"Polizeiruf" Rostock: Wenn ich Jesus wäre

Datum19.10.2025 21:59

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Rostocker "Polizeiruf" behandelt die schockierenden Themen Mord und Suizid unter Jugendlichen, angestoßen durch Manipulation im Internet. In dem Film wird die Geschichte des Lehrers Felix Lange erzählt, der verdächtigt wird, Studenten zu radikalisieren. Dramatische Situationen und persönliche Krisen der Charaktere, einschließlich des Lehrers und der betroffenen Jugendlichen, werden aufgezeigt. Der Film kombiniert künstlerische Erzählweise mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen und endet in einem spannungsgeladenen Finale. Zudem werden Hilfsangebote für Betroffene von Suizidgedanken erläutert.

InhaltEin Unbekannter stiftet Jugendliche im Internet zu Mord und Suizid an. Der Rostocker "Polizeiruf" ist ein bemerkenswerter Film und eine treffende Gegenwartsbeschreibung. Geht doch. Anders als der Tatort Dresden letzte Woche mit der verkürzten Version eines kurzen Thomas-Brasch-Gedichts nimmt sich der Rostocker Polizeiruf: Tu es! (NDR-Redaktion: Philine Rosenberg) Zeit für die Kunst, die er zitiert. Dreieinhalb Minuten lang läuft zu Beginn Frank Sinatras melancholischer Bilanz-Hit It was a very good year von 1965. Das Lied lebt nicht nur von der wohlklingenden Gesangsstimme des Crooners, sondern verdankt seinen Reiz dem komplexen und zugleich anschaulichen orchestralen Spiel dahinter, das zwischen Bläser-Avancen und Streicher-Schmelz hin und her wogt. Der Film organisiert sich damit bittersüße Gefühle, wenn er dazu in einer Art Auftakt-Rundumschalte das Rostocker Stammpersonal in dunkler Nacht und dramatischem Regen zeigt. Melly Böwe (Lina Beckmann), die im Auto vergeblich versucht, mit der Tochter zu kommunizieren. Frau König (Anneke Kim Sarnau), die im Bürger-Treff den schwierigen Kontakt mit ihrem Vater (Wolfgang Michael) sucht. Chief Röder (Uwe Preuss), der noch im Büro über allem wacht wie ein gütiger Vater, während Averell Pöschi (Andreas Guenther) sich mit einer Sexarbeiterin, in die er verliebt ist, im Bett vergnügt. Viel Regen, viele Schatten, Spiegelungen und Silhouetten (Kamera: Hanno Lentz). Und am Ende der Schnittfolge sitzt Everybody's Volker (Josef Heynert) in ungemütlicher Nachtfahrt am Steuer und ist die ärmste Sau von allen. Ihn erreicht der Anruf vom Chef, der die Bitte um Amtshilfe bei einer Vermisstensuche weitergibt. Und auch wenn sich Volker kurz sträubt, fragt er am Ende doch bockig-vorwurfsvoll-ich-mach-ja-schon-verschluckt: "Adresse?" Der Einsatz geht nicht gut aus. Eine junge Lara (Samara Fry) ist mit Waffe in den Wald gelaufen und schießt erst ausgerechnet Volker an, der den Rest der Folge im Krankenhaus verbringt, und bringt sich dann selbst um. Ein Insert sagt "Vier Wochen später", und wieder sitzt ein jugendlicher Leon (Karl Seibt), dem die Probleme ins Gesicht geschrieben stehen, in der Straßenbahn. Und auch der schießt eine ihm unbekannte Frau tot und suizidiert sich. Erzählt wird die zweite Tat hinein in die Befragung des Lehrers Felix Lange, der beide, Lara und Leon, aus einem Internetforum kannte und nun im Verdacht steht, unter dem Alias "Wintersonne" die labilen Jugendlichen dazu manipuliert zu haben, sich selbst und andere umzubringen. Sebastian Jakob Doppelbauer spielt diesen Felix Lange auf sehr eigene, janusköpfige Weise, also brillant. Als großen Idealisten, der Zusammenhalt im analogen Leben predigt und Programme zur Jugendarbeit entwickelt einerseits. Und andererseits ist er eine schwer berechenbare, gekränkte Seele mit dementer Mutter im Pflegeheim, droht dort der Stationsschwester, den Laden anzuzünden, wenn sich nicht besser gekümmert wird. Tu es! ist ein außergewöhnlicher ARD-Sonntagabendkrimi, weil die Geschichte so tänzerisch ineinander gewunden ist wie das orchestrale Arrangement aus dem Sinatra-Song (Drehbuch: Florian Oeller). Es geht nicht einfach stur von A nach B zu C, sondern in Ellipsen und Abschweifungen in einer klug verwickelten Form voran, die von der repetitiven, grafischen Musik Bert Wredes unterstützt wird. Und inszenatorisch eben fast musikalisch-dynamisch aufgelöst wird (Regie-Debüt im Polizeiruf: Max Gleschinski). Im Hintergrund raunt schemenhaft eine Schweinerei auf hoher Ebene, die mit dem Schmerz von Melly Böwe über eine Vergewaltigung in jungen Jahren verbunden ist: Ein Staatsanwalt (Thorsten Merten), der sich im Auftrag einer sinistren Gestalt in die Ermittlungen einmischen will. Was genau vor sich geht, wird wohl erst in einer der nächsten Folgen enthüllt, weil am Ende auch die Person hinter dem "Wintersonne"-Account ein Rätsel bleibt. Lange versucht der Film zu beweisen, dass es sich dabei um Felix Lange handelt. Im Finale wechselt der Polizeiruf dann aber die Spur, um Spannung auf andere Weise zu beschleunigen. Lehrer Lange geht mit Sprengstoffweste in seine Schule, um sich auf dem Klo in die Luft zu sprengen. Verhindert wird das im letzten Moment von Melly Böwe, die gemeinsam mit Frau König die Tür zum Klo aufbricht und mit einem Feuerlöscher die Sprengvorrichtung lahmlegt. Eine bemerkenswert choreografierte Actionszene, die durch den Löschschaum zudem im Bild was hermacht. Im Epilog hält Lange einen markanten "Scheiß auf alles"-Monolog. Der macht aus einem Polizeiruf, der angefangen hat als Sorge um Kinder, die von sadistischen Menschen digital in den Tod getrieben werden, eine Gegenwartsbeschreibung. Die ist abstrakt genug, um sich von den klassischen "Themen"-Filmen auf dem Sendeplatz zu unterscheiden, in denen ein medial diskutiertes Problem plump wiedergekäut wird. Der gestresste Idealist Lange ist eine Figur aus eigener Kraft, die vor dem Druck des Alltags und der Unsicherheit übers Morgen kapitulieren will in die Selbstzerstörung. Dazu macht Tu es! selten genug im ARD-Sonntagabendkrimi, sogar Klassenunterschiede deutlich. Vor dem Amoklauf tritt dem Lehrer eine schnöselige Schülermutter gegenüber, die in ihm nur den Dienstleister ihres Steuergelds sieht – Anspielung auf einen Diskurs, mit dem rechte Spalter die Wut bei ihrer Anhängerschaft hochhalten, indem sie Rundfunkgebühr oder Steuerzahlungen als vermeintlich persönliche Investitionen labeln. Und nach dem Verhör wird, in einem krassen Akzent, Felix Lange dann auf dem Revier erschossen. Vom Witwer der von Leon getöteten Frau, der weniger aus tief empfundenem Schmerz handelt. Vielmehr ist dieser Sandro Färber (Jan-Peter Kampwirth) ein reicher Mann, der gewohnt ist, zu bekommen, was er will und sich deshalb über das Gesetz stellt. Man darf gespannt sein, wie es weitergeht. Tu es! ist ein Film, der schwer festzulegen und trotzdem unmittelbar verständlich ist. Das macht ihn selbst am Rostocker Schauplatz besonders.  Ein Graffito, das jedes Wohnzimmer schmückt: "Du warst ja ewig nicht mehr hier." Ein Bewusstsein, mit dem man in Gehaltsverhandlungen gehen sollte: "Ich bin es gewohnt zu kriegen, was ich will." Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht: "Bist Du mein Mann?" Suizidgedanken können einem Teufelskreis ähneln: Sie drängen sich auf und scheinen dann unaufhaltsam. Doch sie lassen sich durchbrechen und sind zeitlich begrenzt. Betroffene berichten im Nachhinein, dass sie froh sind, am Leben zu sein. Suizidalität lässt sich also überwinden. Es hilft, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch Hilfsangebote wie die Telefonseelsorge. Sie ist rund um die Uhr erreichbar unter den Telefonnummern 0800-1110111 und 0800-1110222. Jeder Anruf ist anonym und kostenlos. Wem Schreiben leichter fällt, kann die Berater auch per Chat erreichen. Dafür genügt hier eine kurze Anmeldung. Für Kinder und Jugendliche gibt es außerdem die Nummer gegen Kummer 116111. Für Eltern gibt es die 0800-1110550. Speziell an Männer richtet sich die Website www.maenner-staerken.de. Das muslimische Seelsorgetelefon ist unter 030-443509821 erreichbar. Direkte Anlaufstellen sind Hausärztinnen und Hausärzte. Deutschlandweit gibt es außerdem Beratungsstellen, die auf Suizidalität spezialisiert sind. Eine Übersicht bietet hier die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention. Die Ursachen für Suizidgedanken sind vielfältig. Sie können Folge einer psychischen Erkrankung sein. Doch auch andere belastende Umstände können zu schweren seelischen Krisen führen, zum Beispiel der Verlust eines geliebten Menschen, des Arbeitsplatzes oder eine körperliche Erkrankung. Meistens kommen viele Faktoren zusammen. Etwa 80 Prozent aller Suizidversuche werden zuvor angekündigt. Hinweise darauf sind nicht nur klare Äußerungen, sondern auch indirekte wie "Es hat alles keinen Sinn mehr" oder "Ich fühle mich gefangen". Ein Warnsignal können auch bestimmte Verhaltensweisen sein. So wollen suizidgefährdete Menschen häufig ihre Angelegenheiten ordnen: Sie verschenken zum Beispiel Wertgegenstände oder verabschieden sich ungewöhnlich. Einige Menschen wirken plötzlich erleichtert, wenn sie einen Suizidplan gefasst haben. Häufig wird ein solcher Umschwung als Besserung missinterpretiert, er sollte aber aufhorchen lassen. Generell gilt: Ansprechen und Nachfragen kann Leben retten. Wer den Verdacht hat, dass ein Familienmitglied, eine Freundin oder ein Bekannter an Suizid denkt, sollte ihn oder sie darauf ansprechen und dabei unterstützen, professionelle Hilfe zu finden. Dass durch das Ansprechen ein Suizid erst ausgelöst werden kann, ist falsch. Vielmehr bringt es Betroffenen Entlastung, ihre Gedanken auszusprechen.  Hilfreiche Tipps für ein solches Gespräch hat zum Beispiel die Suizidprävention Berlin hier gesammelt. Unterstützung für Angehörige bietet die Telefonseelsorge (siehe oben) oder der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen unter der Telefonnummer 0228-71002424 oder der E-Mail-Adresse seelefon@bapk.de. Von jedem Suizid sind zahlreiche Personen betroffen: Mitmenschen aus Familien- und Freundeskreis, aus Kollegium, Schule, Nachbarschaft, Vereinen. Sie können durch einen Suizid selbst in eine schwere Krise geraten. Hilfe für Hinterbliebene bietet der Verband Agus unter der Telefonnummer 0921-1500380 oder der E-Mail-Adresse kontakt@agus-selbsthilfe.de.