39C3 vom Chaos Computer Club: So kann mehr digitale Souveränität klappen

Datum01.01.2026 19:23

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer 39. Chaos Computer Club Kongress (39C3) in Hamburg thematisierte die europäische Abhängigkeit von amerikanischen Techkonzernen und Wege zur digitalen Souveränität. Über 16.000 Teilnehmer diskutierten in mehr als 170 Vorträgen konkrete Strategien, um von Big Tech unabhängig zu werden. Initiativen wie der "Digital Independence Day", kritische Betrachtungen zur Nutzung von Palantir-Software und Warnungen vor den Risiken der KI-Integration standen im Mittelpunkt. Der Kongress ermutigte zur Nutzung sicherer Alternativen und zur Mitgestaltung einer selbstbestimmten digitalen Zukunft.

Inhalt2025 hat drastisch vorgeführt, wie abhängig die Europäer von Amerikas Techkonzernen sind. Diese Talks von der Jahreskonferenz des Chaos Computer Clubs zeigen Wege zu mehr digitaler Souveränität. Mehr als 170 Vorträge standen auf dem Programm, rund 16.000 Teilnehmer kamen: Der 39. Jahreskongress des Chaos Computer Clubs in Hamburg, der 39C3, ist eine der größten und wichtigsten Konferenzen zu IT-Sicherheit weltweit. Gemäß dem Motto "Power Cycles" ging es auf der viertägigen Veranstaltung zwischen den Jahren schwerpunktmäßig um die Frage, wie sich die Übermacht der amerikanischen Techkonzerne über das Digitale brechen lässt – und wie Nutzerinnen und Nutzer stärker selbstbestimmt eine lebenswerte digitale Zukunft gestalten können. In dieser Serie  zeigen und diskutieren wir, wie sich die deutsche Abhängigkeit von der amerikanischen IT-Industrie verringern lässt. Folgende fünf Vortragshighlights vom aktuellen Kongress des Chaos Computer Clubs (CCC) bieten neue Perspektiven auf das Thema und lohnen sich: Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. "Am 4. Januar ist der erste Digital Independence Day": So hat der bekannte Autor Marc-Uwe Kling auf dem 39C3 eine neue Aktionsreihe  angekündigt: Um sich aus dem "Würgegriff von Big Tech"  zu befreien, wollen der Chaos Computer Club und andere Organisationen künftig jeden ersten Sonntag im Monat deutschlandweit Internetnutzerinnen und -nutzern praktische Hilfe bieten, um von den großen Plattformen zu wechseln. Das findet offenbar auch Kling unterstützenswert und ruft zur "Känguru-Rebellion" auf, angelehnt an seine bekannten "Känguru-Chroniken". Weil Wechsel weg von den Apps und der Software der großen Konzerne für technisch weniger versierte Menschen oft gar nicht so einfach erscheint, verspricht  der CCC einfache Anleitungen und direkten Austausch: "Wir helfen beim Umzug von Windows 10 zu sichereren Alternativen, beim Umzug von WhatsApp zum geeigneten Messenger, beim Umzug von Gmail zu einem vertrauenswürdigen Anbieter." Für wen das trotz aller guter Absichten dennoch ziemlich unbequem klingt, dem versüßt Schriftsteller Kling den Vorsatz in seinem Vortrag noch mit einer unterhaltsamen Lesung. Seit Jahren warnt der Chaos Computer Club vor dem Einsatz der Analysesoftware des US-Herstellers Palantir  bei deutschen Ermittlungsbehörden. Durch die Neuausrichtung der US-Politik und die jüngsten Äußerungen von Firmenvertretern hat das Unbehagen nun auch Teile der deutschen Politik erreicht. In der Diskussion über die sogenannte digitale Souveränität kommt immer wieder Kritik an der Palantir-Nutzung der Behörden auf. "Das hat den Zungenschlag der Diskussion sehr verändert", sagt CCC-Sprecherin Constanze Kurz auf dem 39C3. Dennoch gibt es in Sicherheitsbehörden und Innenpolitik weiterhin hartnäckige Unterstützer des Herstellers. Franziska Görlitz, Juristin bei der Gesellschaft für Freiheitsrechte, erläuterte die Grenzen, die etwa das Bundesverfassungsgericht für die automatisierte Datenanalyse gesetzt hat. "Je weitergehender die Analyse, desto strenger müssen die Voraussetzungen sein, die der Gesetzgeber vorsieht." Doch die Polizeibehörden und Landesregierungen bemühten sich, diese Vorgaben bis auf Äußerste auszureizen. Auch das Versprechen, dass der Einsatz von Palantir-Software lediglich eine Übergangslösung sei, sei nicht glaubhaft. "Woher soll in drei Jahren auf einmal die Eigenentwicklung kommen?", fragt Görlitz. Die Aufzeichnung des Vortrags finden Sie hier . Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Die Chefin der Signal Foundation Meredith Whittaker gehört aktuell zu den prominentesten Kritikern des Hypes um künstliche Intelligenz . Auf dem 39C3 erklärt sie, wie schwer es bereits heute ist, den Datenhunger von KI-Anwendungen einzuschränken. Dabei kritisiert sie insbesondere Firmen wie Microsoft, die massiv in KI investiert haben und die Technik in Betriebssysteme wie Windows integrieren. Sie spricht von einem "Putsch mit Samthandschuhen", da immer mehr KI-Funktionen in bestehende Produkte integriert würden, die Folgen seien für die Anwender und Anwenderinnen aber kaum absehbar. Zwar haben die Signal-Entwickler Möglichkeiten gefunden, vertrauliche Chats vor invasivem KI-Gebrauch zu schützen, zumindest temporär. Dies hat allerdings einen Preis: Sehbehinderte Nutzerinnen und Nutzer sind etwa darauf angewiesen, dass Screenreader-Software auf Chats zugreifen kann, sie müssen die neuen Schutzfunktionen des Messengers abschalten. Die Einführung von KI-Agenten verschärft das Problem laut Whittakers Analyse noch, da das Betriebssystem nun nicht mehr als verlässlicher Anker für Anwendungen wie Signal diene, sondern in nicht vorhersehbarer Weise Einstellungen ändern und die Vertraulichkeit privater Informationen brechen könne. Die Aufzeichnung des Vortrags samt deutscher Übersetzung finden Sie hier . Wie viel ist 1 und 1? Im Vortrag von Johann Rehberger beantwortet Googles KI Gemini die Frage mit 42. Hinter dem offensichtlichen Fehler steckt ein einfacher Trick, mit dem der Prompt-Hacker  der KI geheime Anweisungen unterschiebt. "Maschinelles Lernen ist ein mächtiges Instrument, aber zugleich auch sehr instabil", sagt Rehberger. Man kann ihm nicht widersprechen, denn in seinem Vortrag führt er einen Trick nach dem anderen vor, wie er die populärsten Chatbots und KI-Agenten überlistet. Die Ergebnisse sind nicht durchweg so harmlos wie eine falsch gelöste Rechenaufgabe: Da KI immer weiter in Betriebssysteme und den Alltag der Anwender und Anwenderinnen integriert wird, kann die Technik genutzt werden, um Schadsoftware zu installieren oder private Informationen auszuspähen. Der Sicherheitsexperte programmierte sogar eine Art Virus, der sich selbstständig weiterverbreitet. Der gemeinsame Nenner bei den Angriffen: Die KI-Agenten sind notorisch schlecht darin, zwischen legitimen Anweisungen und anderen verarbeiteten Daten zu unterscheiden. So reicht es in vielen Fällen aus, eine Webseite mit klaren Anweisungen aufzusetzen, um eine KI in einen feindlichen Agenten zu verwandeln. Zwar haben die Hersteller nach Rehbergers Hinweisen neue Hürden eingebaut, doch das Grundproblem bleibt. Die Aufzeichnung des Vortrags samt deutscher Übersetzung finden Sie hier . Ausgangspunkt für diesen Vortrag des bekannten Autors und langjährigen Netzaktivisten Cory Doctorow ist ein laut seiner Deutung paradoxes Moment: Der von Donald Trump ausgelöste Handelskrieg könnte, so Doctorow, ausgerechnet jene digitale Abhängigkeit aufsprengen, die Washington jahrzehntelang forciert hat. Laut der Analyse des Autors spielen die Handelsverträge eine zentrale Rolle dabei, wie die USA ihre digitale Dominanz weltweit abgesichert haben. Durch Trumps protektionistische Politik falle für andere Nationen aber nun der Anreiz weg, sich weiter dem Druck und den Forderungen der US-Politik in diesem Bereich zu beugen. Der geopolitische Trump-Schock bietet dieser Theorie zufolge die Chance, die Macht von US-Techkonzernen wie Meta, Google oder Apple einzudämmen: "Die Tür ist einen Spaltbreit offen, und das Komische daran ist, dass der Mensch, der sie geöffnet hat, Donald Trump ist", sagt Doctorow über die Rolle des US-Präsidenten. Als Ansatzpunkt sieht der Berater der Electronic Frontier Foundation (EFF) eine zumindest teilweise Neugestaltung des globalen Systems der Handelsverträge. Diese seien aktuell de facto ein Schutz amerikanischer Techmonopole und kriminalisierten das Recht auf Reparatur und Interoperabilität, also den Grundsatz, dass verschiedene Systeme, Geräte oder Plattformen reibungslos miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten können. Immer wieder durch Applaus unterbrochen führt Doctorow in seinem unterhaltsam und manchmal satirisch-überspitzt formulierten Vortrag aus, wie Verschiebungen in der globalen Technologieordnung gelingen könnten. Die Aufzeichnung des Vortrags samt deutscher Übersetzung finden Sie hier .