Datum05.12.2025 16:14
Quellewww.zeit.de
TLDRDer Artikel kritisiert die unterwürfige Dankbarkeit junger deutscher Journalisten in ihren Instagram-Stories, die sich für ihre Arbeit bedanken, als sei es ein Privileg zu schreiben. Während in den USA ein selbstbewussterer Ton vorherrscht, schlägt in Deutschland die Dankesformel oft in servile Höflichkeit um. Der Autor fordert dazu auf, sich des eigenen Wertes bewusst zu werden und mehr Selbstbewusstsein zu zeigen, anstatt in eine Kultur der Anbiederei zu verfallen.
InhaltAuf Instagram bedanken sich Menschen immerzu für irgendetwas und bei irgendwem. Warum tun das auch junge deutsche Journalisten – dafür, dass sie einfach gearbeitet haben? Wer heute in Deutschland für Zeitungen schreibt, der hat, verdammt noch mal, dankbar zu sein! Zumindest könnte man das denken, wenn man sich durch die Insta-Stories junger Journalisten klickt. Überall dieselbe unterwürfige Höflichkeitsformel neben dem Link zur neuen Arbeit: "Ich durfte ein Interview mit dieser Band führen", "Ich durfte eine ganze Seite in jener Zeitschrift vollschreiben" oder "Ich durfte meine Meinung in einem Podcast sagen". Die Idee dahinter – den Followern einen schnellen Einblick in die eigene Arbeit zu geben – ist eigentlich gar nicht schlecht. Und natürlich stammt sie, wie fast jeder gute Einfall in diesem Land, aus den USA. Nur würde dort kein Journalist jemals schreiben "I had the honor of expressing my opinion in a podcast", sondern "It was a pleasure to be there" – selbstbewusst und ein bisschen großspurig. In Deutschland aber verwandelt sich derselbe Impuls sofort in einen Hofknicks, der klingt, als müsse man dankbar sein, gearbeitet zu haben. Marx kriegt die Krise. Der Ton erinnert übrigens auch an die servile Nachwortkultur junger Schriftsteller, die sich seit einiger Zeit auf den letzten Seiten ihrer Bücher ausführlich bei Verleger und Lektor bedanken. Wobei das wenigstens ehrlich ist: Dass erfolgsversessene Autoren von ihren Arbeitgebern während des Schreibprozesses händchenhaltend begleitet werden, ist im infantilen Zeitalter längst zur Normalität geworden. Schreibende, ist es nicht an der Zeit, den Ruhm zu vergessen? Habt keine Angst vor Vorgesetzten, fordert lieber mehr Geld von ihnen – und denkt dran: Ohne euch würde kein Verlag und keine Zeitung überhaupt existieren.