Datum17.10.2025 13:00
Quellewww.spiegel.de
TLDRDer "Polizeiruf" aus Rostock mit dem Titel "Tu es!" thematisiert den Kollaps gesellschaftlicher Strukturen durch das Psychogramm eines Lehrers, der in eine Tragödie verwickelt ist. Sein Kommando "Tu es!" führt zu einem Selbstmord, und während die Ermittlerinnen deren eigene Krisen bewältigen, bleibt unklar, ob der Lehrer Idealist oder Sadist ist. Der Film kritisiert die maroden sozialen Institutionen und bringt emotionale Zärtlichkeit trotz der grausamen Thematik ein. Die Folge erhält eine Bewertung von 9 von 10 Punkten.
InhaltDie Gesellschaft kollabiert, und Frank Sinatra singt seine Balladen: Der "Polizeiruf" folgt einem Lehrer durch kaputte Schul- und Pflegeeinrichtungen. Ein Durchdreher-Psychogramm, so aggressiv wie zärtlich. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Es ist Nacht in Rostock, der Regen perlt die Fensterscheiben runter, irgendjemand hat Frank Sinatra aufgelegt. Sinatra haucht, so wie nur er das kann, die Herbstballade "It Was A Very Good Year" , während wir in einer fließenden Abfolge kurzer Sequenzen dabei zuschauen, wie die Ermittlerinnen und Ermittler des "Polizeirufs" ihren privaten Krempel zu regeln versuchen, der ihnen schon in den letzten Folgen bei der Ermittlerarbeit im Weg lag. Kommissarin König (Anneke Kim Sarnau) trifft sich wieder mit ihrem Vater, der jetzt offenbar seine Alkoholsucht überwunden hat und Reden über soziale Verantwortung hält. Kommissarin Böwe (Lina Beckmann) sitzt in ihrem Auto und wartet vergeblich auf Nachricht von ihrer Tochter, die den Kontakt zu ihr abgebrochen hat, weil sie nicht die Identität ihres Vaters preisgeben will. Wie wir seit der letzten Folge wissen , wurde Böwe mit 17 Jahren nach einer Vergewaltigung schwanger. Will man da dem Kind sagen, wer der Erzeuger ist? Es sind also noch nicht einmal drei Minuten um, da stehen wir als Zuschauer schon wieder knietief im privaten Chaos des Ermittlungsteams. In keinem anderen TV-Revier werden die Backstorys der Kommissarinnen und Kommissare derart von Folge zu Folge weiterentwickelt wie im "Polizeiruf" aus Rostock und dann mit dem jeweiligen Fall verknüpft. Wer einen "Polizeiruf" aus Rostock schreibt oder dreht, braucht einen langen Atem, am besten so einen, wie ihn der Power-Balladeer Sinatra bei "It was a Very Good Year" zum Einsatz bringt. Dieser lange Atem ist auch nötig, um die charakterliche Verfasstheit von Figuren in der Schwebe zu halten. In diesem Fall steht ein Lehrer (Sebastian Jakob Doppelbauer) im Zentrum der Geschehens, von dem man bis gegen Ende der Geschichte nicht recht weiß, ob er ein Idealist oder Sadist ist. Der Lehrer hat offenbar über einen Messangerdienst die Aufforderung "Tu es!" an einen jungen Mann geschrieben, der daraufhin eine ihm unbekannte Frau aus der Straßenbahn und sich selbst tötet. War der Lehrer auf einem Forum unterwegs, wo sich junge Menschen über ihre Suizidgedanken austauschen, um diese dann in den Tod zu treiben? Alles deutet darauf hin, und der Verdächtige versucht im Verhör nicht gerade Sympathiepunkte bei den Polizistinnen zu machen, denen er immer wieder die Vergeblichkeit ihrer Arbeit vorhält. Aber wie passt das mit seiner couragierten Arbeit mit seinen Schülerinnen und Schülern zusammen, mit denen er unter größtmöglichem Einsatz ein Projekt unter dem Motto "Zusammenhalt" durchführt? Oder mit der Zärtlichkeit gegenüber seiner dementen Mutter, die er zu jeder Tag- und Nachtzeit im Pflegeheim besucht, wo das Personal am Limit arbeitet? Für das Drehbuch zu diesem Durchdreher-Psychogramm zeichnet Florian Oeller verantwortlich. Der hatte bereits vor vier Jahren die Grimme-Preis-gekrönte "Polizeiruf"-Folge "Sabine" geschrieben, in der eine gedemütigte alleinerziehende Bürgergeldaufstockerin auf Rachefeldzug gegen ihre Peiniger geht. Da wurde die Gerechtigkeitsdebatte mit der Knarre geführt: Klassismus meets Revenge-Movie. Auch "Tu es!" (Regie: Max Gleschinski) stößt aufwühlend, rabiat und polemisch in den gesellschaftlichen Diskurs vor: Wo bleibt denn der Modernisierungsschub, für den die Schuldenbremse reformiert wurde, wenn alle Institutionen, die für Solidarität und Zusammenhalt stehen, längst kollabiert sind? Es ist, als ob der verdächtige Lehrer in seiner Person all den Frust über das Nichtfunktionieren der Systeme aufgestaut hat, auf dass es sich nun unheilvoll entladen kann. Unser Lehrer, die tickende Bombe. Dieser "Polizeiruf" verdichtet die Stimmung von Ohnmacht und Radikalisierung, wie man das schon lange nicht mehr gesehen hat – gerade deshalb, weil die Eskalation aus dem Raum ausgeht, die man die gesellschaftliche Mitte nennt. Dass in diesem Gewaltakt von Film Raum bleibt für unerwartete Zärtlichkeiten, ist seine besondere Stärke. Königs Alkoholikervater spricht in dieser Folge einmal davon, dass er zum Trockenwerden gelernt habe, seine eigenen Verfehlungen gewahr zu werden. Er nennt das "den Kaktus umarmen". So funktioniert auch dieser "Polizeiruf". Stacheln, wo man hinschaut. Bewertung: 9 von 10 Punkten "Polizeiurf: Tu es!", Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste Kommissar-Karussell: Alle "Tatort"-Teams im Überblick