Datum07.01.2026 17:52
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Dopingfall von Mario Vušković, Innenverteidiger des Hamburger SV, bleibt spannend: Der Spieler bestreitet die Vorwürfe und hat eine Geldauflage der Staatsanwaltschaft nicht gezahlt, was mögliche rechtliche Folgen haben könnte. Seit 2022 kämpft er gegen die Dopingvorwürfe, die ihn bis November 2026 sperren. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren vorläufig eingestellt, könnte aber Anklage erheben. Experten warnen, dass eine klare Beweislage gegen Vušković nicht gefunden wurde. Sein Rückkehrdatum fällt mit seinem 25. Geburtstag zusammen.
InhaltDer HSV-Profi Mario Vušković beteuert im Epo-Dopingfall seine Unschuld, eine Geldauflage der Staatsanwaltschaft hat er nicht bezahlt. Was das für Folgen haben kann. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Noch bis zum 15. November 2026 ist Mario Vušković vom Hamburger SV verbannt, nicht nur vom Rasen, sondern sogar aus der Kabine der Profis. Die Dopingstrafe wegen Epo untersagt dem Innenverteidiger praktisch jede Tätigkeit im organisierten Profifußball. Verschwunden ist Vušković aus dem Volkspark aber auch nach inzwischen knapp über drei Jahren Sperre nicht. Am Spind des Teamkollegen Robert Glatzel prangt ein Sticker: "Free Vušković". Ein Aufkleber, der in Fankreisen längst Kult ist, im Hamburger Stadtbild immer wieder an Laternen auftaucht und im Internet im Vierzigpack für ein paar Euro zu haben ist. Außerdem spielt inzwischen auch der jüngere Bruder, Luka Vušković, für den HSV. Der Epo-Fall des Kroaten zählt zu den aufsehenerregendsten Dopinggeschichten im deutschen Profifußball der vergangenen Jahre. Seit 2022 kämpft der Spieler mit seinem Anwaltsteam gegen die Vorwürfe, doch vor den Sportgerichten kassierte Vusković bisher nur Niederlagen. Im August 2024 hatte der Internationale Sportgerichtshof Cas im Berufungsverfahren die Sperre gegen den HSV-Profi bestätigt und zudem auf vier Jahre erhöht. Das Schweizer Bundesgericht schloss sich danach an. Damit waren die Rechtsmittel des 24-Jährigen ausgeschöpft, zumindest was seine Sperre als Profi betrifft. Er darf erst ab dem 16. November wieder für den HSV auflaufen. Dabei bleibt es. Nur könnte eine neue Wendung zum Fall Vušković hinzukommen: der Kampf um einen Freispruch vor einem ordentlichen Gericht. Denn in Deutschland führen positive Dopingtests auch zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Dies geht auf das im Jahr 2015 eingeführte Anti-Doping-Gesetz zurück. So war es auch im Fall des Kroaten. Im vergangenen Sommer hat die Hamburger Staatsanwaltschaft das Verfahren allerdings nach rund drei Jahren Ermittlungen vorläufig eingestellt. Es gab jedoch eine Bedingung bei der Verfahrenseinstellung nach Paragraf 153a der Strafprozessordnung: Vušković sollte eine Geldauflage in fünfstelliger Höhe bezahlen. Dies hat der Fußballer jedoch nicht getan und die Frist ist inzwischen abgelaufen, wie die "Süddeutsche Zeitung " am Dienstag berichtete. Die Staatsanwaltschaft Hamburg bestätigte dem SPIEGEL den Vorgang. Demnach ist das Verfahren weiterhin vorläufig eingestellt. "Die Staatsanwaltschaft wird beizeiten über die Wiederaufnahme entscheiden", teilte eine Sprecherin mit. Der Anwalt von Vušković hat bislang auf eine Anfrage des SPIEGEL nicht reagiert. Wie geht es nun weiter? "Als anderweitige Erledigungsmöglichkeiten kommen die Beantragung eines Strafbefehls oder die Erhebung einer Anklage in Betracht", schreibt die Staatsanwaltschaft. Falls kein hinreichender Tatverdacht mehr bestünde, könnte der Fall auch komplett eingestellt werden. Allerdings sei die Staatsanwaltschaft zum Zeitpunkt der vorläufigen Verfahrenseinstellung mit Geldauflage "auf Basis der damaligen Aktenlage" davon ausgegangen, dass ein solcher Tatverdacht vorliegen dürfe. Geändert haben dürfte sich daran kaum etwas. Die Weigerung, die Geldauflage zu bezahlen, ist die logische Fortsetzung von Vuškovićs Verteidigungsstrategie. Mit enormen privaten Ausgaben hat er alle erdenklichen Mittel ausgeschöpft, um seine Unschuld zu beweisen. Er ließ Hautscreenings, Lügendetektor-Tests und polizeiliche Ermittlungen zur Beschaffungskette durchführen – die Sportgerichte wiesen dies zurück. Bekannte Wissenschaftler wie der Norweger Nissen-Meyer zweifelten an der Probequalität, ohne Erfolg. Die Nada hält die Probe vom September 2022 für eindeutig: A- und B-Urinproben wiesen körperfremdes Erythropoetin nach, ein klassisches Blutdopingmittel ohne plausible Versehenshypothese. Die Verteidiger des Fußballers spekulierten über Kühlkettenbrüche oder Urinverdunstung, Experten schlossen dies aus. Die Hauptkritik galt schließlich dem SAR-PAGE-Verfahren, mit dem Epo-Sünder überführt werden sollen. Bei diesem Verfahren entsteht am Ende der Analyse ein Messbild. Laboranten bewerten dann Grauanteile und Flecken auf dem sogenannten Bandenmuster optisch. Es wird also kein Messwert ermittelt, der eindeutig aussagt, ob gedopt wurde oder nicht. Die Prüfer erhalten ein Bild, das sie optisch interpretieren müssen. Besonders umstritten an diesem Verfahren ist, dass nur acht Sachverständige der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada weltweit die Ergebnisse auslegen dürfen. Andere Experten gelten als untauglich. Vuškovićs Team fordert, seinen Fall vor zivile Gerichtezu bringen, statt sportrechtliche Instanzen entscheiden zu lassen. Vor dem Cas war Vušković damals nicht mit seiner Argumentation durchgedrungen. Welcher juristische Weg nun weitergegangen wird, hängt auch von dem Fußballer selbst ab. "Wenn Vušković angesichts seiner langen Sperre und dem damit zusammenhängenden Verdienstausfall Schadensersatz von der Nada oder der Wada bekommen will, muss er vor einem Zivilgericht die Pflichtverletzung nachweisen. Und dass diese zu einem Schaden für ihn geführt hat", sagt der Sportrechtsanwalt Paul Lambertz dem SPIEGEL: "Das ist nicht ganz einfach und kostet Geld." Sollte hingegen die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn erheben und es zu einem Strafprozess kommen, sähe der Fall anders aus. "Denn dann gilt die Unschuldsvermutung. In einem solchen Fall müsste die Staatsanwaltschaft dem Gericht alle Tatbestände zweifelsfrei darlegen, damit er verurteilt werden könnte", sagt Lambertz: "Und Vušković könnte sich darauf konzentrieren, diese vorgetragenen Argumente zu entkräften oder Zweifel anzubringen. Oder einfach schweigen." Bisher war es umgekehrt: Vušković musste seine Unschuld gegenüber den Sportgerichten beweisen. Nun ist es jedoch Aufgabe der Justiz, dem Profi nachzuweisen, dass er gedopt hat. Hier könnte Vušković sogar in einer guten Position sein, denn bei Durchsuchungen seiner Wohnung, seines Spinds und seines Laptop-Verlaufs fanden die Behörden nichts, was ihn mit Epo-Doping in Verbindung bringen könnte. Gleichzeitig muss jedoch erwähnt werden, dass der HSV vom DFB über einen positiven Dopingbefund bei Vušković informiert wurde, noch bevor die Polizei das Vereinsgelände erreichte. Bei der nationalen Anti-Doping-Agentur sieht man den Entwicklungen gelassen entgegen. Nada-Vorstandsmitglied Eva Bunthoff sagte dem SPIEGEL, dass es durchaus vorkommen könnte, "dass im sportrechtlichen Verfahren ein Verstoß gegen den Nationalen Anti-Doping-Code festgestellt wird, im staatlichen Gerichtsverfahren jedoch ein Freispruch erfolgt". Allerdings beeinflusse die Entscheidung des strafrechtlichen Verfahrens die Entscheidung des sportrechtlichen Verfahrens nicht. Zudem betonte Bunthoff die unterschiedliche Rollen der Nada in den Verfahren. Während man "oftmals im sportrechtlichen Verfahren als Verfahrenspartei agiert, ist sie im strafrechtlichen Prozess ggf. als Zeuge oder Sachverständige involviert". Sollte Vušković mit seinen Argumenten vor einem ordentlichen Gericht erfolgreich sein, könnte dies dennoch Auswirkungen auf den Anti-Doping-Kampf haben. Zumindest würde es den Druck auf das bisherige Verfahren der Regelhüter weiter erhöhen. Was bedeutet das aber für die sportliche Karriere des HSV-Spielers, der am möglichen Tag seiner Rückkehr, dem 16. November, seinen 25. Geburtstag feiert? Vor seiner Dopingsperre galt er als das größte Talent des HSV und als jemand, der einmal für viel Geld zu einem Topklub wechseln würde. Heute kommt es vor, dass Vušković um die Alster in Hamburg joggt, im HSV-Outfit.