Datum20.10.2025 05:28
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Rostocker „Polizeiruf“ „Tu es!“ thematisiert den Frust eines Lehrers, der verdächtigt wird, junge Menschen in den Suizid getrieben zu haben. In einem eindringlichen Monolog bringt er gesellschaftliche Missstände und seinen Hass auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen zum Ausdruck. Kritiker loben das Drehbuch von Florian Oeller für seine aufwühlende Darstellung der aktuellen gesellschaftlichen Probleme, während der Lehrer als Symbol für angestaute Wut fungiert. Die Folge erhielt 9 von 10 Punkten und eine weitere Episode ist bereits in Arbeit.
InhaltWie die Summe aller Hassbotschaften auf Facebook: Der "Polizeiruf" handelte von einem Lehrer, dessen Frust sich brutal entlud. Ein Ausnahmekrimi. Oder sind Sie anderer Meinung? Im Mittelpunkt des Rostocker "Polizeirufs" stand ein Lehrer, der in Verdacht geraten war, über ein soziales Netzwerk junge Menschen in den Suizid getrieben zu haben. In ihren Ermittlungen zu seiner Person taten sich den Kommissarinnen König (Anneke Kim Sarnau) und Böwe (Lina Beckmann) immer neue Facetten an dem Mann auf. Konnte es sein, dass er in Anbetracht multipler sozialer Notstände zu einem Bedrohungsfall geworden war? Nachdem der Lehrer vergeblich versucht hatte, sich in seiner Schule in die Luft zu sprengen, brachte er vor den Ermittlerinnen in einem finalen, fernsehkrimisprengenden Monolog den Frust über die Zustände auf den Punkt. Er klang wie die Summe aller Beschimpfungen auf Facebook. Wie ein Amalgam aus Hass, das sich in seinem Wording aus beiden Seiten des politischen Spektrums zu speisen schien und doch aus der gesellschaftlichen Mitte kam. So wütet er, der Wutbürger anno 2025: "Scheiß auf meine Schule! Scheiß auf die Ollis! Scheiß auf die nutzlosen Loser, diese Hartzer von morgen! Scheiß auf die Gewinner! Scheiß auf diese Mamas und Papas mit Haus, Autos, Jobs und Mini-Job-Sklaven! Die sitzen jetzt alle im Restaurant beim Abendessen und beschweren sich über die Menschen, die ihre Kinder betreuen oder die kranken Eltern pflegen! Und nee, die brauchen einfach keinen fünf Meter langen, drei Tonnen schweren Scheiß-SUV, weil man nicht auf einem gottverdammten Bergbauernhof lebt. Scheiß einfach auf diese überprivilegierten Pisser! Und scheiß auf diese neoliberalen Selbstbediener, die den Hals einfach nicht vollkriegen! Die Straßen müssten längst brennen bei dem, was los ist. Und wenn wir schon mal bei der Wahrheit sind: Scheiß auf diese Aslaks und Gangsterkanaken, die Frauen besitzen wollen und uns mit ihrer Ehre auf den Sack gehen. Und die auch in der zweiten Generation einfach keinen Bock haben, Deutsch zu lernen. Scheiß auf die Nazis, die alten und die neuen und die, die nicht mal wissen, dass sie welche sind! Scheiß natürlich auch auf die Guten, die sich mit ihrer Identitätspolitik einen runterholen, während der Rest der Welt in Flammen steht. Das ist so ein selbstgerechter Bullshit. Wie soll ich denn da ein echtes Problem lösen? Wie? Scheiß auf diesen Stillstand! Scheiß auf die Ignoranz! Scheiß auf unsere Kinder! Es gibt keine Spezies wie der Mensch, der seine Kinder so krass wie Dreck behandelt, wie der Mensch. Und er hat Recht: Scheiß auf unsere Zukunft!" In unserer Kritik schrieben wir: "Für das Drehbuch zu diesem Durchdreher-Psychogramm zeichnet Florian Oeller verantwortlich. Der hatte bereits vor vier Jahren die Grimme-Preis-gekrönte ›Polizeiruf‹-Folge ›Sabine‹ geschrieben, in der eine gedemütigte alleinerziehende Bürgergeldaufstockerin auf Rachefeldzug gegen ihre Peiniger geht. (...) Auch ›Tu es!‹ (Regie: Max Gleschinski) stößt aufwühlend, rabiat und stellenweise durchaus polemisch in den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs vor: Wo bleibt denn der Modernisierungsschub, für den die Schuldenbremse reformiert wurde, wenn alle Systeme, die für Solidarität und Zusammenhalt stehen, längst kollabiert sind? Es ist, als ob der verdächtige Lehrer in seiner Person all den Frust über das Nichtfunktionieren der Systeme aufgestaut hat, auf dass es sich nun unheilvoll entladen kann. Unser Lehrer, die tickende Bombe." Wir gaben 9 von 10 Punkten. Was denken Sie über den Krimi? Ein weiterer Fall des Teams um König und Böwe ist bereits abgedreht. Er entstand in einer erneuten Kooperation zwischen Autor Oeller und Regisseur Gleschinski - und geht ebenfalls in politische Richtung: Ein Milliardär will auf seiner Jacht eine große Party schmeißen – doch linke Aktivisten planen einen Angriff. Titel der Folge: "Schwarzer Sommer".