Meinung: AfD in Ostdeutschland: Warum der Westen nicht länger zahlen will

Datum17.08.2026 14:14

Quellewww.spiegel.de

TLDRDer Artikel kritisiert die Haltung der AfD im Osten, die das Land nach der Wiedervereinigung verklärt und eine Spaltung zwischen "wahrem" Osten und "fremdbestimmtem" Westen propagiert. Der Autor fordert vom Westen eine klare Haltung gegen diese Ideologie. Er verweist auf massive finanzielle Transfers vom Westen in den Osten, die die Folgen der DDR-Misswirtschaft ausgleichen sollen. Der Artikel schließt mit der Aufforderung, dass der Osten die finanzielle Abhängigkeit vom Westen beenden solle, wenn er sich als das "bessere Deutschland" versteht.

InhaltWenn die AfD und ihre vielen Wähler die Ex-DDR zum wahren Deutschland verklären wollen, ist es Zeit, dass der zahlende Westen dagegenhält. Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Selbst Sven Schulze wird in seinem Inneren nicht mehr daran glauben, die AfD in den nächsten drei Wochen noch überholen zu können. Schulzes CDU wird sich wohl halbieren, zwei der drei amtierenden Regierungsparteien in Sachsen-Anhalt könnten ganz aus dem Landtag fallen. Die AfD wird gewinnen, doch die Regierungsbildung wird nur im weniger wahrscheinlichen Fall schnell und leicht: absolute Mehrheit der Mandate, Alleinregierung AfD, alles klar. Wahrscheinlicher ist indes: keine absolute Mehrheit und im Folgenden viele Versuche einer Regierungsbildung ohne AfD, die laut ihres Spitzenkandidaten mit absolut niemandem Koalitionen und Kompromisse eingehen möchte, weil: Das sei ja, was die Alt-Parteien machten, und so wolle man nicht werden. Alles oder nichts bei der AfD, das kann man für Chuzpe halten, für Pose oder für das, was es ist: Vollgas in die Sackgasse, hoffend, dass hinten keine Mauer kommt. Nikolaus Blome, Jahrgang 1963, war bis Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur und Politikchef der "Bild"-Zeitung. Von 2013 bis 2015 leitete er als Mitglied der Chefredaktion das SPIEGEL-Hauptstadtbüro, zuvor war er schon einmal stellvertretender "Bild"-Chefredakteur. Seit August 2020 leitet er das Politikressort bei RTL und n-tv. Dort macht er auch einen wöchentlichen Podcast zusammen mit Jakob Augstein . Im Januar 2025 erschien sein neues Buch "Falsche Wahrheiten: 12 linke Glaubenssätze, die unser Land in die Irre führen". Doch neben der Regierungsfähigkeit eines Bundeslandes mit gerade einmal gut zwei der bundesweit 84 Millionen Menschen geht es um viel Größeres: die Deutungshoheit. Welches ist das bessere Deutschland? Der neue blaue Osten oder der alte Westen? Der lebt, wiewohl auch schon ein bisschen angeblaut, immer noch im alten bundesrepublikanischen Modus, zu dem ja auch zählt: Man zahlt. Nach dem Krieg reklamierte die sowjetisch besetzte Zone und folgend die DDR das bessere Deutschland für sich: Alle Alt-Nazis seien ja in Westdeutschland. Auf Dauer hielt diese Behauptung die Gesellschaft Ost nicht zusammen, alsbald musste es eine Mauer außenrum sein und innendrin ein Überwachungsstaat. Darum hörten meine Jahrgänge, die im Westen groß wurden und seine Freiheiten für Kritik nutzten, manche ihrer Väter in den späten 60er und 70er gern mal schimpfen: "Geh doch nach drüben, wenn es Dir hier nicht passt." Mit "drüben" meinten sie die DDR und: So bescheuert, dahin zu wollen, können selbst Langhaarige und Linke nicht sein. Das ist lange her, aber es prägte unser Bild der DDR mit. Seltsame Kräfte walten in den Köpfen der Menschen. Mehr als 35 Jahre nach der Wiedervereinigung können sich West und Ost nicht einig werden, wie es denn nun wirklich war, "damals in der DDR". Wenig überraschend stoßen Propaganda-Populisten in solche Lücken. Seit einiger Zeit versucht Björn Höcke den Osten zum wahren Deutschland umzurubeln: "Im Osten sind die Menschen noch Deutsche. Im Westen haben sie über Jahrzehnte eine Ersatzidentität gefunden und haben sich von der amerikanischen Kultur ursurpieren lassen", sagte er in einem langen Interview ohne Fragen. Zugleich ruft er bei Veranstaltungen warm und werbend den (angeblich?) großen Zusammenhalt der DDR-Gesellschaft in Erinnerung, die knatternden Simson-Mopeds, die soziale Sicherheit, die Stabilität. So kann man es nennen, wenn der Stasi-Blockwart dafür sorgt, dass im Treppenhaus keiner über die Regierung lästert oder die Verhältnisse beim Namen nennt. Das ist meine Sicht, die eines Wessis. Sei’s drum, Höckes Visionen, in die Vergangenheit wie in die Zukunft, sind laut Umfragen in Sachsen-Anhalt für mehr als 40 Prozent der Stimmen gut. Und man will mehr: Den AfD-Strategen und vielen Wählern geht es längst nicht nur um strafende "Rache" an den "Eliten" und den Etablierten. Es geht um die Deutungshoheit über den Einzelnen und die Gemeinschaft und die Macht jener herrischen Prognose, nach der im Osten, dem wahren Deutschland, sich alles früher abspielt, was der Westen am Ende nachmachen muss. Mit wem ist die neue Zeit, wer hat das polit-gesellschaftliche Momentum für sich? Um diesem Hochmut die Grenzen aufzuzeigen, bedarf es einer strategisch formulierten Antwort. Doch bei den alten Volksparteien CDU oder SPD ist davon bislang nicht viel zu hören. Immer wieder wird zwar diskutiert, auch in guten Büchern, wie "der Osten tickt", welche gesellschaftlichen Schmerzpunkte die Krisen der letzten Jahrzehnte dort getroffen haben und wer wem Unrecht angetan hat. Zu einer nachhaltigen, offenen Kampfansage über die alte Mauer hinweg kam es dabei nicht. Auch aus den Medien ist mir eine derartige Ost-West-Konfrontation nicht erinnerlich – von einigen Kolumnen abgesehen, deren Autoren Millionen mürrisch-saurer "Ossis" wahlweise nach Dankbarkeit fragten, ihren Soli zurückhaben wollten oder die Veränderungen voller Spott auf gesellschaftliche Defizite zurückführten wie den krassen Männer-Überschuss in den zeugungsfähigen Alterskohorten. Letzterer ist in Sachsen-Anhalt übrigens besonders bedenklich. Das Land hat bundesweit das höchste Durchschnittsalter sowie den größten Überschuss von Männern gegenüber Frauen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Nun aber hat ein Kollege der "FAZ" vergangene Woche die Debatte über das bessere Deutschland und die "blaue Welle" erfrischend herzhaft aufgenommen und mit der Frage nach dem Ende der westdeutschen "Langmut" angespitzt. Tatsächlich bricht sich in westdeutsch geprägten Milieus, egal ob sie in Ost oder West leben, vor den Septemberwahlen eine Fassungslosigkeit Bahn, die hinter vorgehaltener Hand dröhnend ist: "Wenn es so kommt: Am besten Zaun drum und an Kasachstan verkaufen." Mir scheint, weitgehend überparteilich reißt da gerade ein Geduldsfaden. Die westdeutsch sozialisierten Parteien sollten sich darum rasch klar werden, wie sie dieser Wut-Welle begegnen oder sie bewirtschaften können – wenn sie das denn wollen. Ein Beispiel: Die AfD behauptet bei jeder Gelegenheit, alle finanziellen Probleme des Landes und der Leute wären in dem Moment gelöst, wo kein deutsches Steuergeld mehr an "Ausländer" fließen würde. Was, wenn der erste Ruhrgebiets-Bürgermeister nun seinen Wählern sagt, dass alle finanziellen Probleme der Stadt gelöst wären, wenn Bund und West-Länder weniger oder nichts mehr an den "blauen Osten" zahlten, an die AfD-regierten "Anti-Demokraten". Allein der Länderfinanzausgleich spült jährlich Milliarden aus dem Westen in den Osten, es gibt "Bundesergänzungszuweisungen", die "Gemeinschaftsaufgabe" zur Förderung der Wirtschaftsschwachen, und neuerdings übernimmt der Bund 60 Prozent der DDR-Zusatz- und -Sonderrenten, zum Beispiel für DDR-Grenzpolizisten. Alle diese Mittel, auch finanziert aus der überwiegend im Westen eingehobenen Zusatzsteuer namens "Soli", fließen seit Jahrzehnten, um die Folgen der DDR-Misswirtschaft auszugleichen, über die keiner mehr spricht. Um die Verhältnisse erfolgreich anzugleichen, was keiner lobt. Und den Wirtschafts-Standort Ost attraktiv zu machen, was eine AfD-Regierung zunichte machen würde. Aber vor allem: Von der westdeutschen Finanzierung eines ethnisch homogenen "besseren Deutschlands" im Osten steht da nichts. Der Osten soll das wahre Deutschland werden, aber der US-usurpierte woke Westen zahlt weiter Miete und Unterhalt? Das hätten die hochmütigen Höckes wohl gern. Aber so doof sind selbst die anti-autoritärsten Eltern nicht. Und so möchte ich den starken Mann der AfD-Sachsen-Anhalt beim Wort nehmen, Hans-Thomas Tillschneider. Er soll das Wahlprogramm fast allein geschrieben haben, und als der Landtag vor einiger Zeit debattierte, wie die ca. 2,6 Milliarden Euro aus den großen Sonderschulden des Bundes für Sachsen-Anhalt zu verwenden seien, da erklärte Tillschneider in seiner stolzen Rede: Eine AfD-Regierung werde dieses "Geld der Schande" nicht anrühren. Die Wette gilt, liebe rechtsextreme Ossis: put your money where your mouth is, und tut – im Falle des Falles – dem zahlenden Westen endlich mal einen Gefallen.