Meinung: News des Tages: Viktor Orbán, Lars Klingbeil, Deutsche Post, Buchmarkt

Datum17.10.2025 18:06

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer Artikel beleuchtet mehrere aktuelle Themen: Ungarns Premier Viktor Orbán macht Trump ein Angebot, um seine politische Stellung zu stärken, während Europa als Verlierer dasteht. Gleichzeitig kämpft die Deutsche Post mit Lieferverzögerungen; Finanzminister Lars Klingbeil erschwert die Konkurrenz durch hohe Mehrwertsteuern. Zudem gibt es Engpässe im Buchmarkt, die Bestseller vergriffen machen. Schließlich wird der Schauspieler Robert Englund mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt.

InhaltDer Finanzminister macht Konkurrenten der Post das Leben schwer. Ungarns Premier Viktor Orbán macht Donald Trump ein unmoralisches Angebot. Und warum sind so viele Bücher vergriffen? Das ist die Lage am Freitagabend. Die drei Fragezeichen heute: Das letzte Treffen ist erst ein paar Wochen her, nun wollen sich US-Präsident Donald Trump und Russlands Staatspräsident Wladimir Putin wohl erneut treffen, um über einen Frieden im Ukrainekrieg zu verhandeln. Wäre schön, wenn dabei mehr herauskäme als beim letzten Gipfel in Alaska. Egal, ob die Gespräche stattfinden oder nicht, ein Gewinner und etliche Verlierer stehen jetzt schon fest, schreibt mein Kollege Jan Puhl  . Als Sieger darf sich Ungarns Premier Viktor Orbán fühlen. Putin hat Budapest als möglichen Treffpunkt vorgeschlagen. Orbán wiederum hat Putin zugesichert, den internationalen Haftbefehl gegen ihn zu ignorieren, falls er einfliegen würde. Trump sympathisiert mit Orbáns Vorschlag. Dadurch darf sich nicht nur Orbán persönlich gebauchpinselt fühlen, geadelt wird sein politischer Kurs, schreibt Jan. In den 15 Jahren seiner Herrschaft hat Orbán die ungarische Demokratie demontiert und in der Ukrainepolitik stets gebremst. Beides kümmert Donald Trump anscheinend nicht. Der Rest Europas ist der Verlierer: "Das Treffen ist ein unfreundlicher Akt gegen alle, die eindeutig an der Seite der Ukraine stehen", sagt Daniel Hegedüs, Experte beim Berliner German Marshall Fund. "Trump wertet einen Außenseiter der EU-Ukrainepolitik auf." Für viele Kunden ist die Deutsche Post ein Failed State im Wirtschaftsstandort Deutschland. Wer auf Briefe wartet, leidet besonders: Beim ehemaligen Kerngeschäft ist das Unternehmen längst Schneckenpost. So manches Schriftstück braucht mehrere Tage, um seine Empfänger zu erreichen – selbst wenn sie in der gleichen Stadt wohnen wie die Absender. Konkurrenz könnte das Geschäft beleben, doch das scheint nicht im Sinne von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), wie mein Kollege Christian Reiermann recherchiert hat . Statt die verschiedenen, regionalen Briefzusteller zu fördern, macht das Ministerium ihnen das Leben schwer. Vor allem, indem es von ihnen Mehrwertsteuer verlangt, von der Post nicht. "Eine massive Wettbewerbsverzerrung", klagt einer der Konkurrenten. Über die staatliche KfW gehören dem Bund noch immer fast 17 Prozent des Unternehmens. Offenbar erhofft man sich im Finanzministerium von dem Foulspiel höhere Gewinne. Warum die Taktik auch nach hinten losgehen und es sehr teuer werden könnte, wenn die kleinen Anbieter verdrängt würden, lesen sie hier: Über leere Regale wurde zuletzt größer im Post-Brexit-Kontext geschrieben. Viele Supermärkte in England mussten damals wochenlang geneigte Käufer mit leeren Einkaufstaschen heimschicken, weil sie nach dem Austritt Großbritanniens aus der EU Waren nicht heranschaffen konnten. Ähnlich wie den Briten ergeht es derzeit Deutschen, die gern lesen. Selbst Bestseller sind oft vergriffen, auch Selbstgänger wie "Die Holländerinnen" von Dorothee Elmiger, die gerade den Buchpreis abgeräumt hat, sind nicht zu bekommen. Was ist da los? Dieser Frage ist meine Kollegin Sophia Coper nachgegangen und hat mit Buchhändlerinnen und Verlegern gesprochen . Die Probleme sind vielschichtig, manche davon hausgemacht, andere, wie Engpässe in den Druckereien, nicht. Europaweit sinke die Nachfrage nach grafischen Druckerzeugnissen kontinuierlich, also Illustrierten und Büchern etwa, schreibt Sophia. Stattdessen sind eher Amazon-Pakete gefragt. Viele Druckereien haben daher in den vergangenen Jahren auf Verpackungsdruck umgesattelt. Zermürben also die großen Onlinehändler, nachdem sie den Einzelhandel ruiniert haben, wie es immer heißt (wobei das natürlich Quatsch ist, denn das bekommen die Kunden schon allein hin, indem sie da bestellen), nun auch den Buchhandel? Ganz so einfach ist es nicht. Erinnern Sie sich noch daran, wie Deutschland im Frühjahr 2022 wochenlang darüber debattierte, ob wir ein paar olle Panzerhaubitzen an die Ukraine liefern sollen, als ob das kriegsentscheidend wäre? Heute wissen wir: war es nicht. Oder genauer gesagt: Im Ukrainekrieg von heute ist derlei Kriegsgerät weitgehend in den Hintergrund getreten. Dort hat sich die Front in einen kilometerbreiten Todesstreifen verwandelt. Wie in einem apokalyptischen Science-Fiction-Szenario schweben darüber mit zermürbendem Surren die Drohnenschwärme. Meine Kollegen Alexander Sarovic und Fedir Petrov haben eine ukrainische Drohneneinheit besucht. Weil es so gefährlich ist, die Soldaten innerhalb dieses Streifens mit Nachschub zu versorgen, setzen die Soldaten immer öfter auch dazu Drohnen ein. Die Gefährte sind – wie inzwischen so vieles in diesem Krieg – improvisiert. Verglichen mit der technischen Komplexität einer Panzerhaubitze 2000 wirken sie wie ein Faustkeil. Trotzdem sind Bodendrohnen wie der liebevoll "Jesus" getaufte Apparat inzwischen kriegsentscheidend und zeigen so, wie sich die Gefechte innerhalb von nur drei Jahren verändert haben. Schneid dir mal die Fingernägel, bitte: Ein von Brandwunden entstellter Serienkiller, der seine jugendlichen Opfer in deren Träumen mit einem bizarren Klingenhandschuh aufschlitzt – das war der Plot von Wes Cravens "Nightmare"-Reihe, die in den Achtzigerjahren eine ganze Generation gruselte. Der Darsteller hinter der verbrutzelten Freddy-Krueger-Maske, Robert Englund, 78, soll endlich angemessen gewürdigt werden, wie nun bekannt wurde: Er bekommt einen Stern auf dem Hollywood "Walk of Fame". Die Zeremonie findet – natürlich – an Halloween statt. Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel. Empfehle ich Ihnen die in Deutschland wenig beachtete Serie "Wayward" auf Netflix. Inmitten der Wälder von Vermont sollen aufmüpfige Jugendliche mit rigiden und teils esoterischen Therapieansätzen wieder auf Linie gebracht werden. Die Fäden in der Einrichtung hält Evelyn Wade (großartig: Toni Collette) in der Hand, genau wie sie auch die Bewohner des angrenzenden Ortes kontrolliert, viele von ihnen ehemalige "Schüler" der Einrichtung. Ein junger Polizist (Mae Martin) und seine Frau (Sarah Gadon) ziehen nach "Tall Pines" und versuchen, Wade zu entlarven. Hintergrund ist die Geschichte des sogenannten Synanon Kultes aus dem Kalifornien der Siebzigerjahre und das Versagen der sogenannten Troubled Teen Industry (TTI). Die hatte, beginnend Ende der Sechzigerjahre, in labilen Teenagern in den USA ein Geschäftsmodell entdeckt. Wegen ihrer teils brutalen Methoden gerieten immer wieder Einrichtungen der TTI in Verruf. Martin, der bei "Wayward" auch Regie führte, verwebt in der Serie geschickt Fiktion und Fakten. Er inszeniert den Grusel der vermeintlichen Idylle genauso fein und vielschichtig wie seine Charaktere. Sie sind so gebrochen, dass man sie nie ganz verurteilen oder sich ganz mit ihnen identifizieren kann. Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. HerzlichIhr Michail Hengstenberg, Autor im Kulturressort