Datum30.11.2025 10:23
Quellewww.spiegel.de
TLDRDas Klaasohm-Fest auf Borkum, traditionell geprägt von Gewalt gegen Frauen, soll in diesem Jahr friedlicher gefeiert werden. Ein Schutzkonzept sorgt für Sicherheit und Respekt. Maskierte Männer, die zuvor Frauen mit Kuhhörnern malträtiert hatten, verzichten auf Gewalt. Der Verein Borkumer Jungens und Bürgermeister Jürgen Akkermann betonen die Bedeutung von Rücksichtnahme und Gemeinschaft. Das Fest wird als lokales Ereignis vermarktet, wobei Sicherheitsmaßnahmen wie Ordner und Anlaufstellen für Frauen eingerichtet wurden, um unangenehme Situationen zu vermeiden.
InhaltAuf Borkum gehörte Gewalt zur Tradition: Frauen wurden auf offener Straße von kostümierten Männern gefangen und mit Kuhhörnern malträtiert. Ein Schutzkonzept soll nun ein friedliches Klaasohm-Fest gewährleisten. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Eine problematische Tradition soll ihr Ende gefunden haben: Am Nikolaus-Vorabend soll es auf Borkum erneut friedlich zugehen. Bislang floss am 5. Dezember auf der Nordseeinsel traditionell zuerst Alkohol – dann machten maskierte Männer Jagd auf Frauen. "Klaasohm" heißt das Fest der anonymen Übergriffe auf der 5000-Einwohner-Insel. Junge, unverheiratete Männer verkleideten sich mit Masken, Schafsfellen und Vogelfedern als sogenannte Klaasohms, ausgestattet waren alle mit Kuhhörnern. Sie zogen mit Getöse von Haus zu Haus, ließen sich feiern und verschenkten Honigkuchen – allerdings gehörte auch das Schlagen mit Kuhhörnern zu dem Brauch. Nach heftiger öffentlicher Kritik im vergangenen Jahr wird auch in diesem Jahr auf die Prügel verzichtet. Das hatte der Verein Borkumer Jungens, der das Klaasohm-Fest veranstaltet, bereits im vergangenen Jahr angekündigt. Ein Bericht des ARD-Magazins "Panorama" hatte 2024 gewalttätige Übergriffe auf Frauen bei einem vergangenen Fest auf der ostfriesischen Insel dokumentiert. In dem Beitrag berichteten Borkumerinnen anonym von aggressiven Übergriffen während eines früheren Klaasohm-Festes. Ein Team filmte, wie Frauen bei einem vorherigen Fest auf der Straße von "Fängern" festgehalten wurden und ihnen die verkleideten Klaasohms mit einem Kuhhorn auf den Hintern schlugen. Danach gab es bundesweit Empörung über die Gewalt. Der Verein Borkumer Jungens kündigte an, Klaasohm solle wieder das werden, was es sein solle: "Ein sicheres und verbindendes Fest für die Borkumerinnen und Borkumer", heißt es in einem kürzlich erschienenen Bericht des Borkumer Inselmagazins "Borkum erleben", den auch die Stadt auf ihrer Website veröffentlichte. Im Mittelpunkt stünden Respekt, Rücksichtnahme und ein harmonisches Miteinander. Der Verein Borkumer Jungens lehnte ein Interview zum diesjährigen Klaasohm-Fest auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa ab. Auch an diesem Klaasohm solle es wieder ein Schutzkonzept geben, sagt Inselbürgermeister Jürgen Akkermann (parteilos). Das Konzept des vergangenen Jahres habe sich bewährt. Neben der Polizei waren 2024 bei den Umzügen Ordner-Teams mitgelaufen. Zusätzlich hatte die Stadt eine Telefonnummer und Räume eingerichtet, wo sich Frauen melden konnten, sollte es zu gefährlichen oder unangenehmen Situationen kommen. "Diese Hilfsangebote stellen die wesentliche Veränderung und Weiterentwicklung gegenüber früherer Jahre dar. Ansonsten wird das Fest unverändert ausgerichtet", sagt Akkermann. Das Schlagen mit Kuhhörnern sei nie ein zentraler Bestandteil von Klaasohm gewesen, betont der Bürgermeister. "Das bestehende Verbot des Vereins gegenüber seinen Mitgliedern verändert daher nicht den Kern der Tradition." Klaasohm wird unter den Borkumern auf Plattdeutsch auch der "hoogste Fierdag", also der "höchste Feiertag" genannt. "Im Mittelpunkt des Festes steht seit jeher der gemeinschaftliche Gedanke", sagt Akkermann. Die ostfriesische Urlaubsinsel vermarktet das Fest bewusst nicht touristisch. Es wird als eine Zeit für Borkumerinnen und Borkumer gesehen. Bis zu dem ARD-Bericht war daher auch wenig zu Klaasohm öffentlich bekannt. Bei der Polizei gingen im vergangenen Jahr Strafanzeigen ein. "Wir waren 2024 auf das öffentliche Interesse in dieser Form nicht vorbereitet. Im Rückblick ist nachvollziehbar, dass die kritischen Elemente des Festes im Fokus der Berichterstattung standen", sagte der Vorsitzende des Vereins Borkumer Jungens "Borkum erleben" kürzlich. Auf Borkum wird sich erzählt, dass der Brauch auf die Zeit der Walfänger zurückgeht. Die Männer seien am Jahresende zurück auf die Insel gekommen, nachdem sie monatelang auf See waren, und hätten mit dem Brauch klargemacht, dass nun wieder sie – und nicht die Frauen – das Sagen hätten. Lesen Sie mehr über "Klaasohm" in einer SPIEGEL-Reportage von 2013.