Meinung: Venezuela: Mit Nicolás Maduro trifft es den Richtigen – Kolumne

Datum05.01.2026 14:07

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer Artikel thematisiert den US-Schlag gegen Nicolás Maduro, der als Symbol für Unterdrückung gilt. Der Autor, Nikolaus Blome, argumentiert, dass der Sturz Maduros Chancen auf Freiheit für das unterdrückte venezolanische Volk bieten könnte. Er kritisiert die zurückhaltende deutsche Reaktion und plädiert für eine werteorientierte Außenpolitik, die Freiheit über Regeln stellt. Blome weist darauf hin, dass bislang wenig effektive Maßnahmen der internationalen Gemeinschaft gegen das Maduro-Regime unternommen wurden und warnt vor den Gefahren eines Bruchs mit der bestehenden Weltordnung.

InhaltSo ginge deutsche Werte-Außenpolitik: Wenn Unterdrücker verschwinden, ist das gut, denn die Unterdrückten können nach dem Wichtigsten von allem greifen – der Freiheit. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Dass sich einfach einmal zu freuen auch im Jahr 2026 keine deutsche Tugend werden wird, stand zu befürchten. Wie zum Beweis fiel die Resonanz auf den US-Schlag gegen Nicolás Maduro hierzulande schmallippig bis stirnrunzelnd aus, in manchen Milieus geradezu missgelaunt. Dabei besteht lagerübergreifend kein Zweifel daran, dass Maduro ein in jeder Hinsicht wirklich übler und zugleich maximal erfolgloser Vertreter seiner Gattung ist. Man mag mich also für jemanden schlichten Gemüts halten: Aber ist deswegen die Welt ohne ihn (im Amt) nicht prompt ein bisschen besser? Von Venezuela und seiner großen Chance auf Freiheit gar nicht zu reden. Nikolaus Blome, Jahrgang 1963, war bis Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur und Politikchef der "Bild"-Zeitung. Von 2013 bis 2015 leitete er als Mitglied der Chefredaktion das SPIEGEL-Hauptstadtbüro, zuvor war er schon einmal stellvertretender "Bild"-Chefredakteur. Seit August 2020 leitet er das Politikressort bei RTL und n-tv. Dort macht er auch einen wöchentlichen Podcast zusammen mit Jakob Augstein  . Im Januar 2025 erscheint sein neues Buch "Falsche Wahrheiten: 12 linke Glaubenssätze, die unser Land in die Irre führen". Viel ist von der wertegeleiteten deutschen Außenpolitik die Rede, und voilà, hier ist ein Paradebeispiel: Denn einen zentraleren Wert als eben die Freiheit haben wir nicht im christlich-abendländischen Westen. Das Konzept von "regime change" hat zwar keinen guten Ruf, weil es in der jüngeren Vergangenheit aus mancherlei Gründen nicht funktioniert hat. Aber sein konzeptioneller Kern – Freiheit für die Menschen – ist so stark wie eh und je, und sei es nur gemessen am Aufwand, den so viele Staaten betreiben, sie zu unterdrücken. Mit Maduro trifft es also den Richtigen. So hat es auch der Bundeskanzler zwischen den Zeilen seines Statements kommentiert, indem er das politische Ende Maduros in den Vordergrund rückte und erst dann beinahe beiläufig zur juristischen Bewertung der US-Operation kam  . Friedrich Merz hat damit einer ansonsten leider schwindenden Tugend im Kanon der bürgerlichen Vernunft die Ehre gegeben: das Wichtige wichtig zu nehmen, nicht das weniger Wichtige, was in diesem Fall die Abneigung gegen Donald Trump ist. Wäre Frau Baerbock noch Außenministerin, hätte es stattdessen Betroffenheit (auch als Mutter) über die Untaten des Maduro-Regimes gegeben, hernach eine ausführliche Lektion in Völkerrecht und dann: nichts. Auch heute wird viel Kritik auf der linken Hälfte des Spektrums vorgebracht. Sie zeigt einen starken Zug ins Grundsätzliche. Das sind zwar viele ehrbare Sätze, wiewohl fast ausnahmslos Grüße aus einer alten Welt, die es in dieser Form nicht mehr gibt. Es ist eine Zombie-Debatte, ob Wladimir Putin Trumps Venezuela-Attacke zur Rechtfertigung seines Überfalls auf die Ukraine heranziehen könnte. Putin braucht keine Argumente, um Krankenhäuser und Stromwerke zu bombardieren, er tut es in jedem Fall, mit oder ohne. Abgesehen davon ist die Warnung an den Haaren herbeigezogen. "Wer internationales Recht missachtet und Macht über Regeln stellt, unterscheidet sich im Handeln nicht von autoritären Akteuren", sagte der einflussreiche SPD-Außenpolitiker Adis Ahmetović allen Ernstes. Der normale Konservative hält es dagegen weiter für einen Unterschied, ob eine Diktatur eine Demokratie überfallt oder eine Demokratie einen Diktator abräumt. Man muss sich nur die Werte anschauen, die sich im Falle des Falles damit jeweils durchsetzen: Freiheit oder Knechtschaft, so archaisch darf man das sehen. Für das eine, die Freiheit und ihre Behauptung, gibt Deutschland gerade 500 Milliarden Euro aus. Da sollte man sich doch freuen, wenn es auf der Welt mal in die richtige Richtung geht. Und sei es der Falsche, der dafür sorgt. Nehmen dann aber das Völkerrecht oder die regelbasierte Weltordnung irreparablen Schaden? Ganz gleich, welche Prognose man stellen würde, ich fürchte, die Frage stellt sich in dieser Form einstweilen nicht mehr. Ob man die neuen Regeln ganz einfach "das Recht des Stärkeren" nennt, einen neuen "Imperialismus", oder eine multipolare Welt der reklamierten "Einflusszonen" und "Hinterhöfe": Nichts davon ist in der Geschichte neu. Aber der Bruch mit der (auch) supranational, also überstaatlich organisierten Welt fällt Deutschland besonders schwer. Aus antinationalistischen, historischen Gründen, aber auch aus praktischen: Von dieser alten Weltordnung hatten gewiss alle Länder objektiv ihre Vorteile, aber das exportstärkere und zugleich verteidigungsschwächere Deutschland mehr als andere. Ob diese schöne alte Welt Venezuela Vorteile brachte oder das unfähig-verbrecherische Maduro-Regime dieses verhinderte, war Deutschland und vielen anderen Verfechtern dieser regelbasierten Ordnung übrigens all die Jahre ziemlich egal, so mein Eindruck. Das macht die jüngsten Klagen nicht eben überzeugender. Auch ist mir nicht erinnerlich, was die Vereinten Nationen als die Wächter dieser Ordnung handfest gegen das Maduro-Regime unternommen hätten, außer dass ein Untergremium gegen seine Wahlfälschung protestierte. Kurz: Die Maduro-Gegner in Venezuela werden einen Bruch des Völkerrechts vermutlich verschmerzen. Es hat ihnen bislang ja auch herzlich wenig Schutz oder Fortschritt gebracht. Preisabfragezeitpunkt 05.01.2026 14.09 Uhr Keine Gewähr Das Einzige, was vernünftige Bürgerliche an der Spezialoperation kritisieren können, ist der Verweis darauf, dass Donald Trump bislang Nützliches und Gutes viel öfter kaputt macht als heile. Amerikas Soft Power hat er weltweit schon weitgehend ruiniert, manche Missetaten seiner letzten Vorgänger waren Peanuts dagegen. Amerikas Berechenbarkeit hat er auch zerstört, weil er anscheinend aus Prinzip in jede große Lage ohne einen Plan B geht. Warum auch, aus seiner Sicht, sind seine Pläne A selbstredend unschlagbar und eine militärpolizeiliche Operation mit 150 Fahrzeugen ein "Angriff, wie man ihn seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen hat". Doch den Chef eines Regimes in Handschellen außer Landes zu bringen, ist noch kein Regime Change. Wenn das Ganze mehr als nur einen Richtigen, nämlich Maduro, treffen soll, dann wird Donald Trump mehr an Ideen, Personen und Material einsetzen müssen. Die deutsche Außenpolitik sollte dabei lieber helfen als mit dem Zeigefinger wedeln.