Datum23.12.2025 16:42
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel beschreibt die Schwierigkeiten im Hamburger Ballett unter Intendant Demis Volpi, der wegen eines "toxischen Arbeitsklimas" in der Kritik steht. Fünf Stars kündigten aus Protest, und über die Hälfte des Ensembles unterzeichnete einen offenen Brief gegen ihn. Nach zahlreichen Vorwürfen und einem schockierenden Vorfall mit einem Tänzer kündigte das Ballett Volpi. Die Tänzer fühlten sich gehört und hofften auf Veränderungen. Die Premiere des Balletts "Romantic Evolution/s" wurde als Symbol des Aufstands gegen ein missliches Arbeitsumfeld gefeiert.
InhaltDas weltberühmte Hamburger Ballett feierte sich für seinen neuen Chef Demis Volpi. Doch das Ensemble revoltierte gegen den Intendanten – und berichtete unserem Autor von einer "Atmosphäre der Angst und Unsicherheit". Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. In persönlichen Jahresrückblicken berichten SPIEGEL-Redakteurinnen und -Redakteure, welche Texte sie 2025 besonders beschäftigt haben. Als das Hamburger Ballett Anfang Dezember die Premiere seines neuen Ballettabends "Romantic Evolution/s" feierte, johlte das Publikum vor Freude. Diese Freude galt einer Produktion, die in zwei Teilen das Alte und das Neue verband , das traditionsreiche Ballett "La Sylphide" und das moderne Tanztheaterstück "Äther" – und diese Freude galt dem Ensemble und seinem derzeitigen Interimsintendanten Lloyd Riggins. Dass Riggins hier gefeiert wurde, war nicht selbstverständlich: Schließlich stand im ursprünglichen Spielplan noch der Name eines anderen Chefs: Demis Volpi. Ich hatte im Mai begonnen, zu Volpi zu recherchieren. Als ich damals in einem Hamburger Café mit zwei Menschen aus der Ballett-Verwaltung verabredet war, hatte ich noch die Idee im Kopf, dass es doch irgendwo in dieser großen Kompagnie wenigstens eine einzige Person geben müsse, die bereit wäre, im SPIEGEL etwas Nettes über Demis Volpi zu sagen – und sei es er selbst. Volpi war zu diesem Zeitpunkt seit rund zehn Monaten Intendant des Balletts. Ein jugendlich wirkender Mann Ende Dreißig, der, als er im Herbst 2024 zum ersten Mal in Hamburg als Intendant auf die Bühne trat, einen guten Eindruck gemacht hatte . Doch Anfang Mai brachte der NDR eine Meldung , die mich elektrisierte: Fünf Stars des Ensembles, darunter die Weltklassetänzer Alessandro Frola und Alexandr Trusch, hatten aus Protest gegen Volpi gekündigt, mehr als die Hälfte des Ensembles einen offenen Brief gegen ihn unterzeichnet. Sie klagten über ein "toxisches Arbeitsklima", das immer mehr von ihnen an eine Kündigung denken lasse. Das klang nach einer spektakulären Geschichte, einer Gesellschaftsreportage über die Schwierigkeiten, die der Wandel mit sich bringt, erzählt am Beispiel einer stolzen Kulturinstitution: des weltberühmten Hamburger Balletts, von John Neumeier, einem einzigartigen Choreografen, mehr als fünf Jahrzehnte geleitet. Ich fing an zu recherchieren, sprach mit Menschen aus der Kompagnie, darunter Frola und Trusch, und aus dem Umfeld des Balletts und schließlich auch mit Tänzerinnen und Tänzern aus anderen Städten, die früher mit Volpi gearbeitet hatten. Mitte Mai war es dann der SPIEGEL, der einen zweiten Protestbrief gegen Demis Volpi veröffentlichte . In dem kritisierten 17 jetzige und ehemalige Tänzerinnen und Tänzer des Düsseldorfer Balletts am Rhein, seiner vorigen Arbeitsstätte, ihren ehemaligen Chef. Die Rede war von einer "Atmosphäre der Angst und Unsicherheit" und "traumatischer Erfahrung". Unmut von Künstlerinnen und Künstlern über ihren Chef ist nicht ungewöhnlich. Doch die Verantwortlichen in Hamburg und Düsseldorf, unter ihnen Volpi selbst, reagierten sehr ungeschickt auf die Vorwürfe, indem sie versuchten, der Kritik jegliche Legitimation abzusprechen – und ansonsten schwiegen. In der Zwischenzeit hatte ich den Fall einer jungen Tänzerin recherchiert, die sich von Volpi schikaniert fühlte und seinetwegen inmitten einer wichtigen Probe eine Panikattacke erlitten hatte. Es war eine Geschichte, die zu illustrieren schien, was die Tänzerinnen und Tänzer in ihren Protestschreiben kritisiert hatten: ein toxisches Klima. Wenige Tage später erschien mein Text, die Überschrift: "Die Angst tanzt mit". Er war ganz anders geworden, als ich es mir anfangs vorgestellt hatte. Nun erzählte ich die Geschichte eines Mannes, den seine Rolle zu überfordern schien und der anscheinend versuchte, seine Macht mit Psychotricks und Schikanen abzusichern. Am 10. Juni trennte sich das Hamburger Ballett von seinem Intendanten. Offensichtlich hatte der zuständige Kultursenator Carsten Brosda erkannt, dass Volpi nicht länger zu halten war. Eine Tänzerin aus Süddeutschland, mit der ich im Laufe der Recherche geredet hatte, schickte mir am Tag von Volpis Abschied eine WhatsApp-Nachricht: "Alle um mich herum sind derart erleichtert und dankbar darüber, dass es auch in der Ballettwelt ein wenig Gerechtigkeit gibt." Der Abgang sei ein großer Schritt für die Tänzerinnen und Tänzer, egal wo: "Endlich werden wir gehört." Als ich mir im Dezember die Premiere von "Romantic Evolution/s" anschaute, erinnerte ich mich an diese Nachricht und dachte: Die größte Leistung dieser Kompagnie in diesem Jahr war nicht dieser Abend – es war der Aufstand gegen Demis Volpi.