Datum08.12.2025 09:33
Quellewww.spiegel.de
TLDRIm Bistum Passau wurden seit 1945 mindestens 672 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt, wie eine neue Aufarbeitungsstudie zeigt. Unter der Leitung von Historiker Marc von Knorring wurden über 100 potenzielle Täter identifiziert. Die Studie kritisiert, dass der Schutz der Institution oft über das Wohl der Betroffenen gestellt wurde. Ziel ist es, die Betroffenen zu unterstützen und das Bewusstsein in der Gesellschaft zu schärfen. Die Ergebnisse basieren auf einer umfassenden Untersuchung, die im Kontext der 2018 veröffentlichten MHG-Studie steht.
InhaltSeit 1945 sind im Bistum Passau Hunderte Minderjährige durch katholische Geistliche sexuell missbraucht oder misshandelt worden. Das fand eine neue Aufarbeitungsstudie heraus. Ihr Leiter spricht von über 100 möglichen Tätern. Die Aufarbeitung tausender Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche kommt einen Schritt weiter: Drei Jahre lang hat ein Team an der Missbrauchsstudie für das Bistum Passau gearbeitet. Jetzt liegen die Ergebnisse vor: Laut der Nachrichtenagentur KNA wurden in Passau seit 1945 mindestens 672 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht oder körperlich von Geistlichen misshandelt. Die Universität Passau veröffentlicht am Montag die Ergebnisse einer Aufarbeitungsstudie mit dem Titel "Sexueller Missbrauch und körperliche Gewalt. Übergriffe auf Minderjährige durch katholische Geistliche im Bistum Passau 1945 bis 2022". Leiter war der Historikers Marc von Knorring. Laut von Knorring waren nicht nur die mindestens 154 Beschuldigten oder überführten Täter verantwortlich. Grund seien auch "Denk- und Handlungsweisen innerhalb des Systems Kirche" gewesen. Sie hätten in der Vergangenheit dazu geführt, dass in vielen Fällen der Schutz der Institution und Priesterschaft über das Wohl von Betroffenen gestellt worden sei. Viele Betroffene litten ihr Leben lang unter diesen Erfahrungen und deren Folgen, so Professor Marc von Knorring. Ziel der Studie sei es, die Menschen in ihrem Kampf um Anerkennung und angemessene Würdigung zu unterstützen. Zudem solle die Gesellschaft für das Thema sensibilisiert werden. Seit 2010 habe das Bistum aber nach und nach vieles an Prävention und Aufarbeitung geleistet. Erst in diesem Frühjahr wurde ein Pfarrer suspendiert. Er soll mit seinen Schützlingen exzessiv Alkohol getrunken und Grenzen überschritten haben. Ende November hatten die Forscher die Studie bereits der Unabhängigen Aufarbeitungskommission und dem Unabhängigen Betroffenenbeirat des Bistums sowie Bischof Stefan Oster übergeben. Hintergrund ist die im Jahr 2018 veröffentlichte sogenannte MHG-Studie der katholischen Kirche in Deutschland. Diese listete tausende Missbrauchsfälle, Täter und Opfer auf. In der Folge begannen die Bistümer mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung, darüber hinaus gab und gibt es für Betroffene Anerkennungsleistungen.