Album der Woche mit PartyOf2: Hip-Hops letztes Hurra - Abgehört-Kolumne

Datum17.10.2025 18:07

Quellewww.spiegel.de

TLDRDas Debütalbum "Amerika’s Next Top Party!" des Hip-Hop-Duos PartyOf2 bringt Old-School-Beats und nostalgischen Rock-Rap zurück und erinnert an die Def-Jam-Ära der 90er. Mit eingängigen Tracks wie "Friendly Fire" und "Just Dance" setzen die beiden Künstler, Jadagrace und Swim, auf Partystimmung und vielfältige Einflüsse. Ihre musikalische Entwicklung von einem Quartett zu einem energiegeladenen Duo zeigt konzeptionelle Geschlossenheit und ein frisches, modernes Revival. Das Album wird von der legendären Plattenfirma Def Jam veröffentlicht und hat das Potenzial für ein großes Comeback im Hip-Hop.

InhaltDie Neunziger sind zurück? Zumindest das smarte Hip-Hop-Duo PartyOf2 ruft auf seinem Debüt mit Old-School-Beats und Rock-Rap ein Revival der großen Def-Jam-Ära aus – unser Album der Woche. Und: Neues von Tame Impala. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Seien wir ehrlich: Kontemporärer Mainstream-Hip-Hop ist so schnarchnasig, formelhaft und selbstbesoffen geworden, dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als in die glorreiche Vergangenheit zu blicken. Warum sollten die Revival-Zyklen im Rap andere sein als im Rock und Pop? Immerhin gibt es das Genre jetzt auch schon über 50 Jahre. Passend dazu trafen sich kurz vor Weihnachten 2024 drei Legenden von der Ostküste (Digable Planets), Westküste (The Pharcyde) und aus dem Süden (Arrested Development) in San Francisco zu einem großen Retro-Rap-Treffen. Der Rap-Sound dieser Pionier-Crews, die sich mit viel Jazz und Dope-seliger Hippie-Mentalität von den Gangsta-Gestalten des Genres abgrenzten, steht gerade wieder hoch im Kurs. Selbst Pedro Pascal, Überdaddy der GenZ, outete sich unlängst als Fan von Pharcyde und A Tribe Called Quest. Mehr Tastemaking geht kaum. Fehlen eigentlich nur noch die neuen Acts, die auf das Revival aufspringen. Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. PartyOf2, ein junges Duo aus Los Angeles, machen mit ihrem Debütalbum "Amerika’s Next Top Party!" schon mal ein Ausrufezeichen, dass in diesem runderneuerten Old-School-Game mit ihnen zu rechnen sein wird. Der Jazz der Vorväter aus dem sogenannten Daisy Age of Hip-Hop nudelt und dudelt als lässiger Gänseblümchen-Vibe vor allem durch "High", ansonsten setzen die Rapperin und Sängerin Jadagrace und der Rapper und DJ Swim jedoch eher auf nostalgische Boom-Bap-Beats und partytaugliche Tunes – der Albumtitel ist Programm. "Friendly Fire", eine in der Szene bejubelte Single der beiden, enthält sogar vertraute Heyyyyy-Hoooo-Chöre wie einst bei Naughty By Nature: Hip-Hops letztes Hurra. "Just Dance", eine weitere Single, fusioniert den Nineties-Rap mit einem anderen Genre, das gerade von jüngeren Musikern und Fans neu entdeckt wird: Eurodance. Durch den cool gerappten Track geistern das ewig zappelige "I Like to Move It" von Reel2Reel ebenso wie Technotronics "Pump Up The Jam" von 1989. Großer Spaß. Ob’s allerdings das Revival des Endneunziger-Rock-Rap gebraucht hätte, das mit schwerer Emo- und Gitarrenwucht durch "Out of Body" dröhnt … Geschmacksfrage. Preisabfragezeitpunkt 17.10.2025 18.08 Uhr Keine Gewähr Die Vielseitigkeit ist eher ein Plus im New-School-Ansatz des Duos. Ursprünglich gehörten Jadagrace Michiko Gordy-Nash und Tyson Coy-Stewart alias Swim zu einem Quartett aus Hollywood-Kinderdarstellern, das sich Grouptherapy nannte. In ihren Rap-Texten thematisierten die vier teils lakonisch, teils sarkastisch ihre Erfahrungen im modernen, auf schnellen Erfolg und noch schnelleres Geld getrimmten Entertainment-Business. 2023 erschien ein Debütalbum, doch die Mitglieder Rhea und TJOnline schieden bald darauf aus. Jadagrace, die zwar nicht direkt mit Motown-Mogul Barry Gordy verwandt ist, aber dennoch dessen Protegé, und Swim, früher Ensemblemitglied der Sitcom "Are We There Yet?", beschlossen, dennoch weiterzumachen. Ein Glücksfall, denn als Duo zeigen die beiden nun mehr konzeptionelle Geschlossenheit und geben sich energischer als die oft allzu verdaddelte Grouptherapy. Während die frühere Band vielleicht auch absichtlich ohne Label und großen Vertrieb blieb, um den Charakter des unschuldigen Experimentier- und Pet-Projekts vor dem Ausverkauf zu schützen, erscheint "Amerika's Next Top Party" nun bei der Plattenfirma, die wie keine andere für den Hip-Hop-Boom der Achtziger- und Neunzigerjahre verantwortlich war: Def Jam, einst Heimat von Run DMC, den Beastie Boys, LL Cool J, EPMD und Public Enemy, später das Label, auf dem Jay-Z, Nas und Kanye West ihre Alben veröffentlichten. In manchen Momenten klingen PartyOf2 so fresh und keck wie einige dieser Pionier-Acts. Mit ihnen haben sie nicht nur das Legacy-Label gemeinsam, sondern auch, dass sie nicht in den zeitgeistigen TikTok-, YouTube- und sonstigen DIY-Schmieden geformt wurden, sondern aus einem traditionelleren Umfeld der Unterhaltungsbranche. Das kann Fluch und Segen zugleich bedeuten. Aber vielleicht ist es ihr Moment: Ein bisschen Old-School-Partystimmung erscheint in diesen bleiernen Zeiten als genau das Richtige. Pump it up, yo, pump it! (7.8/10) Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Mit ihrem 2022 veröffentlichten zweiten Album bewies Brittney Parks alias Sudan Archives, dass sie das Zeug dazu hat, selbst R&B-Revolutionärinnen wie Beyoncé das Wasser zu reichen. Beziehungsweise die Violine, das Instrument, an dem sich die US-Musikerin selbst ausgebildet hat. Auf ihrem Debüt "Athena" inszenierte sie sich bereits als Göttin, auf "Natural Born Prom Queen" gab sie die nassforsche Homecoming-Prinzessin. Jetzt folgt mit "The BPM" eine weitere Anverwandlung, die des technikversessenen Gadget-Girls, eine selbstbewusste Daniela Düsentrieb des Future-Souls, der "Ms Pac Man", wie sie sich in einem der besten und unverschämtesten Tracks selbst nennt. Statt weiter schnurgerade zur Popstarwerdung zu streben, nimmt Parks zunächst eine weitere Karrieretangente und erforscht so mutig wie idiosynkratisch die Techno- und House-Erbschaften von Detroit und Chicago, den Städten, in denen sie aufwuchs. Das beinhaltet elegante, mit Afro-Elementen aufgeladene Slow-Grooves wie "Come And Find You" ebenso wie tanzbare Vocal-House-Updates ("A Bug's Life") und experimentelle Elektro-Utopien ("A Computer Love"). Kreative Höhepunkte im Minutentakt. (8.2/10) Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Wohl kein anderer zeitgenössischer Pop-Act hat sich so konsequent von Rock zu Rave entwickelt wie Tame Impala. Außer Coldplay natürlich. Was Beliebtheit betrifft, kann es der Australier Kevin Parker inzwischen locker mit den britischen Megastars aufnehmen. Sein aus dem Krautrock geborener, über die Jahre immer elektronischer, tanzbarer und massentauglicher gewordener Psychedelic-Entwurf ist enorm populär, entsprechend neugierig wurde sein nun nach fünfjähriger Pause fünftes Album von Fans und Branche erwartet. Gleich im ersten Track zeigt sich, dass die Verwandlung Tame Impalas zum reinen Dance-Projekt nunmehr abgeschlossen scheint. "My Old Ways", so heißt das Stück, meint jedoch nicht die alten Rock-Rudimente seines 2010 mit "Innerspeaker" erstmals etablierten Sounds, sondern Parkers alte Gewohnheiten, sich in Selbstschmähung, Prokrastination und Eskapismus zu verkrümeln. "Deadbeat", das meint im Albumtitel nicht nur die minimalistischen Killer-Tanzbeats, die Parker hier, zumeist ohne übermäßig viel Körperspannung, nach Hause schunkelt, sondern auch "Gammler" oder "Versager". "Ich bin halt ein Verlierer, Baby, eine verdammte Tragödie, willst Du mir deshalb das Herz rausreißen?", säuselt er achselzuckend fatalistisch in "Loser": Ignoranz als Glückseligkeit. Im sonnigen, gar nicht finsteren "Dracula" hadert er mit seinem Status als Superstar und will sich am liebsten in der anonymen Masse einer Klubnacht verstecken. In den Tracks, die für Keta-Exzesse oder die Goa-Raves der sogenannten Bush Doof Culture Australiens entworfen worden zu sein scheinen, offenbart sich die allzu menschliche Flucht vor den Zumutungen der allgemeinen Krisenhaftigkeit ins süße Vergessen ("Oblivion"). Die Bedröhnung der Saison. (8.0/10) Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Als vor rund 18 Monaten das immens erfolgreiche Debüt der britischen Frauenband The Last Dinner Party erschien, passte der eklektizistische Rock-Entwurf aus Glam, Indie und Operette perfekt zur damals grassierenden "Saltburn"-Hysterie  . Das Video zu "Nothing Matters" stellte sogar die Landhausszenerie nach, und Sängerin Abigail Morris lag untergetaucht in der Badewanne, als sie die giftige Refrainzeile "And I will fuck you/ Like nothing matters" hervorstieß. Presse wie Publikum feierten, dass die Zukunft der totgesagten Rockband offenbar weiblich ist. Die Londoner "Times" nennt sie bereits die "Roxy Music für das Internetzeitalter"  . Jetzt aber erst mal das zweite, bekanntlich immer schwierige Album nach dem ganzen Hype. Auf das "Prelude to Ecstasy" , die Vorstufe zur Ekstase, so hieß das Debüt, folgt der Bericht vom Scheiterhaufen, "from the pyre". Das Quartett inszeniert sich also als moderner Hexenzirkel und klingt dabei immer noch, als hätte Kate Bush ein gemeinsames Album mit Siouxsie & The Banshees aufgenommen. Was man hört: Angefangen wurden die Arbeiten am Album mit Arctic-Monkeys-Produzent James Ford, der dann allerdings erkrankte. Markus Dravs (Coldplay, Florence + The Machine) brachte es dann zu Ende. Aber wohl nicht umsonst klingen das mit einem kuriosen Country- und Honky-Tonk-Hook ausgestattete "This Is The Killer Speaking" und "Count The Ways" wie eine Hommage an das von Ford produzierte Arctic-Monkeys-Hit-Album "A.M.". Wenig originell auch das mit zu viel Pathos beladene "War Pigs"-Remake "Rifle", bezaubernd hingegen die klare Schönheit und lakonische Trauer der Ballade "The Scythe", die vom Ende einer Liebe handelt, aber auch vom Tod von Morris’ Vater. The Last Dinner Party haben ihren zwischen Theatralik und Coolness unterhaltsam taumelnden Sound verfeinert, ohne sich allzu dreist zu wiederholen, das ist schon viel. Wie ausgeklügelt und elaboriert die barocken Songgemälde dieser Band sind, zeigt sich im launigen "Agnus Dei", das laut Morris aus lauter Trotz die Harmonie eines Songs von einem prominenten Popstar enthalte, mit dem sie innerhalb der letzten wilden Monate eine Affäre hatte. Komme man nie drauf, wer und was, behauptet diese schurkische Rock-Witch. Happy Hunting. (7.5/10) Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung. Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)