Kinderwunsch-Behandlung wie IVF: Rate für Mehrlingsgeburten sinkt

Datum30.11.2025 17:10

Quellewww.spiegel.de

TLDRIn Deutschland wurden seit 1997 fast 434.000 Babys durch Kinderwunschbehandlungen geboren. Die Mehrlingsgeburtenrate sank erstmals unter zehn Prozent, was ein geringeres Risiko für Mütter und Kinder bedeutet. Heute wird meist nur noch ein Embryo eingesetzt, was die Erfolgsquoten beeinflusst. Die Behandlung von alleinstehenden Frauen und lesbischen Paaren nimmt zu. Erfolgsraten variieren stark mit dem Alter der Mütter. Die Daten zur Kinderwunschmedizin werden seit 1997 erfasst, wobei viele Behandlungen erfolglos bleiben.

InhaltHunderttausende Kinder sind in Deutschland nach Kinderwunschbehandlungen zur Welt gekommen. Oft wird der Frau dafür heute nur noch ein Embryo eingesetzt. Auch gesellschaftliche Trends verändern die Statistik. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. In Deutschland sind seit dem Jahr 1997 fast 434.000 Babys nach einer Kinderwunschbehandlung geboren worden. Das entspricht der Einwohnerzahl von Saarbrücken und Chemnitz zusammen, wie das Deutsche IVF-Register am Samstag in Düsseldorf unter Berufung auf aktuelle Daten mitteilte. Heute sitzen damit rein rechnerisch in jeder Schulklasse ein bis zwei Kinder, die mithilfe der Kinderwunschmedizin gezeugt wurden. Als "Meilenstein" bezeichnete es das IVF-Register in seinem aktuellen Jahrbuch, dass die Rate von Mehrlingsgeburten nach künstlicher Befruchtung erstmals unter zehn Prozent liegt. Dies bedeute ein geringeres Risiko für Mütter und Kinder. Während Frauen nach erfolgreicher Behandlung früher häufig zwei oder mehr Embryonen eingesetzt wurden für gute Chancen auf ein Kind, wird heute meist nur noch ein einzelner Embryo in die Gebärmutter eingesetzt, um eine Schwangerschaft zu erzielen. Im Jahr 2017 waren noch 22 Prozent aller durch sogenannte In-vitro-Fertilisation (IVF) erzielten Geburten Mehrlingsgeburten. 2023 sank dieser Anteil auf 9,3 Prozent. Mehrlingsschwangerschaften bergen das Risiko von Fehl- und Frühgeburten oder Entwicklungsstörungen beim Kind. Im europäischen Vergleich liege Deutschland damit aber immer noch im oberen Bereich. Länder wie Skandinavien oder die Niederlande hätten Mehrlingsgeburten von unter fünf Prozent, heißt es von Seiten der Experten. Bei der In-Vitro-Fertilisation werden einer Frau nach einer Hormonbehandlung reife Eizellen entnommen und in einer Laborschale mit Spermien des Mannes befruchtet. Nach wenigen Tagen werden der Frau die befruchteten Eizellen oder eine Eizelle wieder eingepflanzt. Man spricht bezüglich IVF auch häufig von "Befruchtung im Reagenzglas". In mehr als der Hälfte der Fälle liegt die Ursache der Kinderlosigkeit den Angaben zufolge beim Mann, häufig bedingt durch eingeschränkte Spermienqualität. Die Behandlungen von Solomüttern, die ihr Kind bewusst ohne Mann aufziehen wollen, sowie von lesbischen Paaren, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Behandlungen wie In-vitro-Fertilisation und Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) mit Spendersamen nehmen generell zu. Nach 1129 Behandlungen im Jahr 2018 hat sich deren Zahl 2023 auf 3177 Fälle fast verdreifacht. ICSI ist eine zusätzliche Methode der künstlichen Befruchtung, wenn die Samenzellen weder im Eileiter noch im Laborglas eine Eizelle befruchten können. Dabei wird eine Samenzelle mithilfe einer extrem feinen Nadel direkt in eine zuvor entnommene Eizelle injiziert. Der Erfolg einer Kinderwunschbehandlung hänge stark vom Alter der Mutter ab, heißt es in dem Jahrbuch. In der Altersgruppe von 30 bis 34 Jahren lägen die Chance auf eine Schwangerschaft pro Embryotransfer bei 39 Prozent und die Geburtenrate bei 30,9 Prozent. Anders sehe das bei den Kinderwunschpatientinnen der Altersgruppe von 41 bis 44 Jahren aus. "Die Schwangerschaftsraten pro Embryotransfer sinken um mehr als 20 Prozentpunkte auf 17,1 Prozent und die Geburtenrate liegt mit 9,3 Prozent gar unter zehn Prozent", sagte der Vorstandsvorsitzende des Deutschen IVF-Registers, Andreas Tandler-Schneider. Der Kinderwunsch solle aus medizinischer Sicht nicht immer weiter auf später verschoben werden. Seit 1997 werden die Behandlungsdaten zur Kinderwunschmedizin in Deutschland elektronisch dokumentiert. Seit diesem Zeitpunkt wurden mehr als 2,6 Millionen Behandlungen erfasst – viele sind aber auch nicht erfolgreich.