Datum01.01.2026 21:46
Quellewww.zeit.de
TLDRDer Dresdner "Tatort" behandelt in der Folge "Nachtschatten" den Fall eines Mädchens, das aus jahrelanger Gefangenschaft entkommt, ähnlich dem Natascha-Kampusch-Fall. Die Sendung thematisiert die Herausforderungen ostdeutscher Filmproduktionen und deren häufige westdeutsche Dominanz in Regie und Drehbuch. Der Krimi, der eher ein Thriller ist, enttäuscht mit einer wenig inspirierenden Erzählweise und einem enttäuschenden Ende, das die Vielzahl an Illusionen um die Hauptfigur verstärkt.
InhaltMit einem Natascha-Kampusch-Fall ins neue Jahr: Der Dresdner "Tatort" erzählt von einem Mädchen, das aus langer Kellergefangenschaft auftaucht. Vor einem Monat fand das Fernsehfilmfestival Televisionale statt: an neuem Ort – Weimar statt Baden-Baden. Als einzig bereits ausgestrahlter ARD-Sonntagabendkrimi gehörte die allenfalls mittelmäßige Kölner Tatort-Folge Colonius zu den nominierten Filmen, was an der Expertise bei der Vorauswahl zweifeln lässt angesichts von schöneren und gekonnteren Tatort- und Polizeiruf-Filmen. Gewonnen hat Colonius nix. Auf der Televisionale wurde auch diskutiert, wie der Osten beim deutschen Fernsehfilmproduzieren so vorkommt, was auch das Netzwerk Quote-Ost beschäftigt. Weil es bei Quotierungsdiskussionen schnell unsachlich werden kann ("geht doch nur um Qualität"), ist es wichtig zu betonen, dass, sagen wir, der Erzgebirgskrimi natürlich von westdeutschen Produktionen in den entscheidenden Departments Regie und Drehbuch dominiert werden kann. Das geschieht ja die ganze Zeit, während umgekehrt ostdeutsche Kreative zum Ausgleich nicht überproportional beim, sagen wir, Taunuskrimi vertreten sind. Was tun? Die neue Dresdner Tatort-Folge weiß leider keine Antwort. Zwar gibt es in Nachtschatten (letzte MDR-Redaktion: Sven Döbler) nicht nur Martin Brambachs Revierleiter Schnabel als Figur, die den Krimi dialektal da verortet, wo er spielt. Mit mehr spezifisch Dresdner beziehungsweise ostdeutscher Realität ist nicht zu rechnen. Das könnte damit zu tun haben, dass Regie und Drehbuch in den bisher 20 Folgen auch in Dresden vor allem westdeutsch besetzt sind und den Erfahrungen am Schauplatz entsprechend fern. Für Nachtschatten hat sich Drehbuchautorin Viola M. J. Schmidt (Die Schule der magischen Tiere 1–3) eine Geschichte ausgedacht, die an den Fall von Natascha Kampusch erinnert. Die 16-jährige Amanda (gespielt von der 26-jährigen Emilie Neumeister) rennt verwirrt durchs nächtliche Dresden, ehe sie aufgegriffen wird und Kommissarin Winkler (Cornelia Gröschel) eine abenteuerliche Geschichte erzählt. Der Papa würde sie und die gleich alte Schwester Jana einsperren, weil die Welt ein böser und gefährlicher Ort sei. Eine gewagte Wahl für einen Tatort, weil falsches Genre: Die Geschichte von Kampusch wie die von den Turpin-Geschwistern in den USA ist eher Thriller als Krimi. Der jahrelange Horror, gefangen gehalten zu werden, wird erst rückblickend sichtbar im beglückenden Moment der Emanzipation – einer länger und insgeheim geplanten Flucht. In Nachtschatten darf die entkommene Amanda dagegen nicht happy sein, sondern muss "verstört" tun, weil der Film sonst gleich wieder zu Ende wäre. Also verwendet der Tatort seine erste Hälfte wenig inspiriert auf den Dissens zwischen Winkler und Schnabel, ob es sich bei Amandas Geschichte um die alarmierende Wahrheit handelt oder Einbildung. Die Sache wird nicht spannender, wenn man am Ende erfährt, dass Amanda weder Schwester noch Vater je gesehen hat und dafür einem Märchen ihrer Mutter (Nina Kunzendorf) aufgesessen ist. Das Gefühl der Täuschung ist für die Betrachterin noch mal größer, weil die Montage (Andreas Baltschun) zuvor suggeriert hatte, dass es Jana gibt – Bilder mit junger, bleicher Frau aus dem Keller, die sich mit dem späteren Wissen als Rückblenden mit Amanda herausstellen.