Sucht: Alkohol im Alter – Zahl der Klinikeinweisungen steigt

Datum05.01.2026 05:00

Quellewww.zeit.de

TLDRIn Thüringen hat die Zahl alkoholbedingter Klinikeinweisungen bei Menschen über 60 in den letzten zwei Jahrzehnten stark zugenommen, von 1.171 im Jahr 2003 auf 2.413 im Jahr 2023. Diese Besorgnis erregende Entwicklung ist nicht nur dem demografischen Wandel geschuldet; viele ältere Menschen trinken problematisch, was oft lange unentdeckt bleibt. Experten betonen die Notwendigkeit von frühzeitigen, altersgerechten Beratungsangeboten und weisen darauf hin, dass viele Pflegeeinrichtungen nicht für alkoholabhängige ältere Patienten geeignet sind.

InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Sucht“. Lesen Sie jetzt „Alkohol im Alter – Zahl der Klinikeinweisungen steigt“. In Thüringen steigt die Zahl der alkoholbedingten Krankenhauseinweisungen älterer und alter Menschen kontinuierlich an. Zwischen 2003 und 2023 hat sich die jährliche Zahl der Menschen im Alter von 60 bis über 80 Jahre, die etwa mit akuten Alkoholvergiftungen, durch Alkoholmissbrauch verursachten psychischen Störungen und Verhaltensstörungen in Kliniken behandelt werden, mehr als verdoppelt. Wie aus Zahlen des Statistischen Landesamtes hervorgeht, kam es 2023 zu 2.413 alkoholbedingten Klinikeinweisungen, während es 2003 noch 1.171 Fälle waren. Fachleuten macht diese Entwicklung Sorgen. Nach Einschätzung der Thüringer Landesstelle für Suchtfragen lässt sie sich nicht allein mit dem wachsenden Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung erklären, wie deren Koordinatorin Sarah Kornmann der Deutschen Presse-Agentur sagte. Im Alter könnten "Konsummuster, die über viele Jahre bestanden", allerdings schneller zu medizinischen Komplikationen führen – vor allem dann, wenn es zu Wechselwirkungen mit Medikamenten komme.  Im höheren Lebensalter werde "problematischer" Alkoholkonsum zudem häufig lange verdeckt oder als Gewohnheit verharmlost. Umso wichtiger seien frühzeitige, niedrigschwellige und altersgerechte Beratungsangebote, um Klinikaufenthalte möglichst zu vermeiden. Der Mediziner Victor Ruzicka von den Thüringen-Kliniken, Chefarzt der Klinik für Geriatrie (Altersmedizin) in Rudolstadt, nennt unter anderem wegfallende Familienstrukturen durch den Verlust oder den Wegzug von Familienangehörigen als einen Grund: "Vereinsamung kann dazu führen, dass alte Menschen trinken." Altersmediziner werden immer wieder mit den Folgen konfrontiert – etwa wenn bei Klinikaufenthalten alter Menschen aus anderen Gründen Leberschäden durch dauerhaften übermäßigen Alkoholkonsum festgestellt würden. Auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sei ein Zusammenhang mit einer bislang unentdeckten Alkoholsucht möglich.  Zudem bekomme es die geriatrische Klinik oft mit indirekten Suchtfolgen zu tun, etwa Sturzverletzungen, Mangelernährung und Muskelabbau. Mitunter werde eine Sucht bei alten Menschen auch entdeckt, weil sie während einer Krankenhausbehandlung Entzugserscheinungen entwickelten. Unterschätzt werde von den Betroffenen oft, dass alte Menschen Alkohol sehr viel schlechter vertrügen. Im Alter könne der Organismus Alkohol schlechter abbauen. "Schon kleinere Dosen wirken sich aus, zum Beispiel erhöht Alkohol das Demenzrisiko ganz erheblich", erläuterte der Arzt.  Aus Sicht der Landesstelle für Suchtfragen wird es vor allem schwierig, wenn Süchtige im Alter auf stationäre Pflege angewiesen sind. Zwar gebe es in Thüringen Pflegeeinrichtungen, die alkoholabhängige Pflegebedürftige aufnähmen, so die Kornmann. "Allerdings ist das Angebot begrenzt und stark von der Haltung einzelner Träger abhängig." Häufig fielen Betroffene durch die Versorgungsstrukturen, "da spezialisierte, suchtakzeptierende Pflegeangebote bislang kaum vorhanden sind". © dpa-infocom, dpa:260105-930-498530/1