Datum02.01.2026 11:25
Quellewww.zeit.de
TLDRDie niedrige Geburtenrate in Deutschland, derzeit bei 1,35 Kindern pro Frau, ist kein individuelles Problem, sondern ein Zeichen struktureller Missstände. Laut Claudia Goldin entsteht die Diskrepanz zwischen den Lebensentwürfen von Frauen und den bestehenden gesellschaftlichen Bedingungen, was zu Frustration und späteren Familiengründungen führt. Die unzureichende Gleichstellung am Arbeitsmarkt, mit einem Gender-Pay-Gap von 16% und nur 29% Frauen in Führungspositionen, verstärkt diesen Trend. Eine vollständige Gleichstellung könnte das BIP Deutschlands um bis zu 10% steigern.
InhaltDeutschlands niedrige Geburtenrate ist kein individuelles Problem. Es genügt nicht, höhere Einkommen für Eltern zu fordern. Es braucht eine radikale Gleichstellung. Deutschland steht vor einer seiner größten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen: dem demografischen Wandel. Die Geburtenrate liegt seit Jahrzehnten deutlich unter der Reproduktionsrate. In Deutschland beträgt sie aktuell 1,35 Kinder pro Frau – zu wenig, um die Bevölkerung stabil zu halten. Zum Vergleich: Für eine gleichbleibende Bevölkerungszahl wären rund 2,1 Kinder nötig. Was zunächst wie eine Frage individueller Lebensentscheidungen erscheint, ist in Wahrheit ein Symptom eines tiefen strukturellen und kulturellen Wandels. Es geht um Werte, Chancen – und um Gleichstellung. Die amerikanische Nobelpreisträgerin Claudia Goldin hat in ihrer jüngsten Arbeit gezeigt, dass der Rückgang der Geburtenraten weniger auf wirtschaftliche Unsicherheiten zurückgeht, sondern auf einen Mismatch zwischen den Lebensentwürfen von Frauen und Männern. Frauen sind heute besser ausgebildet als Männer – in Deutschland stellten sie 2024 über 53 Prozent der Hochschulabsolventinnen und -absolventen –, verfügen über höhere berufliche Ambitionen und eine ökonomische Unabhängigkeit wie nie zuvor. Doch gesellschaftliche Strukturen, Arbeitsmärkte und Rollenerwartungen haben sich nur teilweise an diese Realität angepasst. Goldin nennt das den "Grand-Gender-Convergence-Gap" – die große Lücke zwischen den Wünschen von Frauen und den Möglichkeiten, die ihnen tatsächlich offenstehen. Frauen wollen beides: beruflichen Erfolg und Familie. Doch sie stoßen auf Arbeitsmodelle, die weiterhin auf der alten Logik des männlichen Alleinverdieners beruhen. Männer wiederum passen ihre Lebensvorstellungen oft nur zögerlich an. Das Ergebnis: Frustration, spätere Familiengründung – und weniger Kinder. Dieser Mismatch ist kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Versagen. Wenn die Werte der Geschlechter auseinanderdriften, gerät das fragile Gleichgewicht zwischen Arbeitsmarkt, Familie und Lebenszielen ins Wanken. Frauen entscheiden sich dann nicht gegen Kinder, sondern gegen Strukturen, die ihnen faire Bedingungen verwehren. Eine aktuelle Untersuchung des DIW Berlin zeigt: Die Fortschritte der letzten Jahrzehnte sind ins Stocken geraten. Der Gender-Pay-Gap beträgt in Deutschland weiterhin 16 Prozent, einer der höchsten Werte in Europa. Nur 29 Prozent der Führungspositionen in der Wirtschaft sind mit Frauen besetzt. Und nach der Geburt eines Kindes arbeiten 66 Prozent der Mütter in Teilzeit – bei Vätern sind es gerade einmal 7 Prozent. Das führt zu erheblichen Einbußen über das Erwerbsleben hinweg: Frauen in Deutschland beziehen 27 Prozent weniger Alterseinkünfte. Die viel zitierte Teilzeitfalle bleibt bestehen – und sie ist auch ein gesamtwirtschaftliches Problem. Eine vollständige Gleichstellung der Erwerbsbeteiligung würde das deutsche Bruttoinlandsprodukt langfristig um bis zu 10 Prozent erhöhen. Gleichstellung ist kein Luxus, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wenn die Geburtenrate niedrig bleibt und gleichzeitig Frauen am Arbeitsmarkt unterrepräsentiert sind, schrumpft die Erwerbsbevölkerung doppelt: demografisch und strukturell.