Datum29.11.2025 16:48
Quellewww.spiegel.de
TLDRNicola Leibinger-Kammüller, Chefin von Trumpf, sieht trotz ihrer Abneigung gegen die AfD keinen Grund, aus dem Verband "Die Familienunternehmer in Deutschland" auszutreten. Im Interview betont sie, dass bessere Politik statt Empörung nötig sei und spricht sich für die Auseinandersetzung mit der AfD aus, ohne deren Wähler zu verurteilen. Der Verband hat beschlossen, AfD-Vertreter einzuladen, was zu internen Spannungen führt. Leibinger-Kammüller fordert, die realen Probleme der Menschen in den Vordergrund zu stellen.
InhaltSie hege keinerlei Sympathien für die AfD, betont Unternehmenschefin Nicola Leibinger-Kammüller in einem Interview. In der Brandmauerdebatte aber helfe nicht Empörung, sondern bessere Politik. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. In der hitzigen Debatte um den Umgang des Verbands "Die Familienunternehmer in Deutschland" mit der AfD mahnt Unternehmenschefin Nicola Leibinger-Kammüller zu Besonnenheit. Ein vorschneller Austritt aus dem Verband komme für sie derzeit nicht infrage, betonte die Vorstandsvorsitzende des Werkzeugmaschinenbauers Trumpf in einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" . Das Unternehmen mit Hauptsitz in Ditzingen, Baden-Württemberg, ist Weltmarktführer auf dem Gebiet der Industrielaser. "In solchen Situationen neige ich dazu, erstmal abzuwarten, ein Glas Rotwein zu trinken, von den emotionalen Höhen herunterzukommen und dann erneut zu überlegen, ob das ein sinnvoller Schritt ist", wird Leibinger-Kammüller zur Ausstiegsfrage zitiert. Trotz wachsender Kritik an der neuen Gesprächsbereitschaft des Verbands mit der Partei verteidigte Leibinger-Kammüller im Interview dessen Präsidentin, Marie-Christine Ostermann. Diese mache "seit Jahren einen bewundernswerten Job". Der Verband der Familienunternehmer hatte unter Präsidentin Ostermann beschlossen, künftig auch AfD-Vertreter zu Veranstaltungen einzuladen. Zwar passe das Weltbild der AfD nicht zur freiheitlichen und marktwirtschaftlichen Grundüberzeugung der Familienunternehmer, man müsse aber in die "inhaltliche Auseinandersetzung" gehen, sagte Ostermann. Die Politik des Ignorierens, oft unter dem Schlagwort der Brandmauer diskutiert, habe keine Wirkung gezeigt. Beim parlamentarischen Abend des Verbands in der Niederlassung der Deutschen Bank in Berlin am 8. Oktober waren mehrere AfD-Vertreter eingeladen. Erschienen war Leif-Erik Holm, wirtschaftspolitischer Sprecher der Partei im Bundestag und Ministerpräsidentenkandidat in Mecklenburg-Vorpommern. Der Lobbyverband vertritt rund 6500 Familienunternehmer. Darunter sind die Chefs kleiner Betriebe, sie müssen mindestens zehn Mitarbeitende und einen Jahresumsatz von einer Million Euro haben, ebenso wie Gründerfamilien von Weltkonzernen. Der Kurswechsel hat die Organisation nun tief gespalten: Während einige Unternehmer Zustimmung signalisieren, warnen viele westdeutsche Mittelständler vor einem gefährlichen Bruch der Brandmauer zur AfD: Namhafte Unternehmen wie Fritz-Cola, Rossmann und Vorwerk treten aus. In sozialen Medien kursieren zudem Boykottaufrufe gegen den Drogeriemarkt dm. Der Unternehmenschef Christoph Werner hatte sich zuvor allgemein unterstützend zur Verbandsposition geäußert. In einer darauffolgenden Stellungnahme von dm hieß es dazu, die Überzeugung des Unternehmens sei, dass politische Debatten "mit Sorgfalt" geführt werden sollen. "Dass wir dafür kritisiert werden, bestätigt uns darin, dass die differenzierte Auseinandersetzung wichtig ist. Banalisieren, polarisieren und instrumentalisieren, bringen uns nicht weiter." Mit Trumpf-Chefin Leibinger-Kammüller erhält der Verband nun weitere prominente Fürsprache. Sie selbst habe noch nie AfD-Vertreter zu Gesprächen geladen, betonte die Trumpf-Chefin im Interview mit der "Stuttgarter Zeitung" – von einer "tief empfundenen Abscheu angesichts der Äußerungen des Spitzenpersonals einmal abgesehen." Dennoch könne man nicht "die ganzen AfD-Wähler verdammen, zumal auf kommunaler Ebene, wo der Mittelstand tief verankert ist", so Leibinger-Kammüller unter Verweis auf ihr Unternehmen, das auch einen Standort in Sachsen unterhält. Ein Parteiverbot hält Leibinger-Kammüller für den falschen Weg – "dafür ist es viel zu spät". Stattdessen müsse die Politik die realen Probleme im Land endlich anpacken: Überregulierung, Bürokratie, hohe Lohnnebenkosten, steigende Krankenkassenbeiträge "und vor allem das Gefühl der notorischen Bevormundung durch den Staat." Die Menschen fühlten sich nicht mehr ernst genommen, "weil ihre tatsächlichen Probleme nicht im angemessenen Maß angegangen werden", so Leibinger-Kammüller.