Klimaschutz und Wirtschaft: Stimmt es eigentlich, dass zu viel Klimaschutz der Wirtschaft schadet?

Datum18.12.2025 14:33

Quellewww.zeit.de

TLDRDer Artikel thematisiert die Annahme, dass Klimaschutz der Wirtschaft schadet, insbesondere durch Aussagen von Politikern wie Friedrich Merz. Studien zeigen jedoch, dass der Klimaschutz langfristig wirtschaftliche Vorteile bringt, während unzureichender Klimaschutz hohe Kosten verursacht, beispielsweise durch Schäden von 145 Milliarden Euro in Deutschland seit 2000. Trotz Herausforderungen wie steigenden Energiekosten und Bürokratie wird die Klimapolitik oft fälschlicherweise als Schuldige dargestellt. Experten fordern klare politische Strategien und Investitionsanreize, um die Transformation zu unterstützen und den Mittelstand zu stärken.

InhaltOb beim Verbrenner-Aus oder der Industriekrise – Politiker verteufeln den Klimaschutz als Wirtschaftskiller. Vorn mit dabei: Kanzler Merz. Aber stimmt das eigentlich? Neulich in München konnte man ihn wieder erleben. Den Klima-vs.-Wirtschaft-Kanzler. Er sei nicht bereit, donnerte Friedrich Merz da auf dem CSU-Parteitag ins Mikro, "das Thema Umwelt und Klimaschutz so hoch aufzuhängen, dass damit ein großer Teil unseres industriellen Kerns in der Bundesrepublik Deutschland verloren geht". Ende September im Bundestag warnte Merz vor einer Klimapolitik, die "die industrielle Basis des Landes gefährdet oder gar zerstört".  Das gleiche Narrativ nutzen Länder wie Polen, Tschechien, Italien oder Frankreich. Sie bremsen stärkere Klimaziele in der EU aus – mit Verweis auf zu hohe Belastungen für die Industrie. Beim Aus vom Verbrenner-Aus lief es genau so. Aber stimmt das? Gefährdet Klimaschutz die Wirtschaft? Ein Blick auf mehrere Studien zeigt das Gegenteil. Denn die Kosten durch die Folgen des Klimawandels sägen weltweit am Wohlstandsmodell der Industrienationen. Und die Datenlage dazu wird immer besser und eindeutiger. Das ist die eine Wahrheit. Die andere sieht so aus: Industriekonzerne wie Voith entlassen Mitarbeiter mit Verweis auf zu hohe Energiekosten, Verbände klagen über Wettbewerbsnachteile und mittelständische Unternehmen wollen zwar grüner werden – fühlen sich aber von der Politik ignoriert.  Da scheint etwas nicht zusammenzupassen, oder? Ein Teil der Antwort: In der Diskussion werden – bewusst oder unbewusst – Dinge durcheinandergeworfen. Die Klimapolitik trifft bei vielen Entwicklungen gar keine Schuld, sondern wird als Ausrede genutzt. Deshalb lohnt es sich, zu sortieren und auf die Fakten zu schauen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat vor Kurzem mehrere Studien zum Thema Klimaschutz und Folgen für die Wirtschaft zusammengefasst und kommt zu einem klaren Urteil: Die Nutzen von Klimaschutzvorhaben liegen deutlich über den Kosten. Die renommierte DIW-Ökonomin Claudia Kemfert sagte der ZEIT: "Die Forschung zeigt eindeutig, dass nicht Klimaschutz, sondern unzureichender Klimaschutz langfristig hohe volkswirtschaftliche Schäden verursacht – durch Extremwetter, fossile Preisrisiken und Importabhängigkeiten." In Zahlen ausgedrückt: Von 2000 bis 2021 sind allein in Deutschland Schäden in Höhe von mindestens 145 Milliarden Euro durch Klimawandelfolgen entstanden, davon allein 80 Milliarden Euro seit 2018.  In der gesamten EU beliefen sich die klimabedingten Extremwetterschäden von 1980 bis 2023 auf 738 Milliarden Euro, wobei Überschwemmungen mit 44 Prozent den größten Anteil ausmachten, gefolgt von Stürmen (29 Prozent) und Hitzewellen (19 Prozent). Je nach Berechnungsmodell könnten demnach auf Deutschland bis zum Jahr 2050 Schäden von bis zu 900 Milliarden Euro zukommen. Die genaue Schadenssumme variiert, weil die unterschiedlichen Studien teilweise mehr Bereiche einbeziehen oder den Fortschritt des Klimawandels anders stark bewerten. Aber selbst vorsichtige Modelle gehen von mindestens 280 Milliarden Euro Folgeschäden aus. Eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums kam 2024 zu dem Schluss, dass im Jahr 2050 je nach Verlauf des Klimawandels jährlich Kosten in Höhe von 0,6 bis 1,8 Prozent des BIP entstehen könnten. Leonie Wenz vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) arbeitet seit Langem zu dem Thema. Sie und ihre Kollegen haben weitere Faktoren in ihre Forschung einbezogen, etwa die Auswirkungen von stark schwankenden Temperaturen oder Änderungen im Niederschlagsmuster und auch, wie lange deren wirtschaftliche Auswirkungen anhalten. In einer 2020 im Journal of Environmental Economics and Management erschienenen Studie rechneten sie aus, dass jede ausgestoßene Tonne CO₂ Klimaschäden in der Größenordnung von 76 bis 148 Dollar verursacht.  Die Diskussion drehe sich viel zu sehr um die Kosten für Klimaschutz, aber zu wenig um Folgen, die uns durch zu wenig Klimaschutz drohten. "Das ist ein Ungleichgewicht, das dringend korrigiert werden sollte", sagt Wenz. Daten zeigen außerdem: Eine wirkungsvolle Klimapolitik im Einklang mit dem 1,5-Grad-Ziel kann das Wirtschaftswachstum deutlich ankurbeln. Eine OECD-Studie kommt zu dem Schluss, dass das globale BIP so bis 2040 um 0,2 Prozent gegenüber dem aktuellen Weg steigen würde. Bis 2050 könnten es 3 Prozent, bis 2100 sogar bis zu 13 Prozent mehr sein, da Klimaschäden vermieden würden und neue Innovationspotenziale wirkten. "Ambitionierte Klimapolitik wirkt wie ein Investitionsprogramm in Innovationen, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz", sagt auch Expertin Claudia Kemfert vom DIW. Eine aktuelle Studie der KfW und des Beratungsunternehmens Deloitte unterstreicht das. Die Nachfrage nach grünen Technologien ist demnach in den vergangenen Jahren jährlich um mehr als sieben Prozent, der Kapitalzufluss um fast zehn Prozent gewachsen; der globale Markt könnte sich bis 2045 vervierfachen. Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle. Aktuell liegt der Anteil deutscher Greentech-Exporte am Welthandel bei 13 Prozent. Das ist deutlich mehr als Deutschlands Anteil an den weltweiten Exporten insgesamt (sieben Prozent). Trotzdem: Viele Konzerne straucheln gerade. In einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) gab jeder dritte Betrieb an, durch die Energiewende direkte negative Folgen für das eigene Geschäft zu erleiden.  Unternehmen in vielen Branchen seien durch steigende Energiekosten und Bürokratie zunehmend belastet, teilt die DIHK mit. Das alles schade der Energiewende, die nur mit einer leistungsfähigen Wirtschaft funktioniere.  Die Verbindung Energiewende – Klimapolitik – hohe Energiekosten ist allerdings eine der Nebelkerzen in dieser Debatte. DIW-Expertin Claudia Kemfert hält dagegen, dass die Belastungen vieler Unternehmen zwar real seien, aber primär auf der fossilen Energiekrise beruhten und nicht auf der Energiewende.  Denn nicht zu viel Klimapolitik, sondern vor allem die Abhängigkeit von den sehr krisenanfälligen und teuren fossilen Energieträgern Gas und Kohle belasten den Strompreis. Die stark wachsenden Erneuerbaren machen die Preise an der Strombörse nachweislich günstiger. Was stimmt: Die gestiegenen Preise für CO₂-Zertfikate für Gas und Kohlekraftwerke erhöhen den Strompreis, auch die Netzentgelte sind aufgrund des überfälligen Netzausbaus gestiegen. Aber das sind nur Teilaspekte. "Der Emissionshandel ist nicht der Grund für die derzeitige Krise der energieintensive Industrie, muss aber als Sündenbock für strukturelle Probleme erhalten. Tatsächlich zahlen die meisten Unternehmen bislang kaum CO₂-Kosten – einige haben sogar vom Emissionshandel profitiert, weil sie mehr Zertifikate erhalten haben, als sie abgeben mussten", sagt Simon Wolf, Experte für Klimapolitik bei Germanwatch. "Anstatt jetzt den Emissionshandel abzuschwächen, muss es darum gehen, wie die Unternehmen wieder in Deutschland investieren können." Wenn man bei Max Jankowsky im sächsischen Lößnitz anruft, klingt das ganz anders. Jankowsky ist Chef der Gießerei Lößnitz, knapp 100 Mitarbeiter, Jahresumsatz von etwas mehr als 22 Millionen Euro. Klassischer deutscher Mittelstand also. Das Unternehmen gießt Teile für große Pressen in der Automobilindustrie, mit denen Karosseriestücke hergestellt werden. Die Gießerei verfeuert Kohle aus Polen. Jährlicher CO₂-Ausstoß: rund 5.000 Tonnen. Er beklagt die hohen Belastungen des nationalen Emissionshandels. "Die Kosten für Emissionszertifikate liegen derzeit bei rund 282.000 Euro, im kommenden Jahr voraussichtlich bei etwa 332.000 Euro – und danach ist die Entwicklung völlig ungewiss." Denn ab 2027 wird die Gießerei (laut aktuellem politischen Stand) Teil des europäischen Emissionshandels, der CO₂-Preis liegt dann noch mal deutlich höher. Derzeit sind es 55 Euro pro Tonne, 2026 geht es hoch auf bis zu 65 Euro. Im Europäischen Emissionshandel wird der Preis vom Markt geregelt. Experten wie Achim Wambach vom ZEW Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung rechnen dann mit bis zu 200 Euro pro Tonne. Bei Firmenchef Max Jankowsky in Lößnitz kommt hinzu: Er würde seine Produktion gerne von Kohle auf Strom umstellen, was den Betrieb dekarbonisieren würde. Kostenpunkt: rund 12 Millionen Euro. Ein Förderantrag wurde laut Jankowsky allerdings von der zuständigen Förderstelle im Februar 2025 abgelehnt, weil er nicht innovativ genug gewesen sei. Ein Umstieg auf Wasserstoff sei gewünscht worden. "Standortbedingt ist das aber nicht realisierbar", erklärt Jankowsky. Er kritisiert zudem, dass Förderungen für Großprojekte leichter zu bekommen seien als für kleinere, konkrete Vorhaben. "In Deutschland ist es immer noch einfacher, eine Milliarde Förderung zu bekommen als eine Million."  Ist Jankowsky nun ein Opfer von zu ambitionierter Klimapolitik? Hat er selbst Schuld, weil er zu lange an der (steuerfreien) Kohle festgehalten hat? Oder ist sein Geschäftszweig ein transformationsbedingtes Auslaufmodell?  "Viele Unternehmen stehen bereits mit dem Rücken zur Wand – und die Verschärfung im europäischen Emissionshandel kommt noch on top. Das setzt das bestehende Geschäft, aus dem die Investitionen in klimafreundliche Technologien bezahlt werden sollten, unter Druck", erklärt Thilo Schaefer vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Er verweist auf einen "unumgänglichen Strukturwandel", der auch "eine Reihe Verlierer" produzieren werde. Schaefer merkt aber auch an: "Die Industrie hierzulande abzubauen und stattdessen aus Ländern zu importieren, in denen dann womöglich noch mehr Kohle verstromt wird, ist klimapolitisch kontraproduktiv." DIW-Expertin Claudia Kemfert schließt sich dem größtenteils an. Entscheidend sei, Beschäftigte, Regionen und Zulieferer beim Strukturwandel mitzunehmen. Helfen würden Max Jankowsky und seiner Gießerei – da liegt er auf einer Linie mit IW-Experte Schaefer und Ökonomin Kemfert – klare und verlässliche Vorgaben der Politik. "Was fehlt, ist eine Strategie, ein roter Faden und Planungssicherheit für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre", fordert Jankowsky. Mit dem Mittelstand werde zu wenig gesprochen, vermeintliche Lösungen wie der Industriestrompreis würden der Gießerei nichts bringen.  Festgelegte Ziele wie das Verbrenner-Aus oder die Ausweitung des europäischen Emissionshandels immer wieder neu zu verhandeln, sorgt vielleicht für eine kurze Verschnaufpause, aber vor allem für Unsicherheit. Was gilt jetzt eigentlich genau? In so einer Phase in die Zukunft zu investieren, Kredite bei der Bank zu bekommen – schwierig. Claudia Kemfert fordert "verlässliche Rahmenbedingungen und klare Ausstiegs- und Investitionspfade". Um die Folgen der Transformation abzufedern, seien "zielgerichtete, zeitlich befristete Instrumente wie Investitionszuschüsse, Klimaschutzverträge, günstige Kredite sowie ein schnellerer Ausbau von Netzen, Speichern und Wasserstoffinfrastruktur" erforderlich. Ein weiterer Schlüssel ist die Kommunikation. "Die zeitliche und räumliche Entfernung vieler Klimafolgen macht es schwer, entschlossen zu handeln. Zudem lähmen Katastrophenszenarien und negative Rhetorik die gesellschaftliche Handlungsbereitschaft", sagt Leonie Wenz vom PIK. Claudia Kemfert fordert eine Debatte, "die Chancen – Innovation, Preisstabilität, Unabhängigkeit – stärker betont". Rhetorisch schien Friedrich Merz sich zuletzt tatsächlich anzupassen. Bei einer Rede auf der Klimakonferenz in Brasilien löste er sich von seinen sonstigen Mustern. "Unsere Wirtschaft ist der Schlüssel, um unser Klima noch besser zu schützen", sagte der Kanzler da und lobte den Emissionshandel. Nur eine Woche später beschloss der Koalitionsausschuss die Senkung der Luftverkehrssteuer. Dieser Beitrag ist Teil unseres Projekts Plan D. Hier finden Sie den Überblick zu allen Lösungen und Problemen. Die Serie "Stimmt das eigentlich" wird vom Newsdesk der ZEIT verantwortet.