Datum17.10.2025 15:18
Quellewww.zeit.de
TLDREine Studie von Thomas Hestermann zeigt, dass deutsche Medien ausländische Tatverdächtige überproportional häufig benennen, was zu einer verzerrten Darstellung von Gewaltkriminalität führt. In TV-Berichten wurde die Herkunft in 25 Prozent der Fälle genannt, wobei 94,6 Prozent ausländische Tatverdächtige waren. Bei Printmedien lag der Anteil bei 33 Prozent (90,8 Prozent ausländisch). Mehr als 70 Prozent stammen aus muslimischen Ländern, während ihr tatsächlicher Anteil nur 15,8 Prozent beträgt. Kritiker warnen vor potenziellen Missbrauch solcher Informationen in sozialen Medien.
InhaltDie Gewaltkriminalität unter Ausländern wird laut einer Studie medial verzerrt dargestellt. Zu Beginn des laufenden Jahres habe dies ein Ausmaß erreicht "wie noch nie". Deutsche Medien berichten über Gewalttaten von Ausländerinnen und Ausländern deutlich häufiger, als es ihrem Anteil laut der polizeilichen Kriminalstatistik entspricht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Journalismusexperten Thomas Hestermann für den Mediendienst Integration. Untersucht wurden TV-Berichte und Berichte wichtiger Printmedien aus dem laufenden Jahr. Demnach wurde in einem Viertel der TV-Berichte über Gewaltdelikte die Herkunft der Tatverdächtigen genannt, wobei es sich zu 94,6 Prozent um ausländische Tatverdächtige gehandelt habe. Bei den untersuchten Printberichten erfolgte demnach in einem Drittel der Fälle eine Herkunftsnennung der Tatverdächtigen – die sich zu 90,8 Prozent auf ausländische Tatverdächtige bezogen. Der polizeilich erfasste Anteil ausländischer Tatverdächtiger bei Gewaltdelikten liegt laut der Kriminalstatistik des Bundes bei 34,3 Prozent. Als Hinweis auf eine ausländische Herkunft galten in den für die Studie untersuchten Beiträgen Angaben zur Staatsangehörigkeit der Verdächtigen oder ihrer Eltern sowie Bezeichnungen wie "Asylbewerber" oder "Bürgerkriegsflüchtling". Ausgewertet wurden Berichte der Sender ARD, ZDF, RTL, Sat.1, ProSieben, Kabel Eins, Vox und RTL2 sowie der Zeitungen Bild, Welt, FAZ, Süddeutsche Zeitung und taz jeweils aus dem Frühjahr 2025. Mehr als 70 Prozent der genannten ausländischen Tatverdächtigen in den Medienberichten stammen der Studie aus überwiegend muslimischen Ländern. Hier liege der Anteil der Verdächtigen aus diesen Ländern laut der Kriminalstatistik bei 15,8 Prozent. Tatverdächtige aus muslimisch geprägten Herkunftsländern seien somit in deutschen Leitmedien mehr als vierfach überrepräsentiert. Noch 2014 habe die Herkunft von Tatverdächtigen in den Medien "fast keine Rolle" gespielt, sagte Hestermann, der die Studie seit 2007 betreut. Die aktuelle Auswertung aus dem ersten Quartal 2025 zeige mit Blick auf die tatsächlichen Zahlen eine "so drastische Verzerrung wie noch nie". Seit dem 1. Oktober gilt in Bayern eine neue Regelung: Die Polizei muss in Pressemitteilungen grundsätzlich die Herkunft von Tatverdächtigen angeben. Der Sprecher des Deutschen Presserats, Manfred Protze, sieht das kritisch. Er warnte, dass solche Informationen missbraucht werden könnten. Neben den Qualitätsmedien, die sich per Pressekodex auf ethische Grundlagen verpflichteten, würden Polizeimeldungen von verschiedensten Gruppen auch auf den "ethikfreien" Sozialen Medien genutzt, "die kein Problem mit Sippenhaft haben". Dadurch gerate die seriöse Presse unter Druck, weil ihr sonst vorgeworfen werde, wichtige Fakten zu verschweigen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein sind die Polizeibehörden verpflichtet, die Herkunft von Verdächtigen zu nennen. Nach Angaben der dortigen Innenministerien soll das mehr Transparenz schaffen. In Nordrhein-Westfalen unterstützt Innenminister Herbert Reul (CDU) die Idee grundsätzlich, prüft aber noch, wie sie in den bestehenden Medienerlass aufgenommen werden kann.