Datum10.12.2025 23:03
Quellewww.zeit.de
TLDRDer Artikel ermutigt die Leser, die letzten drei Strophen des Adventsgedichts "So um Dezember" von Mascha Kaléko auswendig zu lernen. Die Liedermacherin Dota Kehr empfiehlt dazu, den Text mit Melodie zu singen. Das Gedicht, das in einer angsterfüllten Zeit 1933 veröffentlicht wurde, berührt viele Menschen und bietet Trost. Leser werden eingeladen, ihre Version des Gedichts in einem Video festzuhalten. Es zeigt, wie Literatur in schwierigen Zeiten verbindet und Hoffnung gibt.
InhaltBereit für den Endspurt? Nur noch drei Strophen bis zur Bescherung. Und dann schicken Sie uns bitte ein Video Ihrer Version von "So um Dezember"! Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 50/2025. Da sind wir wieder. Schön, dass Sie noch dabei sind! Waren die ersten vier Strophen leicht? Wenn Sie noch mit ein paar Zeilen kämpfen: Es gibt da einen Trick, wie man ein Gedicht ganz leicht auswendig lernt. Wir haben den auch erst jetzt erfahren, und zwar von der Liedermacherin Dota Kehr, die schon lange Mascha-Kaléko-Lieder singt, zwei Alben mit Gedicht-Interpretationen aufgenommen und sich extra eine Melodie für unser Adventsgedicht ausgedacht hat. Ihr Trick: Sie sagt, wenn sie einen Text auswendig lernen muss, dann singt sie ihn einfach. Mit Melodie ist alles leicht. Probieren Sie es mal. Es kann irgendeine Melodie sein, die Ihnen gerade in den Sinn kommt. Oder aber Sie nehmen einfach die von Dota. Klingt das nicht so, als sei die Melodie immer schon in dem Gedicht versteckt gewesen? In dieser Woche sind die letzten drei Strophen dran. Nehmen Sie die letzte Zeile der Vorwoche – "Mein war Pu! Und ich war sieben Jahre" – als Sprungfeder für den Schlussspurt. Jetzt kommt der Elfentanz, die Goldverschnürung und das von Nina Kunzendorf so besonders lustvoll geschimpfte "Du eitle Ratte!" Außerdem die Freiheit nach der schlechten Zensur, die jetzt irgendwie egal ist, genau wie alle Art von Arbeit, Sorgen, Last und Alltag. Dass die siebenjährige Mascha Kaléko schon Tee mit Rum trinkt, bevor sie sich dem Märchenbuch zuwendet, deutet zwei Motive ihres kommenden Lebens an: eine Liebe zu geistigen Getränken aller Art – Cognac, Bockbier, Wodka, Schnaps – und ein märchenhafter Glaube an Wunder, auf die Mascha Kaléko sich ein Leben lang verlassen hat. Dieser Glaube hat sie immer aufrecht gehalten, gerade in den schwersten Zeiten. Als dieses Gedicht erstmals erschien, konnte sie diesen Wunderglauben gut gebrauchen. Am 9. Dezember 1933 wurde es im Berliner Tageblatt in der Beilage Haus – Hof – Garten veröffentlicht. Eine angsterfüllte Zeit für die Jüdin Mascha Kaléko, deren erster Gedichtband Das Lyrische Stenogrammheft ausgerechnet im Januar 1933 erschienen war und auf rätselhafte Weise bei der Bücherverbrennung im Mai 1933 übersehen wurde. Erstaunlich eigentlich, dass deutsche Tageszeitungen Gedichte einer jüdischen Dichterin überhaupt noch druckten. Aber 1934 konnte sogar noch ein zweiter Gedichtband von ihr erscheinen. Es war Glück. Ein kleines Wunder. Seit wir hier gemeinsam mit Ihnen dieses Gedicht auswendig lernen, haben uns so unglaublich viele Grüße, Nachrichten und dankbare Kommentare erreicht, auf Instagram wurde die Lesung von Nina Kunzendorf fast 600.000-mal angesehen und 26.000 Menschen haben ein Herz für sie dagelassen. Es ist ein kleines Mascha-Wunder, wie ein fast 100 Jahre altes Gedicht so viele Menschen noch immer freut und berührt. Und dann hat uns vor ein paar Tagen diese Mail von Joachim Steinmetz aus Hemmingen erreicht. Er schreibt, dass das Gedicht ihm gerade durch eine traurige Zeit hilft, "wie ein Geschenk vom Himmel". Sein Vater lag im Krankenhaus, in kritischem Zustand, "meine 87-jährige Mutter ist zerfressen von Angst und Sorge und findet keine Ruhe mehr". Aber sie liebt Gedichte, Mascha Kaléko besonders. "Da entsteht eine Idee: Dieses Gedicht gemeinsam mit meiner Mutter auswendig lernen, in dieser belastenden Zeit, trotzdem und gerade deswegen!" Neben Begriffen wie Reanimation, Intubation und Lungenentzündung geht es in den Gesprächen der Familie plötzlich auch um Lamettaschimmer, Wattetupfen und Dezemberschnupfen, "gemeinsam hangeln wir uns durch die Zeilen und Strophen". Den zweiten Advent hat der Vater leider nicht mehr erlebt, erstmals wird er an Weihnachten fehlen. "Dann werden wir uns das Gedicht zusammen aufsagen", schreibt Joachim Steinmetz. "Wahrscheinlich werden wir dabei weinen. Aber wir werden uns tief verbunden fühlen." In welcher Lebenssituation auch immer Sie, liebe Leserinnen und Leser, das Gedicht erreicht hat: Wir freuen uns, wenn Sie die letzten drei Strophen noch lernen. Es läuft ja alles auf die letzten beiden Zeilen hinaus, die in traurigschönen Worten davon erzählen, dass wir nicht zu lange auf das Glück warten sollen, auf irgendeine Zeit, in der wir angeblich "groß" sind, oder sogar "klug". Die Zeit des "klein und dumm" ist in Wahrheit schon ziemlich perfekt. Mascha Kaléko So um Dezember Weißt du noch …? In zarten WattetupfenSchüttete der Himmel ersten Schnee.Puttel tat der Hals ein bisschen weh,Und du hattest den Dezemberschnupfen. Weißt du noch, es war so still im Zimmer.Schularbeiten waren längst gemacht.Überm Frost lag sanft Lamettaschimmer.Beckers unten übten "... Stille Nacht!" Weißt du noch, wir sollten’s noch nicht wissen:Aus dem Schubfach roch’s nach Marzipan ...Und wir "staunten" – schurkenhaft gerissen –Als wir dann die "Überraschung" sahn. Deine "Tilda" hatte echte Haare!- Ach, und Pu, mein süßer Elefant,Der so lang im Kaufhausfenster stand.Mein war Pu! Und ich war sieben Jahre. Nächsten Tag um vier war Schulaufführung,Und ich machte mit beim Elfentanz.Und ganz vorne saß der Onkel FranzUnd der sah mich in der Goldverschnürung! Mutti lachte über die Frisur.Vater brummte nur: "... Du eitle Ratte!"Doch er sagte nichts zu der Zensur,- Wo ich doch 'ne Vier in Rechnen hatte. Abends gab es dann noch Tee mit RumUnd das Glück im Märchen-Grimm zu lesen.- Damals hieß man uns noch klein und dumm.... "Groß" und "klug" ist’s nie so schön gewesen. Und jetzt kommt noch das Wichtigste: Wir würden uns sehr, sehr freuen, wenn Sie ein Video von sich aufnehmen, das Gedicht aufsagen und es uns schicken – es reicht auch eine einzelne Strophe. Entweder per E-Mail an gedicht@zeit.de, Dateien über 50 MB lieber per WhatsApp über diesen Link. Bitte filmen Sie sich im Hochkantmodus ohne störende Hintergrundgeräusche. Und wir schneiden aus den Videos, die uns erreichen, ein großes Weihnachtsvideo zusammen. Die Redaktion macht auch mit. Kommen Sie schon! Tee mit Rum, klein und dumm – es ist ganz leicht und wir zusammen werden großartig aussehen und klingen. In Goldverschnürung oder ohne! Sie dürfen auch singen, viel Spaß! Grafik: Jenni Kuck Bildredaktion: Michael Pfister Originaltext aus: Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft; Erstveröffentlichung: 1956 Rowohlt Verlag, Hamburg © 2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München. Nutzung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des dtv Verlags; www.dtv.de Durch das Hochladen eines Videos erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir das Video als Ganzes oder in Teilen veröffentlichen. Bitte laden Sie keine Videos von anderen Personen ohne deren ausdrückliche Zustimmung hoch. 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