Datum03.01.2026 06:02
Quellewww.zeit.de
TLDRBerlins Integrationssenatorin Cansel Kiziltepe erwartet bis 2026 einen steigenden Bedarf an Flüchtlingsunterkünften, trotz eines Rückgangs der Asylanträge in den Jahren 2024 und 2025. Derzeit sind über 95 Prozent der vorhandenen Plätze belegt. Besonders viele geflüchtete Ukrainer kommen, während die Integration durch fehlende bezahlbare Wohnungen erschwert wird. Kiziltepe plädiert für dezentrale Unterbringung, da die Nutzung teurer Hostels die Kosten in die Höhe treibt. Ein geplantes Programm für Containerdörfer wird vorerst gestoppt.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Migration“. Lesen Sie jetzt „Kiziltepe sieht Bedarf für neue Flüchtlingsunterkünfte“. Berlins Integrationssenatorin Cansel Kiziltepe rechnet 2026 mit einem steigenden Bedarf an Unterkünften für Flüchtlinge in der Stadt. Die Zahl der geflüchteten Menschen sei zwar 2025 wie schon im Jahr davor zurückgegangen. "Unsere Prognosen gehen aber von einem wachsenden Platzbedarf aus", sagte die SPD-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. Zu Begründung verwies sie darauf, dass von 39.874 Plätzen in Unterkünften des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) 38.087 belegt seien - mehr als 95 Prozent (Stand 18.12.). Ein Problem sei, dass viele Geflüchtete, über deren Anträge entschieden wurde, weiter dort lebten, obwohl sie in reguläre Wohnungen umziehen könnten. Sie fänden keine bezahlbare neue Bleibe. Das betrifft auch viele Geflüchtete aus der Ukraine. "Wir verzeichnen seit einigen Monaten einen Anstieg bei den ukrainischen jungen Männern", nannte Kiziltepe einen weiteren Grund für einen aus ihrer Sicht steigenden Bedarf an Unterbringungskapazitäten. Diese dürften seit geraumer Zeit ihr Land, das sich seit fast vier Jahren gegen einen russischen Angriffskrieg wehrt, legal verlassen. "Und das hat sich natürlich in unseren Zahlen widergespiegelt. Wir hatten zum Beispiel im Frühjahr 300 bis 400 Zugänge aus der Ukraine pro Monat, aktuell sind es 1300 Zugänge." Während also bestehende Unterkünfte voll seien und dort wenig Fluktuation herrsche, sei auch 2026 weiterhin mit neu ankommenden Geflüchteten zu rechnen. "Für diese Entwicklung muss Berlin gewappnet sein und auch darauf reagieren können", so Kiziltepe. "Es ist unsere Pflicht, diese Menschen menschenwürdig unterzubringen. Es gilt das Grundrecht auf Asyl." Die Senatorin kündigte vor diesem Hintergrund an, weitere Hostels anzumieten, wenn es nötig ist. Schon jetzt gibt es nach ihren Angaben knapp 3.300 Plätze in rund 20 Hostels, von denen Mitte Dezember 3.100 belegt waren. Kiziltepe machte deutlich, dass das nicht die Lösung ist, die sie ursprünglich angestrebt habe. Sie habe vielmehr - nicht zuletzt aus Kostengründen - auf ein vom Senat 2024 beschlossenes Programm zum Aufbau von bis zu 16 dezentralen und qualitätsgesicherten Containerdörfern gesetzt. Die Koalitionsspitzen von CDU und SPD hatten jedoch im November angekündigt, das zuletzt noch 11 Standorte umfassende Programm zu stoppen, weil die Unterkünfte - wie es hieß - vorerst nicht erforderlich seien. Sie wollen sich vielmehr auf die großen Unterkünfte Tegel und Tempelhof konzentrieren, hinzu kommt eine schon länger geplante größere Immobilie in der Hasenheide. Am früheren Flughafen Tegel, wo die prekäre große Notunterkunft kürzlich leer gezogen wurde, entsteht in diesem Jahr ein neues Ankunftszentrum nach EU-Standard mit Platz für 2.600 Geflüchtete. Hinzu kommen 500 neue Plätze in einer temporären Notunterkunft im Terminal C als Reserve. Am früheren Flughafen Tempelhof soll es laut Koalitionsbeschluss zusätzlich zu den bestehenden 1.400 Plätzen mindestens 1.100 weitere in Wohncontainern geben. "Ich habe immer wieder gesagt: Für das Land Berlin ist es kostengünstiger, wenn wir die Menschen in dezentralen Unterkünften unterbringen – ob in Containern oder in Gebäuden", sagte Kiziltepe. Das gestoppte Wohncontainerprogramm umfasste nach ihren Angaben 3.300 Plätze. "Jetzt ist die Entscheidung so gefallen. Ich bin weiterhin der Meinung, dass eine dezentrale Unterbringung in landeseigenen Unterkünfte am besten ist für die Integration der Menschen und für den angespannten Berliner Haushalt", so Kiziltepe. "Zwar wird jetzt ebenfalls dezentral untergebracht, allerdings in deutlich teureren Hostels und Hotels. Ich befürchte, die Unterbringung in Hotels und Hostels könnte ein Fall für den Landesrechnungshof werden." Denn in einem Hostel koste ein Platz durchschnittlich 60 Euro pro Tag und Person. In einem Containerdorf seien es 20 Euro, in einer Regelunterkunft mit Wohnungen oder in Bestandsgebäuden wie früheren Büros 15 bis 20 Euro. Nach jahrelangem Anstieg war die Zahl der in Berlin angekommenen Geflüchteten 2024 erstmals wieder gesunken: Gut 21.000 wurden aufgenommen worden, rund ein Drittel weniger als 2023. 2025 setzte sich der rückläufige Trend fort. Die Behörden zählten bis einschließlich November 13.380 geflüchtete Menschen. © dpa-infocom, dpa:260103-930-492557/1