Datum19.10.2025 18:05
Quellewww.spiegel.de
TLDRAm 19. Oktober brachen Diebe in den Louvre ein und erbeuteten Teile der französischen Kronjuwelen in nur vier Minuten. Sie nutzten ein hydraulisches Lastenkorb, um in die Galerie d'Apollon zu gelangen, wo sie Vitrinen aufschlugen und Schmuck entwendeten. Die präzise Ausführung des Überfalls deutet auf professionelles Vorgehen hin. Einige gestohlene Stücke, darunter die Krone von Kaiserin Eugénie, wurden mittlerweile beschädigt gefunden. Die Täter sind weiterhin flüchtig, und die Umstände des Diebstahls werfen Fragen auf.
InhaltDieser Coup wird Geschichte schreiben: Diebe brachen in den Louvre ein, das wohl bestgesicherte Museum der Welt. In wenigen Minuten stahlen sie Teile der französischen Kronjuwelen. Die Beute ist so kostbar wie unverkäuflich. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Dieser Artikel wird laufend aktualisiert. Der Louvre gilt als bestgesichertes Museum der Welt, seit mehr als hundert Jahren ist dort nichts von wesentlichem Wert mehr abhandengekommen. Damals, am 21. August 1911, spazierte morgens gegen sieben Uhr der als Arbeiter verkleidete Vincenzo Perugia in den Salon Carré des Louvre, nahm ein Bild von der Wand, entsorgte den Rahmen, steckte sich das kleine Kunstwerk unter den Kittel und ging einfach wieder. Es sollte fast zwei Jahre dauern, bis man das Bild wiederfand: Perugia persönlich bot Leonardo da Vincis "Mona Lisa" zum Verkauf an – und wurde prompt verhaftet. So leicht macht es der Louvre seitdem keinem Dieb mehr. Trotzdem soll es den Einbrechern vom 19. Oktobermorgen gelungen sein, ihren Coup in nur vier Minuten durchzuziehen. Der offenbar perfekt durch choreografierte Überfall erinnert an die Abläufe spektakulärer "Heist"-Filme wie "Oceans 11". Wie, fragt sich Frankreich nun, war das möglich? Und wer steckt hinter dem spektakulären Einbruch? Was bisher bekannt ist – und was nicht: Der Louvre öffnet am Sonntag, dem 19. Oktober, um neun Uhr morgens seine Tore. Unmittelbar davor näherte sich offenbar ein Lkw von der Seine-Seite her dem Museum, wo derzeit Bauarbeiten stattfinden. Vom Lkw aus ließen sich die mutmaßlich drei Täter gegen 9.30 Uhr mithilfe eines hydraulischen Lastenkorbes zu einem Fenster hinauffahren und schlagen dieses ein. Von dem Fenster aus betraten zwei der Diebe die Galerie d’Apollon, wo die erhaltenen Teile der französischen Kronjuwelen gelagert werden. Sie brachen mithilfe von akkubetriebenen Trennschleifern zwei Vitrinen auf, die "Vitrine Napoléon" und die "Vitrine des Souverains Français", entwendeten Schmuck und verließen das Museum – wahrscheinlich auf demselben Weg, auf dem sie eingedrungen waren. Draußen hatten sie offenbar zwei hochmotorisierte Motorroller deponiert, auf denen sie zum Boulevard Periphérique und dann auf die Autobahn A6 Richtung Süden gefahren sein sollen, berichtete der Sender TF1. Einer der Roller sowie offenbar bei Einbruch oder Flucht benutzte Handschuhe wurden inzwischen gefunden und werden auf DNA-Spuren untersucht. Die Täter sind auf der Flucht. Die französische Kulturministerin Rachida Dati zeigte sich gegenüber dem Sender TF1 beeindruckt vom Ablauf des Überfalls. Sie habe Aufnahmen der Videoüberwachung gesehen: "Sie greifen niemanden an, sie gehen ganz ruhig hinein. In vier Minuten zerstören sie natürlich Vitrinen, nehmen ihre Beute und verschwinden ohne jegliche Gewaltanwendung. Das ist sehr professionell." Die Flucht der Täter könnte durch das Chaos begünstigt gewesen sein, das ihr Überfall verursachte: Nach dem Auslösen des Alarms schlossen sich innerhalb des Louvre automatisch Sicherheitstüren. Mehr als 2000 Personen wurden so zeitweilig festgesetzt. Die Evakuierung der Museumsgäste und Angestellten sei dann aber geordnet abgewickelt worden, hieß es, es gab keine Verletzten. In ersten Meldungen war von "Schmuck aus der Sammlung Napoleons" die Rede. Gemeint war damit aber wohl eher Napoleon III. (1808–1873), was sich mit den Beständen in der Galerie d’Apollon decken würde. Dort werden die erhaltenen Teile der Kronjuwelen von Kaisern und Königen gezeigt. Einzelne Stücke, die Napoleon Bonaparte und seinen zwei Ehefrauen zugeordnet werden, sind zwar auch darunter. Die bekanntesten dieser Stücke sind aber offenbar nicht entwendet worden. Alle Stücke, deren Diebstahl bisher öffentlich gemacht wurde, stammen aus den Beständen der Sammlung zu Napoleon III., darunter eine Halskette, eine Brosche und ein Diadem. Die Krone der Kaiserin Eugénie, Ehefrau von Napoleon III., wurde ebenfalls entwendet, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Sie gehört zu den kostbarsten Stücken der Ausstellung. Die Krone besteht aus Gold und ist mit mehr als 2400 Diamanten und 56 Smaragden besetzt – eine seriöse Schätzung des Wertes erscheint da kaum möglich. Es ist aber wohl auch das einzige der acht entwendeten Stücke (zwischenzeitlich war von sieben oder neun die Rede), um die sich die Fahnder in Paris keine Sorgen mehr machen müssen. Die Diebe haben sie verloren, die Krone wurde gegen Mittag beschädigt wiedergefunden – auf dem "Gehsteig", wie es bei TF1 hieß. Die militärisch anmutende Präzision des Einbruchs deutet auf eine Tat spezialisierter Täter hin. Ein von TF1 befragter Experte mutmaßte, sie könnten für einen Auftraggeber tätig geworden sein, schließlich seien die gestohlenen Schmuckstücke auf dem offenen Markt völlig unverkäuflich. Klingt wie eine naheliegende Vermutung, hat aber einen Schönheitsfehler: Sie wird bei so gut wie jedem spektakulären Kunstcoup geäußert, aus den immer gleichen Gründen. Immer gleich endet dann aber das Sinnieren über solche Möglichkeiten: Es gibt bisher keinen einzigen Fall, in dem ein ultrareicher Auftraggeber eines Kunstraubs dingfest gemacht worden wäre. In allen bekannten Fällen gefasster Kunstdiebe war profitgetriebene Habgier und nicht kriminell unterfütterter Kunstsinn das Motiv. Oft gelang der Zugriff – wie schon im Fall der Mona Lisa 1911 – wenn Täter versuchten, ihre Beute gegen alle Erwartung doch zu verkaufen. Die große Frage ist nun, ob der Schmuck Stunden nach dem Einbruch bereits eingeschmolzen wurde, um das Gold weiterzuverkaufen. "Das Risiko besteht darin, dass einige Diamanten im Handel verkauft werden könnten, was die Rekonstruktion der Schmuckstücke sehr erschweren würde", sagte eine mit den Ermittlungen vertraute Person dem "Parisien". Das wird darauf ankommen, wer den Wert der gestohlenen Güter auf welche Höhe schätzt. Tatsächlich gehört Kunstraub regelmäßig zu den spektakulärsten Verbrechen mit den höchsten geschätzten Schadenssummen. Es gab in der Vergangenheit etliche Diebstähle und Überfälle, deren Schäden hohe dreistellige Millionensummen ausmachten. Nicht alle verliefen für die Täter aber so reibungslos wie der Louvre-Einbruch. Hier bekannte Beispiele: Mit Material von AFP, dpa und Reuters