Meinung: News des Tages: Russischer Botschafter einbestellt - da wird der Putin sich aber ärgern

Datum12.12.2025 17:51

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie Bundesregierung hat den russischen Botschafter einbestellt und Russland für einen Cyberangriff sowie eine Desinformationskampagne im Bundestagswahlkampf verantwortlich gemacht. Der Botschaft wird jedoch keine drastische Strafe drohen. Zudem stieg die Zahl der ADHS-Neudiagnosen bei Erwachsenen in Deutschland in den letzten zehn Jahren signifikant an. Der "Kölner Keller" der Videobeweisstelle im Fußball zieht 2027 nach Frankfurt um, während Sebastian Kurz, ehemaliger österreichischer Kanzler, als Geschäftsmann aktiv bleibt und weiterhin mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert ist.

InhaltDie Bundesregierung bestellt den russischen Botschafter in Berlin ein (mal wieder). Die Zahl der ADHS-Neudiagnosen bei Erwachsenen steigt enorm an. Und der "Kölner Keller" wird zum "Frankfurter Flur". Das ist die Lage am Freitagabend. Die drei Fragezeichen heute: Die Bundesregierung macht Russland für einen massiven Cyberangriff und eine umfassende Desinformationskampagne im Bundestagswahlkampf verantwortlich. Das Auswärtige Amt hat deshalb heute den russischen Botschafter einbestellt (hier mehr). In der fein austarierten Welt der internationalen Diplomatie ist das ein erhobener Zeigefinger, vielleicht verbunden mit einem kräftigen Aufstampfen. Ein Signal, das Schlagzeilen macht. Aber keine Strafe, die krassere Folgen haben kann (Botschaftspersonal des Landes verweisen, die Beziehungen abbrechen, solche Sachen). Die Vorwürfe: Zum einen soll das Hackerkollektiv mit dem Spitznamen "Fancy Bear" im August 2024 die deutsche Flugsicherung angegriffen haben. Zum anderen soll eine Kampagne mit dem Namen "Storm-1516" im Bundestagswahlkampf irre Fake News verbreitet haben. "›Storm-1516‹ ist eine der schlimmsten Desinformationsschleudern im Netz, selbst für russische Standards", sagt mein Kollege Wolf Wiedmann-Schmidt. Zahlreiche Fakewebsites, die zu "Storm-1516" gehören, verbreiteten Videos mit drastischen Lügen. Sie richteten sich vor allem gegen die Union und die Grünen. Nur wenige Tage vor der Bundestagswahl tauchten schließlich Fakevideos auf, in denen behauptet wurde, die Briefwahlunterlagen seien manipuliert (hier mehr Hintergründe). Die Bundesregierung kündigte an, "eine Reihe von Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um Russland einen Preis für sein hybrides Agieren aufzuzeigen". Das wird über einen erhobenen Zeigefinger hinausgehen müssen. Sonst wird es den russischen Botschafter kaum beeindrucken. Er ist schließlich fast schon ein Dauergast im Auswärtigen Amt. Ein schneller Blick ins Archiv zeigt: In den vergangenen drei Jahren wurde er fast ein Dutzend Mal einbestellt. Die Zahl der neu diagnostizierten ADHS-Fälle bei Erwachsenen hat sich in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland verdreifacht. Das ist das Ergebnis einer Studie, über die meine Kollegin Heike Le Ker berichtet  . Dafür haben Forschende die Daten von gesetzlich krankenversicherten Erwachsenen ausgewertet. Bekamen im Jahr 2015 noch 8,6 von 10.000 Erwachsenen neu die Diagnose einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), waren es im Jahr 2024 bereits 25,7. "Analysen wie diese gab es in Deutschland bislang nicht", berichtet Heike. "Bei ADHS handelt es sich um eine Störung, die in vielen Fällen bereits seit der Geburt besteht", so Heike. "Vererbung spielt eine entscheidende Rolle bei der Entstehung, auch Schwangerschafts- oder Geburtskomplikationen sowie Vernachlässigung erhöhen das Risiko." Die Studienautoren schreiben: "Es ist anzunehmen, dass der Symptombeginn bei vielen Fällen deutlich früher lag und es sich größtenteils um verspätete Diagnosen handelt." Der berühmteste Keller des Landes zieht um, und seit heute steht der Umzugstermin fest: Die Videoschiedsrichter des deutschen Profifußballs überprüfen ab Sommer 2027 von Frankfurt am Main aus, welcher große Zeh im Abseits steht und ob ein Foul einen halben Zentimeter dies- oder jenseits der Strafraumgrenze stattfand. Der "Kölner Keller" wird dann Geschichte sein (hier mehr dazu). Zur Saison 2017/2018 eingeführt, ist das "Video-Assist-Center", so der offizielle Name, schnell zum Synonym für alles Schlechte im Fußball geworden. "Zu langsam sei er, inkompetent, zu kleinlich. Und insgesamt zu detektivisch", sagt mein Kollege Marcus Krämer, der vor einiger Zeit in Köln-Deutz als Reporter war (hier die ganze Geschichte ). "Der Fußball, das ist der Hauptvorwurf, verliere seine Einfachheit und damit an Attraktivität." Dabei mache der Videobeweis den Fußball gerechter, sagt Marcus. "Die Schimpferei über den Kölner Keller gehört längst zur Folklore und hat sich entkoppelt von den Fakten." Aber killt das bürokratische Abmessen nicht jede Emotion, jede Freude, jeden spontanen Jubel? Das kann Marcus kaum noch hören: "Dann jubelt oder heult halt zwei Minuten später." Jede Wette, das Geschimpfe wird 2027 nicht enden, nur mit der Alliteration wird es schwerer: Frankfurter Flur? Frankfurter Freifläche? Frankfurter Feststellungskammer? Seit nahezu zehn Jahren begleitet mein Kollege Walter Mayr den österreichischen Aufsteiger Sebastian Kurz: zuerst in dessen Rolle als Außenminister, dann als Bundeskanzler, dann als Comeback-Kid nach der von ihm nicht verschuldeten Ibiza-Affäre. Inzwischen ist Kurz als Geschäftsmann erfolgreich. Während die Justiz Kurz noch immer mit Korruptionsvorwürfen nachstellt, jettet der Familienvater rastlos durch die Kulissen des Big Business. Walter folgte den neuen Wegen des Ex-Kanzlers nach Tel Aviv, Prag und Wien; er staunt vor allem über die Geschmeidigkeit, mit der sich Kurz vom politischen Kontext zu lösen imstande ist: "Er wirkt auf seine ihm eigene Art vor allen Dingen eins: ganz bei sich." Kleider machen "heute", nein, "Tagesthemen": Moderatorin Jessy Wellmer, 46, passt ihre Garderobe der Nachrichtenlage an, wie sie der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagt. "Ich kann nicht Apricot, Flieder und Hellgrün anziehen, wenn die Ukraine schwere Angriffe erlitten hat." Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel. Drei Vorschläge: Sie könnten... Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende und einen schönen dritten Advent. Herzlich Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion