Zukunft Europas: "Die Welt, für die Europa gebaut wurde, existiert nicht mehr"

Datum19.10.2025 20:33

Quellewww.zeit.de

TLDRDie Europaoptimisten Thu Nguyen und Nils Redeker analysieren die geopolitische Schwäche der EU im Kontext der aktuellen globalen Herausforderungen, insbesondere durch Donald Trumps Einfluss. Sie betonen, dass die EU in der Außenpolitik durch die Einstimmigkeitsregel und unterschiedliche Meinungen der Mitgliedstaaten handlungsunfähig ist. Um die Abhängigkeit von den USA und China zu reduzieren, fordern sie eine vertiefte Binnenmarktintegration, stärkere Finanzmarktverbindungen und gemeinsame Investitionen in Schlüsseltechnologien. Nguyen und Redeker sehen Hoffnung in der weiteren Integration, insbesondere durch den Coronakrisenfonds.

InhaltDonald Trump schüttelt die Welt durch – und was macht die Europäische Union? Zwei junge Europaoptimisten erklären, wie man sie aufweckt – jetzt aber wirklich. Thu Nguyen und Nils Redeker leiten seit Anfang Oktober gemeinsam das Jaques Delors Center an der Hertie School in Berlin, ein Thinktank, der sich mit europäischen Politik- und Wirtschaftsfragen beschäftigt.  DIE ZEIT: Frau Nguyen, Herr Redeker, US-Präsident Donald Trump hat erfolgreich für einen Frieden in Gaza gesorgt. Europa hat in diesem Konflikt und seiner Lösung keine große Rolle gespielt. Was sagt das über die EU und ihr geopolitisches Gewicht? Thu Nguyen: Es zeigt erst mal, dass Europa hier sehr wenig Einfluss hat. Das hat zum einen historische Gründe: Europa war im Nahen Osten schon immer weniger präsent. Zum anderen liegt es aber auch an der Kompetenzverteilung innerhalb der EU. In der Außenpolitik haben weiterhin die Mitgliedstaaten das Sagen, es herrscht das Prinzip der Einstimmigkeit. Die Kommissionspräsidentin kann nicht einfach agieren, wie etwa in der Handelspolitik. Noch dazu haben die Mitgliedstaaten sehr unterschiedliche Ansichten zur Situation in Israel und Gaza. ZEIT: Steht das Kompetenz- und Meinungsgerangel nicht symptomatisch für die Machtlosigkeit Europas in der Welt? Nils Redeker: Ein Stück weit sicher. Kennen Sie das Phänomen der Schlaflähmung? Dabei ist der Teil des Gehirns, der für die Wahrnehmung zuständig ist, bereits wach, während der Teil, der den Körper steuert, noch schläft. Man nimmt alles wahr, kann aber nicht reagieren oder sich bewegen. So wirkt Europa gerade: Es erkennt die Probleme, ist aber noch nicht wirklich handlungsfähig.  ZEIT: Na, dann ist Europa ja schon seit 20 Jahren in einem Zustand der Schlaflähmung. Redeker: Vielleicht, aber die Veränderungen in der jüngsten Zeit waren dramatisch. Die Welt, für die Europa ursprünglich gebaut wurde, existiert heute nicht mehr. Ein auf Regeln basierendes weltweites Handelssystem wird nun vor allem von den USA infrage gestellt. Die waren aber in der Vergangenheit der wirtschaftlich und politisch verlässlichste Partner. Gleichzeitig wird die EU militärisch von Russland bedroht, technologisch von China. ZEIT: Aber das erhöht doch nur den Handlungsdruck. Redeker: Auf jeden Fall. Ich würde auch sagen, dass es Bereiche gibt, in denen wir begonnen haben, uns auf die neue Welt einzustellen. Schauen Sie einfach, was Europa bereit ist, für die notwendige Aufrüstung auszugeben, um sich unabhängiger von den USA zu machen. Aber ja, damit hätten wir schon vor zehn Jahren beginnen müssen. ZEIT: Warum haben wir es nicht getan? Nguyen: Wir haben lange geglaubt, wirtschaftliche Stärke und Einhaltung von internationalen Regeln würden ausreichen, um in der Welt eine wichtige Rolle zu spielen. Diese Vorstellung von der Welt hat unter anderem Trump zerstört. Jetzt stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen. Dazu gehört auch, ob wir gemeinsam eine strategische Handelspolitik und Industriepolitik entwickeln können. ZEIT: Und? Können wir? Redeker: Zumindest sind wir schon aufgewacht, um im Bild der Schlaflähmung zu bleiben. Es knirscht gerade an allen Enden und Ecken. Die Frage ist, sind das Zeichen eines Niedergangs oder Wachstumsschmerzen? Ich setze auf Letzteres und glaube, dass Europa gestärkt aus dieser Krise hervorgehen kann. Dafür ist es jedoch unerlässlich, mehr Kompetenzen an Brüssel abzugeben. ZEIT: Was müsste Deutschland konkret aufgeben, um die EU zu stärken? Nguyen: Zuallererst sollte die Bundesregierung nicht in alte Muster fallen. Einerseits betont Bundeskanzler Friedrich Merz, wie unverzichtbar die EU sei. Andererseits verfällt er immer wieder ins klassische Brüssel-Bashing und kritisiert die EU als Regulierungsmaschine. Das passt nicht zusammen und ist der schwierigen Lage nicht angemessen. ZEIT: Aber stimmt es nicht, dass europäische Regulierungen die Wirtschaft in den vergangenen Jahren eher gelähmt haben und so zur Wachstumsschwäche beigetragen haben? Nguyen: Ja, zum Teil gibt es sicher ein Problem mit zu viel Bürokratie. Aber die Bundesregierung erweckt den Eindruck, dass man nur ein paar Berichtspflichten zurücknehmen muss und alles ist gut. Das wird aber nicht reichen. Redeker: Natürlich ist es erst mal gut, dass die Bundesregierung ein klares Bekenntnis zur EU abgegeben hat. Jetzt muss sie aber mehr politisches Kapital investieren. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die EU exportiert zehnmal so viel in andere EU-Länder wie in die USA. Wenn der Handel mit den USA um zehn Prozent sinkt, müsste der Handel innerhalb Europas nur um etwas mehr als ein Prozent steigen, um das zu kompensieren. Die einfachste Antwort ist, Europas Binnenmarkt zu stärken und sich von den USA zu emanzipieren. ZEIT: Dann sagen Sie doch mal drei Punkte, die jetzt wichtig sind, um die Abhängigkeit von China und den USA zu reduzieren. Redeker: Erstens müssen wir den Binnenmarkt vertiefen, etwa durch gegenseitige Anerkennung von Standards, damit Unternehmen für das gleiche Produkt nicht 27 unterschiedliche Standards erfüllen müssen. Zweitens brauchen wir eine stärkere Finanzmarktintegration. Europa sitzt auf 35 Billionen Euro Ersparnissen. Das ist Geld, das wir eigentlich dringend bräuchten, um innovative Unternehmen in Europa zu finanzieren. Aber das passiert nicht, stattdessen geht das Geld vorwiegend in die USA und wird dort investiert. Und drittens müssen wir in strategischen Bereichen wie Batterietechnologien gemeinsam investieren und die Nachfrage nach europäischer Produktion gezielt ankurbeln.   ZEIT: Klingt alles sinnvoll, aber noch mal: Ist die EU agil genug, um auf eine sich so schnell verändernde Welt adäquat zu reagieren? Nguyen: Wenn es nötig ist, kann sie sich bewegen. Nehmen Sie etwa den 800 Milliarden Euro schweren Coronakrisenfonds "Next Generation EU". Das ging damals für EU-Verhältnisse sehr schnell und war ein großer Fortschritt. Zum ersten Mal hat die EU gemeinsam Kredite aufgenommen. Was vorher unmöglich schien, wurde unter Druck plötzlich möglich. Die Krise hat die Mitgliedstaaten zur Einigung gezwungen. ZEIT: Polemisch gesagt: Beim Geld ausgeben ist man sich schnell einig, aber grundlegende Reformen passieren nicht. Nguyen: Das stimmt so nicht ganz. Der Fonds hat auch die Beziehung zwischen Kommission und den Mitgliedstaaten verändert. Es war eine neue Form von Integration in der wirtschaftspolitischen Steuerung mit Auswirkungen auch darauf, wie Rechtsstaatlichkeit durchgesetzt wird.