Datum17.10.2025 14:56
Quellewww.spiegel.de
TLDREine Umfrage unter Teilnehmern der propalästinensischen Demonstration in Berlin zeigt, dass die meisten Befragten dem linken Spektrum angehören und mit der Umsetzung der Demokratie in Deutschland unzufrieden sind. Trotz hoher Bildungsabschlüsse hat die Mehrheit wenig Vertrauen in die Bundesregierung, beschäftigt sich jedoch aktiv mit politischen Themen. Die Protestierenden nutzen hauptsächlich soziale Medien zur Informationsbeschaffung und betonen die Wichtigkeit des Schutzes jüdischen Lebens in Deutschland, was auf ein Bewusstsein für die historische Verantwortung hinweist.
InhaltLinks, gebildet und unzufrieden mit der Demokratie in Deutschland: Eine Umfrage zeichnet nach SPIEGEL-Informationen ein Bild der Teilnehmer einer propalästinensischen Demo in Berlin. Eine bisher unveröffentlichte Umfrage untersucht die Zusammensetzung der bislang wohl größten propalästinensischen Demonstration in Deutschland am 27. September in Berlin. Dazu verteilten Wissenschaftler des Instituts für Protest und Bewegungsforschung mehr als 1000 Fragebögen an Teilnehmende der Veranstaltungen "All Eyes on Gaza – stoppt den Genozid" und "Zusammen für Gaza", knapp ein Drittel lieferte Rückläufe ab. Demnach ordnete sich der Großteil der Befragten dem linken politischen Spektrum zu, fast zwei Drittel gaben an, sie würden die Linke wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre. Dies zeige, sagte Grimm dem SPIEGEL, dass es der Linken gelungen sei, das Thema Palästina zu besetzen. Unklar sei, ob sich diese Präferenz in eine dauerhafte Parteibindung umsetzen ließe. 86 Prozent der Befragten sagten, sie hätten die deutsche Staatsbürgerschaft. Mehr als 92 Prozent verfügten demnach über Abitur, Fachabitur, einen Fach- oder Hochschulabschluss oder einen Doktorgrad. Die Mehrheit gab an, mit der Demokratie in Deutschland unzufrieden zu sein. Dennoch ordnet Grimm die Proteste nicht als Anti-Systemproteste ein, da die Daten auch ergaben, dass ein großer Teil der Teilnehmer den demokratischen Werten an sich positiv gegenübersteht. Vielmehr hätten die Teilnehmenden ein Problem damit, "wie die Demokratie in Deutschland umgesetzt wird", so Grimm. Dies zeigt sich auch daran, dass die Demonstranten besonders der Bundesregierung, aber auch Institutionen wie dem Bundestag wenig Vertrauen entgegenbringen. Auch ihre Selbstwirksamkeit, durch etwa die Teilnahme an Protesten, wird als gering eingeschätzt. "Die Leute fühlen sich von der Politik nicht gehört", so Grimm. 37,8 Prozent der Befragten geben an, sehr wenig Vertrauen in die Bundesregierung zu haben, weitere 32,3 Prozent äußern wenig Vertrauen. Deutlich mehr Vertrauen schenken die Befragten der Justiz. 35,2 Prozent äußerten moderates Vertrauen und weitere 46 Prozent viel oder sehr viel Vertrauen, während explizites Misstrauen nur von einer Minderheit geäußert wird. Ihre Informationen über die Situation in Gaza bezogen die meisten Protestierenden vor allem aus sozialen Medien. Auch wenn sie diesen Medien ambivalent gegenüberstehen und nicht blindlings vertrauen: Die Mehrheit ordnet ihr Vertrauen gering oder moderat ein. Bei den traditionellen Medien sieht es ähnlich aus: 35,3 Prozent äußern moderates Vertrauen, 23,9 Prozent sehr wenig und 24,7 Prozent wenig. 80 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass jüdisches Leben in Deutschland besonders geschützt werden müsse. Protestforscher Jannis Grimm attestiert den Teilnehmenden deshalb "ein bewusstes Verhältnis zur deutschen historischen Verantwortung".