Datum05.01.2026 15:46
Quellewww.spiegel.de
TLDRLennart Karl, 17-jähriger Spieler des FC Bayern, äußert bei einem Fanklubtreffen, dass Real Madrid sein Traumverein ist. Dies sorgt für empörte Reaktionen unter Fans und Medien, die seine Ehrlichkeit als respektlos oder unklug bewerten. Der Artikel diskutiert, wie Karls Aussage mehr über die Authentizität im Profifußball aussagt und kritisiert die Überreaktion der Öffentlichkeit. Karls Leistung auf dem Platz wird gewürdigt, während sein ehrlicher Umgang mit seinen Ambitionen als erfrischend angesehen wird.
InhaltBei einem der legendären Fanklubtreffen wird Lennart Karl nach seinem Traumverein gefragt. Der 17-Jährige schwärmt von Real Madrid, FCB-Anhänger reagieren wütend. Dabei zeigt dieser Fall doch nur, wie schön Ehrlichkeit ist. Es lässt sich zunächst festhalten, dass Lennart Karl an das Gute im Menschen zu glauben scheint. Oder wie sonst soll man einordnen, dass das Juwel des FC Bayern die Zuhörer bei einem Fanklubtreffen gleich zweimal bittet, sein folgendes Geständnis möge doch "bitte unter uns bleiben". "Hast du einen Lieblingsverein außer Bayern München?", wird Karl gefragt, und ihm stockt kurz der Atem. "Ich hoffe mal, das bleibt unter uns", sagt Karl, 17 Jahre jung, ein halbes Jahr Bundesligaerfahrung. Dann lobt er seinen aktuellen Verein, ehe er nachschiebt: "Irgendwann will ich auf jeden Fall zu Real Madrid. Das ist mein Traumverein." Und dann, zur Sicherheit, noch einmal: "Aber das bleibt unter uns." Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. In Zeiten, in denen jeder mit einem Handy zur Sendeanstalt werden kann, bleibt nichts "unter uns". Sogar ein Treffen mit dem Fanklub Burgsinn 1980 in dem unterfränkischen 2300-Einwohner-Ort wird dann zur knallharten Nachrichtenfabrik. Und wie schnell im Internet heiß gekocht wird, müsste Karl aus der Generation Social Media eigentlich besonders gut wissen. Nur: Bei einem Fanklubtreffen war der junge Karl jetzt zum ersten Mal. Hier gibt es eigene Gesetze. Die oft zu Neujahr oder zum Saisonende stattfindenden Fantreffen zwischen Spielern und Anhängern sind wohl eine der letzten "echten" Institutionen der Profifußballwelt. Trainer Vincent Kompany musste zum Jahreswechsel zum Maßkrugstemmen, der Kolumbianer Luis Díaz durfte eine Kuh melken und Alphorn spielen. Und: Hier kann noch etwas gesagt werden, ohne dass die Presseabteilung des Klubs die Aussagen bei der Autorisierung skandalfrei umschreibt. Die meisten Profis kommen trotzdem unfallfrei aus dieser Geschichte, immerhin haben sie einige Stunden in der Medienschule verbracht. Karl ist aber noch im ersten Semester. Das Video mit dem Karl-"Geständnis" verbreitete sich natürlich in den sozialen Netzwerken, Medien berichten vom "Karl-Wirbel". Bei einer Onlineumfrage des "Merkur" halten 28,5 Prozent der Teilnehmer Karls Aussage für respektlos, 25 Prozent nennen sie unklug. Erstaunliche Urteile für die Antwort eines 17-Jährigen bei einem Fanklubtreffen, der mit diesem Satz erkennbar keine große Karriere-Agenda verfolgt. Er wollte wohl nicht den Schlusspfiff für seine Bayern-Zeit einläuten oder den Scouts von Real Madrid ein Blinksignal senden, endlich den talentierten Offensivspieler aus München in die spanische Hauptstadt zu lotsen. Das hat er nämlich gar nicht nötig. Lennart Karl ist der Spieler, der in den vergangenen Monaten kräftig mitgeholfen hat , dass in München viele beinahe vergaßen, dass der talentierteste deutsche Fußballer und Bayern-Profi (Jamal Musiala) monatelang mit einem Wadenbeinbruch fehlte. Der dafür sorgte, dass die Entscheidung des zweittalentiertesten (Florian Wirtz) für den FC Liverpool trotz aller Bemühungen vom Tegernsee etwas weniger schmerzte. Und dass man dem fünft- oder sechsttalentiertesten (Nick Woltemade), der dem Rekordmeister im vergangenen Sommer zu teuer war, in München nicht nachweint. Karl ist der Himmelstürmer der vergangenen Monate, einer, der auf dem Platz wirkt, als würde er gar nicht nachdenken, nicht grübeln – eine Gabe. Abseits des Rasens wird sie ihm nun zum Verhängnis. Wirklich? Man könnte auch kurz innehalten und fragen: Was hat Lennart Karl eigentlich gesagt? Real Madrid ist der größte Verein der Welt, hat in den vergangenen zehn Jahren fünfmal die Champions League gewonnen, spielt in einem der imposantesten Stadien des Planeten. Karl hätte der Frage ausweichen und sagen können, er wolle in seiner Karriere "das Maximale erreichen". Viele seiner Fußballkollegen hätten wohl genau diesen Satz gewählt, eine weitere Nullaussage für die Interviewkonserve. Langweilig. Vielleicht ist die ganze Aufregung dieser Nummer überflüssig oder sie zeigt uns einfach nur, was der Profifußball viel öfter vertragen könnte: einen ehrlichen Satz. Sie benötigt mehr Lennart Karl. Und viel mehr Fanklubtreffen.