Datum01.01.2026 16:10
Quellewww.zeit.de
TLDRSelbstlernende Maschinen revolutionieren die deutsche Industrie, zeigen jedoch zögerliches Interesse. Ein Beispiel ist Schunks "2D Grasping-Kit", das KI nutzt, um Produktionsprozesse zu automatisieren und flexible Greifmechanismen zu schaffen. Dies ermöglicht eine effizientere Handhabung selbst unregelmäßig platzierter Teile. Technikchef Timo Gessmann betont, dass KI die Wettbewerbsfähigkeit steigert und neue Märkte erschließt. Schunk plant, die KI-Entwicklung weiter voranzutreiben, unter anderem mit einer humanoiden Hand für den operativen Einsatz.
InhaltSelbstlernende Maschinen könnten für die deutsche Industrie entscheidend werden, aber viele Firmen zögern. Drei Beispiele zeigen, was schon möglich ist. Selbst große Einfälle verstecken sich oft hinter einfallslosen Namen. Die Firma Schunk etwa, die wie viele alteingesessene Mittelständler einfach heißt wie seine Inhaber, hat ihre neueste Erfindung nicht "Magic Fingers" oder "Robohand" genannt, sondern schlicht "2D Grasping-Kit". Das passt zum Understatement des Unternehmens aus Lauffen am Neckar, das mit seinen 3.700 Mitarbeitern eine Vielzahl von Greifern für die Industrie herstellt. Und es sollte nicht darüber hinwegtäuschen, wie groß die Innovation ist, die sich hinter dem Kit verbirgt. Und warum sie exemplarisch dafür steht, was in der deutschen Industrie abseits des ChatGPT-Hypes geschieht. Seit mehr als 40 Jahren baut Schunk hochpräzise Greifwerkzeuge, die etwa in Autofabriken, in der Luft- und Raumfahrt und im Maschinenbau anpacken. Sie können klobige Kisten genauso bewegen wie filigrane Pipetten, mal umklammern sie Rohre, mal saugen sie Batterien an. Die Mechanik dafür hat die Firma über Jahrzehnte so präzisiert und Fabrikabschnitte so automatisiert, dass Roboter heute problemlos neben Menschen zupacken können. Aber: "Jetzt erst kommen alle Technologien zusammen, die die nächste Stufe autonomer Robotik ermöglichen", sagt Timo Gessmann, Technikchef bei Schunk. Jetzt haben sie die Mechanik, die Daten – und das Gehirn. Schunk setzt auf eine künstliche Intelligenz, mit der sich Prozesse automatisieren lassen, von denen man früher dachte, Maschinen seien damit überfordert. Lagen auf einem Werkzeugtisch Schrauben oder Kleinteile auch nur einen halben Zentimeter versetzt, waren die Greifer von Schunk überfordert und mussten pausieren, mitunter legten sie die Produktion still. Dann musste ein Techniker die Roboterhand zurücksetzen und neu programmieren. Heute können die Roboterhände von Schunk die Teile erkennen und greifen – und zwar egal, wie sie liegen. Dafür ist die "Grasping-Kit" genannte Zauberhand mit einem Kamerasystem ausgestattet, das die KI mit Bildern füttert, damit sie den Greifer richtig bewegt. Gessmann sagt, so ließen sich nun erstmals auch Produktionsprozesse automatisieren, die nicht immer gleich ablaufen. Die KI lernt permanent dazu. "Das", sagt Gessmann, "verändert alles." Die deutsche Industrie befindet sich womöglich im größten Umbruch seit der industriellen Revolution. Waren die Greifer und Automaten zunächst Muskelprotze und später Präzisionskünstler, werden sie nun zu mitdenkenden Maschinen. Möglich machen das die enorme Entwicklung ihrer Rechenleistung, ihre Vernetzung und KI. Getrieben wird die Entwicklung von Firmen, die über das Wissen zu den Maschinen verfügen, das anders als bei Sprachmodellen unerlässlich ist, um tatsächlich etwas zu bewegen. Was also ist heute bei denen schon möglich – und was versprechen sie sich davon, wenn die Kunden nun schlaue Maschinen erhalten? Timo Gessmann ist ein Tüftler. In seiner Jugend hat er Computer zerlegt und an Gokarts geschraubt, er ist nicht nur gelernter Ingenieur, sondern auch Kraftfahrzeugmeister. Er hat bei Bosch an der Vernetzung von Maschinen geforscht. Vor sechs Jahren wechselte er als Technikchef zum deutlich kleineren Mittelständler Schunk, wo er unter anderem die Digitalisierung verantwortet und eine Mission hat: "Wir wollen es jedem Mittelständler ermöglichen, KI zu nutzen." Das klingt edelmütig, zeigt aber vor allem, dass KI der Firma neue Branchen, Märkte und damit auch Kunden erschließt. So könnten die klugen Roboterhände nun auch in großen Schreinereien zum Einsatz kommen, in denen es für ihre Vorgänger bisher zu chaotisch war, erklärt Gessmann. Für Schunk bedeutet das: mehr Geschäft, mehr Umsatz und damit Wachstum trotz Konjunkturflaute und Handelskriegen. 2024 hat die 80 Jahre alte Firma als Gruppe rund 600 Millionen Euro umgesetzt – deutlich mehr als noch 2015. Damals waren es noch knapp 365 Millionen Euro. Timo Gessmann sagt: "Ohne KI würden wir deutlich weniger Umsatz machen, oder Worst Case: Wir wären gar nicht mehr wettbewerbsfähig." Auch deshalb forciert er den Ausbau von KI immer weiter. Neben dem klugen Greifer entwickelt Schunk gerade auch eine humanoide Hand, die feinfühlig greifen, drehen und halten kann und beispielsweise eines Tages in Operationssälen eingesetzt werden könnte. "Das gibt es noch nicht, aber das wird es geben."