und Oliver Quiring von der Universität Mainz berichten, dass in den ersten vier Wochen nach Enkes Tod in Deutschland 133 Suizide mehr verzeichnet wurden, als laut der amtlichen Todesursachenstatistik für diesen Zeitraum zu erwarten gewesen wäre (Schäfer & Quiring, 2013). In der Psychologie gibt es verschiedene Erklärungsansätze für den Werther-Effekt. Als anerkannt gilt vor allem die Theorie des Modelllernens des Psychologen Albert Bandura, die besagt, dass sich Menschen Verhaltensweisen aneignen, die sie zuvor bei anderen Menschen beobachtet haben – besonders wenn sie sich mit der Person identifizieren können. Untersuchungen legen nahe, dass bestimmte Formen der Berichterstattung ein besonders hohes Identifizierungspotenzial bieten und deshalb vermieden werden sollten (Ziegler & Hegerl, 2002). Eine umfassende Untersuchung von Forschern der New Yorker Columbia University hat gezeigt, dass häufige, prominente und reißerische Berichterstattung über Suizide Jugendliche zur Nachahmung motiviert (Gould et al., 2014). Es ist wahrscheinlich, dass soziale Medien den Werther-Effekt noch verstärken, untersucht wurde das bislang nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention rät dazu, keine Fotos oder Abschiedsbriefe der betreffenden Person zu veröffentlichen und heroisierende oder romantisierende Beschreibungen des Suizids zu vermeiden. Das Motiv für die Selbsttötung dürfe höchstens allgemein, aber nicht als nachvollziehbar dargestellt werden. Der Deutsche Presserat empfiehlt ebenfalls Zurückhaltung. Dies gelte insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Umstände wie Ort und Methode der Selbsttötung. Völlig ausklammern wird ZEIT ONLINE das Thema Suizid nicht, da es gesellschaftlich relevant ist und viele Menschen betrifft, etwa schwer an Depressionen Erkrankte oder Angehörige. Suizidgedanken ähneln einem Teufelskreis, der unausweichlich scheint, sich aber durchbrechen lässt. Häufig sind sie eine Folge psychischer Erkrankungen wie Psychosen, Sucht, Persönlichkeitsstörungen und Depressionen, die mit professioneller Hilfe gelindert und sogar geheilt werden können. Betroffene finden zum Beispiel Hilfe bei der Telefonseelsorge unter den Telefonnummern 0800 1110111 und 0800 1110222. Die Berater sind rund um die Uhr erreichbar, jeder Anruf ist anonym, kostenlos und wird weder von der Telefonrechnung noch vom Einzelverbindungsnachweis erfasst. Direkte Anlaufstellen sind zudem Hausärztinnen sowie auf Suizidalität spezialisierte Ambulanzen in psychiatrischen Kliniken, die je nach Bundesland und Region unterschiedlich organisiert sind. Eine Übersicht über eine Vielzahl von Beratungsangeboten für Menschen mit Suizidgedanken gibt es etwa auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Wer den Verdacht hegt, dass ein Freund oder Angehöriger an Suizid denkt, sollte ihn zunächst darauf ansprechen und dabei unterstützen, professionelle Hilfe zu suchen. Wichtig sei es, auf Warnsignale zu achten und diese ernst zu nehmen – etwa 80 Prozent aller Selbsttötungen werden zuvor angekündigt. Besorgniserregend seien nicht nur klare Suiziddrohungen und -ankündigungen, sondern auch indirekte Äußerungen der Hoffnungslosigkeit wie "Es hat alles keinen Sinn mehr" oder "Irgendwann muss auch mal Schluss sein". Zudem könnten bestimmte Verhaltensweisen auf Suizidgedanken hindeuten. So wollen suizidgefährdete Menschen häufig ihre Angelegenheiten ordnen, also zum Beispiel Wertgegenstände verschenken oder ihr Testament aufsetzen. Auch stimmt der Entschluss zur Selbsttötung manche Menschen mit Depressionen ruhiger und weniger verzweifelt, was häufig als Besserung des psychischen Zustands missinterpretiert wird. Hilfe für Angehörige bietet neben der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention auch der Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker unter der Rufnummer 0180 5950951 und der Festnetznummer 0228 71002424 sowie der E-Mail-Adresse seelefon@psychiatrie.de. Dieser Artikel wird weiter aktualisiert.