Meinung: Die Lage am Morgen - Jetzt wissen auch die chinesischen Chabos, wer der deutsche Babo ist

Datum09.12.2025 05:36

Quellewww.spiegel.de

TLDRAußenminister Johann Wadephul zeigt sich in der Diplomatie robust und konfrontativ, zuletzt bei seiner Syrienreise und während seines Besuchs in China, wo er über die Abhängigkeit von seltenen Erden spricht. Zudem droht ein neuer Rentenstreit, da SPD-Vorsitzende Bärbel Bas vorschlägt, die Anzahl der Beitragsjahre als Kriterium für den Renteneintritt zu nutzen. María Corina Machado, venezolanische Oppositionspolitikerin, erhält den Friedensnobelpreis, trotz umstrittener Unterstützung durch die USA.

InhaltAußenminister Wadephul bringt eine neue Hartgekochtheit in die Diplomatie. Die Debatte über das Renteneintrittsalter nimmt Fahrt auf. Eine Trump-Anhängerin bekommt den Friedensnobelpreis. Das ist die Lage am Dienstagmorgen. Heute geht es um Außenminister Wadephuls Robustheit, um den vielleicht nächsten Rentenstreit und um die Überreichung des Friedensnobelpreises an die venezolanische Oppositionspolitikerin María Corina Machado. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Es ist schon erstaunlich, was sich Johann Wadephul auf internationaler Ebene traut, ohne davor und danach groß Aufhebens darum zu machen. Da reiste er Anfang November nach Syrien und sagte angesichts der Zerstörung, die er sah, dass Menschen dort kaum richtig in Würde leben können (mehr dazu hier). Er nannte das kaputte Land ein kaputtes Land, kein Geschwurbel, Beschönigen, Weglächeln. Noch bevor der Mann wieder zu Hause ankam, hatten viele Menschen Puls. Besonders viele Prügel gab es aus dem eigenen Lager, sogar über Rücktritt wurde offenbar gesprochen (mehr dazu hier  ). Politische Gegner hingegen stärkten Wadephul den Rücken. "Ich habe das bewusst gesagt und nichts zurückzunehmen", sagte der deutsche Außenminister nach einer Fraktionssitzung. Er hat den Sturm ausgehalten und Kontur gewonnen. Jetzt also China. Noch bis Mittwoch ist Wadephul dort. Es ist eine Reise, die bereits für Oktober geplant war, die er aber wenige Tage zuvor abblies, weil nicht genug Gesprächspartner zur Verfügung standen – ein Affront. Zuvor hatte Wadephul Chinas "zunehmend aggressives" Verhalten gegenüber Taiwan kritisiert (hier  mehr dazu, wie Peking seinen Anspruch auf Taiwan begründet). Vor allem der Koalitionspartner SPD empörte sich, die Chinesen waren verschnupft. Die klare Kante hat sich aber gelohnt: Der Terminkalender des Außenministers ist nun voll mit hochrangigen Gesprächspartnern in Peking. Es geht um viel: Deutschland ist, wie der Rest der Welt, von Chinas seltenen Erden abhängig. Die hat Peking mit komplexen Ausfuhrgenehmigungen belegt, die deutschen Unternehmen das Leben schwer machen. Doch in diesem Punkt könnte es jetzt Bewegung geben. Ganz so einseitig ist die Beziehung dann doch nicht, wie meine Kollegen Christoph Schult und Georg Fahrion schreiben: Deutsche Firmen schaffen Hunderttausende Arbeitsplätze und haben "reichlich Technologie transferiert, von der nun beispielsweise Chinas aufblühende E-Auto-Branche profitiert." Ein wenig Selbstbewusstsein schadet also nicht – auch nicht gegenüber einer aufstrebenden Supermacht. Ich hatte an dieser Stelle schon einmal erwähnt, dass das Wort "Rente" auf mich lange eine ähnliche Wirkung hatte wie überdosierter Lavendeltee, aber die aktuelle Bundesregierung und meine Kolleginnen und Kollegen aus den zuständigen Ressorts schaffen es, dass das Thema eine ungeahnte Spannung erfährt. Das Land hat gerade den einen Rentenstreit hinter sich gebracht (lesen Sie hier  dazu mehr). Nun droht der nächste Streit, der größer werden könnte – er riecht förmlich nach Kulturkampf: SPD-Chefin Bärbel Bas brachte eine Idee in die Rentendebatte, wonach nicht das Alter, sondern die Anzahl der Beitragsjahre über den Renteneintritt entscheiden solle (mehr dazu hier). Hieße: Häufig besserverdienende Akademiker könnten erst später beginnen, den Lebensabend zu genießen. Die Idee stammt von Jens Südekum, einem Professor für Volkswirtschaftslehre, der Finanzminister Lars Klingbeil berät. Er glaubt, das sei gerechter. Widerspruch kam postwendend (mehr dazu hier). Der Wirtschaftsweise Martin Werding, Professor für Sozialpolitik und Öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität Bochum, ist nicht überzeugt: "Akademiker starten meist später in das Berufsleben. Das bedeutet aber auch, dass sie in dieser Zeit ohne Einkommen noch keine Rentenansprüche aufbauen können – anders als Handwerker zum Beispiel", sagt er im Interview, das mein Kollege Benjamin Bidder geführt hat. Rentenansprüche würden durch Einzahlungen erwachsen, nicht durch Berufsjahre, so funktioniere das System. Eigentlich müssen alle länger arbeiten, damit es hält. Aber in Deutschland gäbe es eine Realitätsverweigerung, so Werding: "Wir wollen so viel Rente wie früher, aber länger leben – und das soll eine kleinere Generation bezahlen." Kann man als Frau des Friedens US-Präsident Donald Trump anhängen – der gerade vor der eigenen Haustür die militärischen Muskeln spielen lässt und auch mit Angriffen im Land droht (mehr dazu hier )? María Corina Machado kann. Das norwegische Nobel-Komitee findet das auch und hat die venezolanische Oppositionspolitikerin ausgezeichnet, die 2024 wochenlang Proteste gegen die gefälschten Wahlergebnisse in ihrem Land organisierte. Heute wird die Preisträgerin, die sich an einem geheimen Ort in Venezuela vor Diktator Nicolás Maduro versteckt, in Oslo erwartet. Dort soll sie am Mittwoch den Preis überreicht bekommen. Ob Maduro sie ausreisen (und später wieder einreisen) lässt, ist unklar. Gegner ihrer Auszeichnung werfen der 58-Jährigen vor, dass sie das Vorgehen der Amerikaner unterstützt. Seit Wochen schießen die mutmaßliche Drogenschmuggler im Meer ab, aber eigentlich geht es darum, Maduro aus dem Amt zu drängen (mehr dazu hier ). Machado ist nicht die erste umstrittene Friedensnobelpreisträgerin. Weder US-Außenminister Henry Kissinger, noch Staatsmänner wie Menachem Begin oder Anwar el-Sadat waren Männer der Gewaltlosigkeit (oder in der jüngeren Geschichte: Barack Obama oder der äthiopische Regierungschef Abiy Ahmed). Ahmed erhielt den Preis 2019 für den Frieden mit Eritrea und führte kurz darauf einen blutigen Krieg in der Region Tigray. Noch mehr Rätsel wie Viererkette, Wordle und Paarsuche finden Sie bei SPIEGEL Games. …ist unsere Kollegin, die Journalistin Ghada Alkurd aus Gaza, die gestern Abend den Reporter:innenpreis in der Kategorie Sonderpreis erhalten hat. Ohne die 39-jährige Mutter zweier Töchter hätte der SPIEGEL nicht in der gleichen Weise über den Krieg im Gazastreifen berichten können – Israel verwehrt nach wie vor unabhängiger internationaler Presse den Zugang. Alkurd, die auch für die BBC arbeitet, hat über den brutalen Alltag des Krieges berichtet: über Zerstörung, Flucht und Vertreibung, den Verlust von Angehörigen und Freunden, den Hunger. Von all dem war die Journalistin auch selbst betroffen und ist stets Profi geblieben. In seiner Laudatio sagte der ehemalige "heute-journal"-Moderator Claus Kleber: "Wir hätten gar keine Augen und Ohren in einem Krieg von globaler Bedeutung, wären da nicht mutige, aufrechte Menschen, die für die Redaktion bei uns Augen und Ohren offen halten. Menschen wie Ghada Alkurd." Beim Schwitzen im Studio setzt das Unternehmen Les Mills auf Gruppenkurse mit Eventcharakter und "emotionale Ansteckung". Mehr als 100.000 Instruktoren unterrichten der Fitnessfirma zufolge weltweit, Deutschland sei der drittgrößte Markt. Die Work-outs sprechen vor allem die Gen Z an. Wie schafft Les Mills das? Und wie effizient sind die Kurse wirklich?  Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag. Ihre Özlem Topçu, Leiterin des SPIEGEL-Auslandsressorts