Meinung: Gesetzliche Krankenkassen: Wechsel zu günstigeren Kassen möglich

Datum18.10.2025 11:03

Quellewww.spiegel.de

TLDRGesundheitsministerin Nina Warken plant, die Zusatzbeiträge der gesetzlichen Krankenkassen im kommenden Jahr stabil zu halten. Dennoch könnten viele Kassen aufgrund steigender Kosten, insbesondere durch die Coronakrise, in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Für Versicherte besteht die Möglichkeit, zu günstigeren Kassen zu wechseln, was sich angesichts der bevorstehenden Reformvorschläge als vorteilhaft erweisen könnte. Die Regierung sucht Einsparungen, sieht jedoch vor Herausforderungen, da viele Kassen weiterhin mit roten Zahlen kämpfen müssen, was die Beitragsstabilität gefährdet.

InhaltGesundheitsministerin Warken will die Zusatzbeiträge für Krankenversicherte im kommenden Jahr stabil halten. Doch das dürfte nicht überall gelingen. Für Sie als Kassenmitglied heißt das: Prüfen Sie, wohin Sie wechseln können. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hatte sich eines ganz fest vorgenommen: Die Beiträge der Krankenkassen und Pflegekassen sollen im nächsten Jahr nicht steigen. Dafür hat sie politisch in den vergangenen Monaten einiges in Bewegung gesetzt. Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip"  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Der Grund: Nicht die Rentenbeiträge haben den Sozialstaat für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sowie Arbeitgeber zuletzt deutlich teurer gemacht  – die sind gar nicht gestiegen – sondern die Beiträge für die Krankenkassen und Pflegeversicherung . In der Krankenkasse sind die Zusatzbeiträge von 1,36 Prozent  im Jahr 2022 auf inzwischen knapp drei Prozent im Schnitt geklettert, wie meine Kolleginnen bei "Finanztip" errechnet haben. Für einen durchschnittlichen Angestellten mit 50.000 Euro Jahreseinkommen sind das rund 400 Euro Zusatzkosten auf seinem Lohnzettel. Plus 400 Euro noch mal zusätzlich für den Arbeitgeber. Das ist deutlich mehr als die Entlastungen beim Strompreis, die die Regierung auf den Weg bringen will. Die Beitragssteigerungen kamen nicht von ungefähr. Die Coronakrise, höhere Einkommen bei Ärztinnen und Pflegern und auch höhere Kosten für Medikamente und Hilfsmittel – all das hat das System verteuert. Die Kosten der Krankenhäuser sind allein 2024 um acht Milliarden Euro gestiegen, die Kosten der Kassen für Medikamente um fünf Milliarden. 2026 sollte das nicht so weitergehen. Doch vor einem Monat sah es so aus, als ob in den Kassen der Krankenkassen 2026 mindestens vier Milliarden Euro fehlen würden. Nicht einfach zu kompensieren. Rund 30 Kassen waren schon Ende 2024 in den roten Zahlen, das dürfen sie eigentlich nicht. Noch mal über 30 Kassen hatten Ende 2024 offenbar nicht die gesetzlich vorgeschriebene Mindestreserve von 20 Prozent einer Monatsauszahlung auf dem Konto, wie es diese Woche aus Fachkreisen hieß. Ministerin Warken versucht, zumindest, das neue Defizit von vier Milliarden Euro wegzubekommen. Zum einen, indem sie den Strukturfonds anzapft, der jetzt für 2,5 Milliarden Euro an Krankenhausinvestitionen  aufkommen soll (statt der Beitragszahler). Zum anderen, indem die Krankenkassen bei Verwaltung und Werbung sowie bei ihren Innovationstöpfen je 100 Millionen sparen  sollen. Und schließlich kam Warken auf die Idee, den Krankenhäusern ein Bonbon wegzunehmen, das Vorgänger Karl Lauterbach gerade erst verteilt hatte, um dem Widerstand der Krankenhäuser gegen Strukturreformen die Spitze zu nehmen. Die Krankenhäuser dürften nämlich eigentlich 2026 mehr Geld gegenüber den Kassen abrechnen als es die Kosten verlangen. Für diese Art Geldsegen sorgt eine Meistbegünstigungsklausel in den Verträgen der Krankenhäuser mit den Kassen. In Kurzform: Steigen die Gesamtkosten der Kliniken stärker als die vom Statistischen Bundesamt ermittelte Lohnsumme der Arbeitnehmer  (im Fachjargon Grundlohnrate), bekommen die Kliniken die Steigerung der Kosten gutgeschrieben. Steigen jedoch die Löhne stärker als die vom Statistischen Bundesamt ermittelte Inflation der Krankenhäuser  (dazu gehören fast zu Hälfte auch Strom, Gebäudekosten und technische Geräte) bekommen die Kliniken die Steigerung des Lohns gutgeschrieben, obwohl ihre Kosten gar nicht so stark gestiegen sind. In den vergangenen zehn Jahren sind die Löhne meist stärker gestiegen als die gesamten Krankenhauskosten. Für 2026 hätte das eine Steigerung bei der Höhe der Abrechnungen von 5,17 Prozent bedeutet, während die vom Statistischen Bundesamt gemessene Inflation für Krankenhäuser nur bei 2,98 Prozent lag. Unterschiede gab es auch in den vergangenen Jahren schon. Dieses Mal aber ist der Unterschied besonders groß und hätte den Krankenhäusern Mehreinnahmen von 1,7 bis 1,8 Milliarden Euro gebracht. Diese Meistbegünstigungsklausel hat die Regierung jetzt gestrichen. Krankenhäuser sind gegenüber der Politik immer in einer guten Verhandlungsposition. Die Schließung des Krankenhauses oder auch nur einer Abteilung ist in fast jeder Stadt ein noch größeres Politikum als die Schließung der weiterführenden Schule. Der Schätzerkreis aus Bundesministerium, Bundesamt für Soziale Sicherheit und dem Spitzenverband der Krankenkassen hat am Mittwoch dann beschlossen, nach all den Einsparungen reiche es für eine Empfehlung, die Krankenkassenbeiträge stabil zu halten. Für die Glaubwürdigkeit des Schätzerkreises ist das ein Risiko: Vor allem in den vergangenen Jahren hatten die Schätzer ordentlich daneben gelegen. Sie hatten für dieses Jahr 2,5 Prozent Zusatzbeitrag angegeben. Schon Mitte des Jahres lagen die Werte näher bei drei Prozent. Für 2026 hat der Schätzerkreis seine Empfehlung dann einfach an den aktuellen Durchschnitt angepasst und keine weiteren Steigerungen prognostiziert. Ich glaube nicht an die Beitragsstabilität. Aus zwei Gründen: Zum einen werden die geplanten Einspareffekte der Regierung nicht vollständig eintreten, das gilt auch für die Einsparung bei den Krankenhäusern. Die Krankenhäuser sollen im kommenden Jahr ja nur 2,98 Prozent mehr bekommen. In jedem Fall werden aber ihre Kosten bezahlt. Wenn Löhne und Gehälter im Krankenhaussektor wie zu erwarten um mehr als drei Prozent steigen, müssen die Mehrkosten trotzdem gezahlt werden. Das wird einige Hundert Millionen kosten, die dann von der Ersparnis durch die weggefallene Meistbegünstigungsklausel abgehen. Zweitens sind viele Krankenkassen noch mit Altlasten konfrontiert. Sie müssen per Gesetz jeweils einzeln aus den roten Zahlen raus und die Mindestreserve von 20 Prozent einer Monatsauszahlung erreichen. Das kostet mehr Geld, im Zweifel immer noch Milliarden, die am Ende die Beitragszahler aufbringen müssen. Der Schätzerkreis hat in seiner Stellungnahme tatsächlich dazu geschrieben, dass er solche Finanzprobleme bei der Schätzung nicht berücksichtigt. Die Aktivitäten der vergangenen Woche sorgen also vor allem für ein wenig Atempause bei den Kassen. Für Sie als Kunde ergibt sich in diesem Herbst die Möglichkeit, ohne zu viel Druck zu einer für Sie besseren und oft auch günstigeren Kasse zu wechseln. Weiter Argumente, warum Sie einen Wechsel mindestens prüfen sollten: 2026 ist ohnehin ein gutes Stichwort. Im Frühjahr soll nämlich die große Krankenkassen-Reformkommission der Bundesregierung, die "Finanzkommission Gesundheit", mit tatsächlichen Reformvorschlägen einen Weg aus dem finanziellen Verschiebebahnhof der vergangenen Wochen weisen. Sie sind dann schon bei einer günstigen Krankenkasse. So gesehen, in einer Pole Position. Alles Gute dort.