Meinung: Rente: Was jetzt auf Sie zukommt

Datum06.12.2025 07:50

Quellewww.spiegel.de

TLDRDie Koalition hat ein Rentenpaket beschlossen, um die gesetzliche Rente zu sichern und die Altersvorsorge zu verbessern. Geplant sind Anreize für längeres Arbeiten, höhere Mütterrenten und eine Stärkung der Betriebs- und Privatvorsorge. Die Reformkommission soll bis Juni 2026 Vorschläge erarbeiten, um den Lebensstandard im Alter zu sichern. Insbesondere Frauen und Menschen mit niedrigem Einkommen stehen im Fokus. Herausforderungen bleiben, darunter die Lösung der Kitakrise und die Einbeziehung von Selbständigen in das Rentensystem.

InhaltMit Ach und Krach hat sich die Koalition auf ein Rentenpaket geeinigt. In den kommenden Monaten geht es nun darum, was sich künftig ändern und wer zum Beispiel länger arbeiten muss. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Diese Woche ging es um die Wurst – weniger für die Rente als vielmehr für die Koalition. SPD und Union hatten in ihren Koalitionsverhandlungen schnelle Schritte zur Verbesserung bei der Rente versprochen. Die Signale sollten eindeutig sein: Die gesetzliche Rente ist sicher, die Betriebsrente wird besser und einfacher, private Altersvorsorge soll preiswerter und für ärmere Haushalte stärker gefördert werden. So viele Rentnerinnen und Rentner wie möglich sollen freiwillig länger arbeiten, um den Fachkräftemangel zu lindern und die Rentenkasse zu entlasten. Und die Mütter aus der Boomergeneration und die noch Älteren sollen mehr Mütterrente bekommen. Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von "Finanztip" und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. "Finanztip"  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken "Finanztip" bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "taz". Dort war er jahrelang ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld. Kanzler Friedrich Merz und SPD-Chef Lars Klingbeil wollten Tatkraft beweisen in der Auseinandersetzung mit der AfD. Gleichzeitig konnte der Kanzler in Frankreich beobachten: Mit einer Rentenpolitik gegen die Boomer kommt man nicht weit – die französische Regierung hat im Sommer 2025 die zuvor beschlossene Rentenreform mit den geplanten längeren Lebensarbeitszeiten teilweise ausgesetzt, um politisch zu überleben. Und so kostet das jetzt beschlossene Rentenpaket erst mal eine Menge Geld – zumal denkbare Maßnahmen für Einsparungen bei der Rente und höhere Beitragseinnahmen nicht zum Sofortprogramm dazugehören. Darüber kann man sich richtig ärgern – das tun viele Abgeordnete in der Union ja auch. Im nächsten Schritt müssen für die gesetzliche Rente mehr Einnahmen her, damit sie bezahlbar bleibt. Und für die anderen beiden Säulen – betrieblich und privat – bessere Rahmenbedingungen, damit mehr Bürgerinnen und Bürger mitmachen. Am einfachsten geht das mit den Einnahmen, wenn mehr Menschen länger arbeiten. Das heißt: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sollte es so leicht und attraktiv wie möglich gemacht werden, länger zu arbeiten. Ihre Arbeitgeber müssen dafür weiter in die Rente einzahlen. Der Anschub mit der Aktivrente, also der Möglichkeit, die ersten 2000 Euro im Monat steuerfrei zu verdienen, kostet den Staat erst einmal Geld. Sollten sich allerdings viele ältere Arbeitnehmer fürs Weiterarbeiten entscheiden, brächte das für die Rentenversicherung trotzdem ein Plus. Die Herausforderung: Die Anstrengungen der Wirtschaft, erfahrene ältere Mitarbeiterinnen mit attraktiven Angeboten im Job zu halten, muss man immer noch mit der Lupe suchen. Auch die Steigerung der Frauenerwerbsquote sind die Arbeitgeber bislang nicht allzu offensiv angegangen, viele Männer der Teilzeit arbeitenden Frauen auch nicht. Dabei sollten Frauen in Deutschland im aktuellen System unbedingt mehr Stunden arbeiten. Es kann nicht sein, dass sie im Schnitt rund 16 Prozent weniger Lohn pro Stunde bekommen und dann auch noch deutlich weniger Stunden bezahlt arbeiten. Hier zeigt sich: Wer wirklich etwas am Rentensystem verbessern möchte, wird auch außerhalb des Systems ansetzen müssen. Für die Frauen selbst: Augen auf bei der Berufswahl, die ist der wesentliche Faktor für die niedrigeren Stundenlöhne der Frauen. Sollen mehr Frauen länger arbeiten, muss aber auch dringend die seit Jahren schwelende Kitakrise gelöst werden. Was die Situation besonders prekär macht: Frauen legen in Deutschland im Schnitt auch privat deutlich weniger fürs Alter zurück als Männer. Nach einer im Auftrag von "Finanztip" durchgeführten Umfrage  kann jede vierte Frau weniger als 100 Euro im Monat für Altersvorsorge sparen, bei Männern sind es nur 13 Prozent. Beides zusammen erhöht die Gefahr Altersarmut für Frauen deutlich. Die Rentenversicherung hat meinen Kolleginnen und Kollegen bei "Finanztip" verraten: Die ausgezahlte Altersrente, also nach Sozialversicherungsbeiträgen, aber ohne Steuer, lag 2024 bei Frauen im Median bei 940,90 Euro. Bei Männern waren es 1469,61 Euro. Median heißt, dass die Hälfte der ausgezahlten Renten niedriger, die andere Hälfte höher ist. Und schließlich sollten mittelfristig Beamte und Selbstständige in die Rentenkasse einbezogen werden. Für viele Selbstständige existiert derzeit keine ausreichende Altersvorsorge, wodurch sie dann im Alter auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Viele Selbstständige gehören sogar zu den Ärmeren im Lande, zumindest im Alter. Das sagt der letzte Alterssicherungsbericht der Bundesregierung von 2024. In Österreich sind Selbstständige längst Teil des gesetzlichen Rentensystems – ein Modell, das auch die OECD für Deutschland empfiehlt. Genug Arbeit also für die Rentenreformkommission, die die Koalition noch im Dezember einsetzen will. Bis Ende Juni 2026 soll sie Vorschläge für eine umfassende Reform der Alterssicherung in Deutschland vorlegen. Und sie soll auch gleich dazusagen, wer dabei gewinnt oder verliert. Im Politikjargon: Die "Auswirkungen verschiedener Reformansätze auf verschiedene Bevölkerungsgruppen" sollen mit untersucht werden. Besonderes Augenmerk gelte Frauen sowie Menschen mit niedrigem Einkommen. Aber auch die Normalverdiener soll die Reformkommission nicht aus den Augen verlieren. Die Kommission hat explizit den Auftrag, sich um die Lebensstandardsicherung für alle im Alter zu kümmern – im Zusammenspiel von gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge. Die kniffeligste Frage ist zunächst: Wie erreicht die Politik, dass mehr Boomer länger arbeiten – am liebsten freiwillig? Die Rente mit 67 als Regel wird 2031 erreicht. Eine weitere Erhöhung der Regelaltersgrenze für alle schadet dann vor allem den angehenden Rentnern mit niedriger Lebenserwartung – das sind, Stand heute, vor allem Männer mit niedrigen Renten. Trotzdem und zu Recht steht im aktuell geplanten Prüfauftrag die "schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters im Einklang mit der steigenden Lebenserwartung". Das entspricht auch den OECD-Empfehlungen für Deutschland, weil die Zahl der Beitragszahler deutlich sinkt. Der nächste Drehpunkt bei der gesetzlichen Rente sind die aktuellen Zu- und Abschläge bei frühem Rentenbeginn oder Weiterarbeit. Die Bundesbank hält zum Beispiel die heutigen Abschläge für zu niedrig, wenn man deutlich vorzeitig in Rente geht. Aktuell werden für jeden Monat früher in Rente 0,3 Prozent vom Rentenanspruch abgezogen, die Bundesbank meint, es müssten 0,42 Prozent sein. Die Kommission soll außerdem prüfen, ob die Rente künftig langsamer steigen soll als die Löhne – Stichwort Nachhaltigkeitsfaktor. Dann reagieren die Renten direkt auf das Verhältnis von Rentnern zu Beitragszahlern. Ergebnis: langsamer steigende Renten und auf Dauer ein vergleichsweise niedrigerer Lebensstandard für Rentnerinnen und Rentner. Je härter die Einschnitte werden, desto wichtiger wird der Ausbau der Grundrente für alle, denen die Rente dann nicht mehr zum Leben reicht. 2024 lag der durchschnittliche Grundrentenzuschlag bei rund 86 Euro, etwa 1,1 Millionen Menschen profitieren davon . Die größte Chance auf individuell bessere Absicherung des Lebensstandards im Alter bieten aktuell sicher weltweit anlegende Indexfonds, sogenannte ETFs: "Finanztip" zeigt regelmäßig , dass ETF-Lösungen ein Vielfaches günstiger sind als klassische Rentenversicherungen. Die Ampelkoalition hatte kurz vor ihrer Implosion ein durchaus vielversprechendes Modell vorgestellt: das Altersvorsorgedepot. Also die Möglichkeit, in einem Depot steuerfrei in Fonds, am besten ETFs, einzahlen zu können. In der Rente kann man die Anteile dann peu à peu verkaufen und darauf dann auch Steuern zahlen. Dabei geht es dann wirklich um die Wurst, die ja bekanntermaßen zwei Enden hat. Ob es das bessere Ende der beiden wird, bestimmen Sie mit.