»Tatort« heute aus Dresden: »Nachtschatten« im Schnellcheck

Datum01.01.2026 14:54

Quellewww.spiegel.de

TLDRIm Dresdner "Tatort: Nachtschatten" wird ein Mädchen aufgegriffen, das behauptet, mit ihrer Zwillingsschwester vom Vater in einem Verlies gefangen gehalten worden zu sein. Die Kommissarin Winkler wird emotional involviert, da der Fall Erinnerungen an ihren eigenen Verlust weckt. Die Inszenierung von Saralisa Volm leidet an einer übermäßigen Standarddramaturgie, was den komplexen Plot verwässert. Nina Kunzendorf brilliert in einer eindimensionalen Rolle, während die Musik die Stimmung zu oft mit düsteren Strichen überlagert. Die Episode erhält 4 von 10 Punkten.

InhaltKrimilabyrinth mit Kellerkind: Das sächsische Ermittlungsteam kümmert sich um ein Mädchen, das angeblich vom Vater in einem Verlies gefangen gehalten wurde. Obacht – in den Rückblenden kann man sich leicht verheddern! Das Szenario: Vater unser, der du bist im Schimmel. In der Dresdner Neustadt wird mit blutigem Messer ein Mädchen (Emilie Neumeister) aufgegriffen, das behauptet, über Jahre mit ihrer Zwillingsschwester vom scheinbar allmächtigen Vater in einem modrigen Untergeschoss gefangen gehalten worden zu sein. Der Alte soll die beiden 16-Jährigen über Kameras auf Schritt und Tritt bewacht und angebliches Fehlverhalten brutal sanktioniert haben. Die Polizei stürzt sich in die Suche nach dem Verlies der Schwester. Kommissarin Winkler (Cornelia Gröschel) lässt sich mal wieder über die Maße emotional einspannen, denn der Fall weckt bei ihr Erinnerungen an den schon oft thematisierten Verlust des Bruders. Der Clou: Krimilabyrinth mit Kellerkind. Die Story um das isoliert gehaltene Kind erinnert mit seinen abrupten Wendungen und unübersichtlichen Familienverhältnissen an den Überraschungs-Serienhit "Liebes Kind", der vor zwei Jahren bei Netflix erschien  . Das Drehbuch lieferte Viola M.J. Schmidt, zeitweilige Headautorin von "Die Schule der magischen Tiere". Für die Inszenierung zeichnete die Schauspielerin und Regisseurin Saralisa Volm verantwortlich, die mit "Schweigend steht der Wald" bereits ein psychologisch forderndes Familientraumadrama gedreht hat. In diesem Krimi aber wird der komplizierte Stoff zu oft der Thriller-Standarddramaturgie unterworfen, die im Dresdner "Tatort" regiert. Zudem verheddert man sich beim Zuschauen leicht im Rückblendengeflecht, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart unübersichtlich überlappen. Der Auftritt: Nina Kunzendorf als vermeintlich farblose Hausmeisterin einer Plattenbausiedlung. Kunzendorf verließ einst etwas übereilt den Frankfurter "Tatort", in dem sie sich als Kommissarin mit heiterer Erotik durch besonders kranke Fälle schlug. Die Figur, die sie für ihr Comeback in der Krimireihe spielt, wirkt am Anfang unzugänglich. Doch dann legt die Schauspielerin immer neue beängstigende Facetten an ihr frei. Ein elegant gedrosselter Auftritt – der das Overacting des Restensembles jedoch nur umso deutlicher macht. Das Bild: Gespenst unter Lebenden. Zu den stärkeren Szenen gehören die Wimmelbilder am Anfang, als das Addams-Family-blasse Mädchen durch die Dresdner Innenstadt flieht. Die Musik: "Der Karneval der Tiere" von Peter Stangel  . Das Orchesterstück läuft, während dem Mädchen im Kellerversteck eingetrichtert wird, weshalb das Leben in Freiheit so gefährlich sein soll. Ein subtiles Zusammenspiel von Musik und Monolog. Auf die vielen penetrant düsteren Streicher, die wie auditive Warnhinweise über jeden Spannungs- und Nicht-Spannungsmoment gekippt werden, hätte man indes verzichten können. Die Bewertung: 4 von 10 Punkten. Trotz einzelner starker Szenen: Dieser "Tatort" unterwandert mit beliebiger Thriller-Zierart allzu oft den eigenen Anspruch. "Tatort: Nachtschatten", Donnerstag (!), 1. Januar, 20.15 Uhr, Das Erste Kommissar-Karussell: Alle "Tatort"-Teams im Überblick