Datum17.10.2025 15:20
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer Artikel kritisiert die Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz, der bei einer Pressekonferenz Migration als "Problem im Stadtbild" bezeichnete. Der Autor, ein Hochschullehrer, hinterfragt, welche Menschen Merz als problematisch erachtet, da viele seiner Studierenden Migrationshintergrund haben. Er weist darauf hin, dass der Großteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Westdeutschland lebt und dass die AfD nur in Regionen mit wenigen Migranten stark ist. Der Artikel betont, dass die Mehrheit der Migranten einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leistet und kein Problem darstellt.
InhaltIch unterrichte an einer Hochschule, viele Studierende haben hier einen Migrationshintergrund. Friedrich Merz möge bitte auf einem Jahrgangsfoto markieren, welche dieser Menschen ein "Problem im Stadtbild" darstellen. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Vor acht Jahren saß die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit dem damaligen AfD-Chef Jörg Meuthen in einer Talkrunde in der ARD. Meuthen behauptete dort, er sehe "in den deutschen Innenstädten, in denen ich mich bewege, nur vereinzelt Deutsche". Christian Stöcker, Jahrgang 1973, ist Kognitionspsychologe und Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW). Dort verantwortet er den Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte über digitale Öffentlichkeit und Desinformation. Vorher leitete er das Ressort Netzwelt bei SPIEGEL ONLINE. Die CDU-Vorsitzende Merkel entgegnete: "Dann weiß ich nicht, was sie sehen, denn ich kann auf der Straße Menschen mit Migrationshintergrund, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben, und solche, die sie nicht haben, nicht unterscheiden." Der deutsche Theologe und Autor Stephan Anpalagan hat den Schnipsel diese Woche ausgegraben und in sozialen Medien geteilt – aus gutem Grund. Diese Woche stand nämlich der heutige Bundeskanzler und CDU-Vorsitzende Friedrich Merz bei einer von "Phoenix" übertragenen Pressekonferenz neben Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und versuchte zu erklären, warum die AfD, die er doch einst "halbieren" wollte, jetzt etwa gleichauf mit der Union liegt. Merz gab eine lange, gewundene Antwort. An deren Ende sagte er: "Bei der Migration hat die Bundesregierung die Zahlen August 24, August 25 im Vergleich 60 Prozent nach unten gebracht." Dass in Wahrheit weite Teile dieses Rückgangs keineswegs unter der aktuellen, sondern der vorigen Bundesregierung stattfanden, ist noch einmal ein anderes Thema. Merz fuhr fort: "Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen." Während also Angela Merkel vor acht Jahren noch wusste, dass man den Aufenthaltsstatus von Menschen nicht auf der Straße erkennen kann, scheint Friedrich Merz diese Tatsache nicht bewusst zu sein. Markus Söder (CSU) geht es offenbar genauso: "Das Stadtbild muss sich wieder verändern. Es braucht einfach mehr Rückführungen", sagte Söder vor ein paar Wochen. Selbst, wenn diese sehr ähnlichen Formulierungen zufällig sein sollten, erscheint das doch bemerkenswert. Die Spitzenkräfte der Unionsparteien haben offenbar die gleiche hellseherische Fähigkeit zur Erkennung von irgendwie "problematischen" Menschen wie damals der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen. Oder wie Ulrich Siegmund, AfD-Fraktionsvorsitzender in Sachsen-Anhalt. Der sagte dem berühmten "Correctiv"-Bericht zufolge (Stichwort: "Remgration") beim Treffen in einem Potsdamer Hotel auch mit Leuten aus der Union: Das Straßenbild müsse sich ändern, ausländische Restaurants unter Druck gesetzt werden. Früher hieß das bei den Rechtsextremen einfach "Ausländer raus". Der "Correctiv"-Bericht steht übrigens trotz zahlreicher juristischer Anstrengungen weitgehend unverändert online. Ich habe keine Fragen an die AfD, aber an den Bundeskanzler und den bayerischen Ministerpräsidenten hätte ich schon einige. Ich unterrichte an einer deutschen Hochschule, in einem Bachelor- und einem Masterstudiengang. Eine beträchtliche Anzahl der Menschen, die bei uns an der HAW Hamburg studieren, haben einen Migrationshintergrund, und vielen davon sieht man das auch an. Ob Friedrich Merz und Markus Söder wohl auf einem Jahrgangsfoto markieren könnten, welche dieser jungen Menschen ein "Problem im Stadtbild" darstellen? Wie sollen sich diese Leute, auf die unser Arbeitsmarkt, unser Rentensystem, sprich: die Zukunft dieses Landes und auch die Zukunft der Wählerinnen und Wähler der CDU/CSU angewiesen sind, jetzt fühlen? Woran erkennen sie, ob der Bundeskanzler sie als "Problem" wahrnimmt, wenn er sie auf der Straße trifft? Preisabfragezeitpunkt 17.10.2025 15.21 Uhr Keine Gewähr Dazu kommt etwas anderes: Die AfD ist ja bekanntlich in den östlichen Bundesländern besonders stark. Mehr als 94 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund leben aber gar nicht im Osten , sondern in Westdeutschland oder Berlin, die verbleibenden knapp sechs Prozent verteilen sich auf die fünf Länder in Ostdeutschland. In Westdeutschland und Berlin hatte 2024 etwa ein Drittel der Menschen einen Migrationshintergrund, in Ostdeutschland waren es 11,7 Prozent . Die Partei, deren Markenkern völkischer Rassismus ist, ist also dort besonders erfolgreich, wo man eher selten auf Menschen mit Migrationshintergrund trifft. Besonders erfolgreich ist die AfD in der Regel auf dem Land und in kleineren Städten. In Großstädten aber, dort also, wo besonders viele Menschen mit Migrationshintergrund leben, schneidet sie zumeist schlechter ab. In vielen Regionen kann also kaum primär das "Stadtbild" das "Problem" sein, das Menschen dazu bringt, eine rechtsextreme Partei zu wählen. Friedrich Merz ist Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. In dieser Bundesrepublik Deutschland leben aktuell gut 25 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, das sind etwas mehr als 30 Prozent der Gesamtbevölkerung. Natürlich sieht man nicht allen ihren Migrationshintergrund an, aber genau das ist ja der Punkt: Das sollte auch keinen Unterschied machen. Ob jemand deutsch ist, erkennt man nicht an der Hautfarbe. Leute, die sich ausschließlich weiße Deutsche wünschen, sind völkische Nationalisten und Rassisten. Völkischer Nationalismus ist eine Ausprägung des Rechtsextremismus . Noch bemerkenswerter wurde die Äußerung von Merz übrigens durch die nachgeschobene "Erklärung" seines Regierungssprechers Stephan Kornelius: Merz habe sich mit seiner Äußerung "als Parteivorsitzender zu erkennen gegeben", sagte Kornelius am Mittwoch. Das ist in mehrfacher Hinsicht kurios: Es dürfte wohl kaum jemanden geben, der Merz nicht als Parteivorsitzenden erkennt. Außerdem hat die CDU keinen Innenminister, die Bundesregierung, der der Bundeskanzler vorsteht, aber schon. Und dieser Innenminister und seine Rückführungen kamen ja im selben Satz vor wie das "Problem mit dem Stadtbild". Kornelius sagte außerdem, er glaube nicht, "dass der Bundeskanzler ein Problem mit dem Stadtbild hat", was angesichts des wörtlich Gesagten fast schon wieder lustig ist. Aber nur fast. Kein Zweifel: Deutschland hat mancherorts Probleme mit Integration, die Kommunen sind vielfach überlastet. Die überwältigende Mehrheit der Menschen mit Migrationshintergrund in diesem Land aber sind friedliche, hart arbeitende Leute, die das Land dringend braucht – und kein "Problem im Stadtbild". Wenn Merz das alles ganz anders gemeint haben sollte, wäre es gut gewesen, wenn er das selbst noch einmal erklären könnte. Denn im Augenblick müssen sich viele Millionen Menschen in diesem Land fragen, ob ihr eigener Bundeskanzler sie aufgrund ihres Aussehens als "Problem im Stadtbild" betrachtet, das er am liebsten mit Abschiebungen "lösen" möchte.