Reisekrankheiten der Haut: »Die Larven bohren sich gerne mal in den Po«

Datum16.08.2026 17:34

Quellewww.zeit.de

TLDRReisende können Hautkrankheiten wie Larva migrans, Myiasis und Leishmaniasis aus dem Urlaub mitbringen. Hakenwurmlarven bohren sich in die Haut und wandern dort umher, während Fliegenmaden in Hautknoten heranwachsen. Erderwärmung begünstigt die Ausbreitung von Krankheitsüberträgern in neue Regionen. Schutzmaßnahmen wie Schuhe, Strandmatten und Moskitonetze sind wichtig. Behandlungen reichen von Salben bis zu chirurgischer Entfernung.

InhaltDer Urlaub ist vorbei, aber was ist das für ein seltsames Jucken, für eine Rötung, für ein Geschwür? Eine Dermatologin rät, wie man solche Reisemitbringsel rasch loswird. DIE ZEIT: Frau von Stebut, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Hautkrankheiten, die Menschen aus dem Urlaub mitbringen – darunter Würmer und Maden, die sich in der Haut einnisten. Können Sie selbst noch entspannt am Strand liegen? Esther von Stebut: Tatsächlich schon. Klar, je mehr Ahnung man hat, desto genauer schaut man hin. Aber Wissen beruhigt auch, weil man weiß, wie man sich schützen kann. ZEIT: Hauterkrankungen gehören nach Durchfall und Fieber zu den häufigsten unerwünschten Reiseandenken. Was bringen deutsche Urlauber typischerweise mit? Von Stebut: Meistens ziemlich banale Dinge, die wir auch aus Deutschland kennen: entzündete Insektenstiche, bakterielle Infektionen oder eine Nesselsucht. Man sollte aber auch über die hierzulande bislang eher ungewöhnlichen Erkrankungen Bescheid wissen: Parasiten, die sich in der Haut festsetzen oder durch Insekten übertragen werden. Die erkennt man oft nicht gleich, weil sie vor allem nach Reisen in tropische und subtropische Regionen auftreten. Inzwischen reicht manchmal jedoch schon ein Urlaub am Mittelmeer. ZEIT: Reden wir da über Einzelfälle oder ist das ein größeres Problem? Von Stebut: Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wie viele Reisende solche Erkrankungen mitbringen, weil sie nicht meldepflichtig sind. Krankenkassendaten und Zahlen aus Tropeninstituten zeigen aber: Im Bereich der ungewöhnlicheren Reisedermatosen sehen wir die Hakenwurmlarve, die Larva migrans, am häufigsten. Danach kommt der Befall mit Fliegenlarven, die sogenannte Myiasis und schließlich die Leishmaniasis, eine von Sandmücken übertragene Parasitenerkrankung mit Geschwür. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass solche Fälle heute häufiger sind. ZEIT: Woran liegt das? Von Stebut: Zum einen achten Ärzte heute besser darauf. Aber vor allem verändern sich durch die Erderwärmung die Lebensräume von Insekten, die Krankheiten übertragen können. Das sieht man bei Mücken sehr deutlich: Arten, die früher vor allem in tropischen Regionen vorkamen, haben sich inzwischen im Mittelmeerraum etabliert. Deshalb müssen wir heute eben auch nach einer Reise nach Spanien, Italien oder Mallorca an Erkrankungen denken, die man früher fast ausschließlich mit den Tropen verbunden hätte. ZEIT: Fangen wir mit dem häufigsten dieser Mitbringsel an: der Hakenwurmlarve. Wer sie hat, kann dabei zusehen, wie sie sich unter der Haut einen Gang frisst, ähnlich einem Borkenkäfer unter einer Baumrinde. Von Stebut: Das Bild passt ganz gut. Die Larve wandert aber nur in der Oberhaut, dort, wo ein Gang erkennbar ist, ist sie schon gar nicht mehr. Der Gang ist die Entzündungsreaktion auf die Larve und deren Stoffwechselprodukte. ZEIT: Wie schnell kommt sie voran? Von Stebut: Pro Tag ungefähr ein bis drei Zentimeter. Am Ende können schon so zwei bis drei Handgroße Hautflächen befallen sein. ZEIT: Da kriecht also ein Wurm unter meiner Haut, der erschreckend flott vorankommt. Ist das gefährlich? Von Stebut: Es klingt dramatischer, als es ist. Der Mensch ist für diese Hakenwürmer der falsche Wirt, normalerweise befallen sie Hunde oder Katzen. Unsere Haut ist zu dick, die Larven kommen nicht weit und sterben nach einigen Wochen von selbst. Gefährlich ist das normalerweise nicht. Aber es ist unangenehm und juckt furchtbar. ZEIT: Heißt das, man könnte einfach abwarten, bis die Larve tot ist? Von Stebut: Theoretisch ja. Praktisch möchte kaum jemand mehrere Wochen mit einer Larve in der Haut herumlaufen. Man kann sie mit dem Wirkstoff Ivermectin behandeln, der vom Arzt als Tabletten oder Creme verschrieben werden muss. Wenn die Beschwerden schon abklingen, sollte man aber auch überlegen, ob eine Behandlung überhaupt noch sinnvoll ist. ZEIT: Wie kommen die Larven in den Menschen? Von Stebut: Meist liegen Wurmeier in verunreinigtem Boden oder Sand, vor allem dort, wo Hunde und Katzen ihren Kot hinterlassen haben. Sie heften sich an die Haut, es entwickeln sich Larven, die bestimmte Enzyme bilden, sogenannte Proteasen, die zersetzen Eiweiße in der Haut – auf diese Weise arbeiten sich die Larven regelrecht in die Haut hinein. Besonders günstig ist es für sie zum Beispiel, wenn Sie sich mit nackter Haut in den Sand setzen. Die Larven bohren sich also gerne mal in den Po. ZEIT: Wie vermeide ich das? Von Stebut: An Stränden, an denen viele frei laufende Hunde und Katzen unterwegs sind, wäre ich vorsichtig: Schuhe tragen, eine Strandmatte unterlegen und Kinder lieber im feuchten Bereich am Wasser buddeln lassen, dort ist die Wahrscheinlichkeit auf Wurmeier zu treffen deutlich geringer. ZEIT: Bei einer Myiasis wachsen in der Haut die Maden bestimmter Fliegenarten heran. Auch keine schöne Vorstellung. Von Stebut: Evolutionsbiologisch betrachtet sind diese Fliegen ziemlich faszinierend: Einige Arten sind relativ groß. Wenn die auf Ihnen landen würden, um ihre Eier abzulegen, würden Sie sie vermutlich verscheuchen. Also benutzen sie kleine Mücken als Transportmittel. Sie legen ihre Eier auf der Mücke ab. Die Mücke fliegt zum Menschen – und bringt die Fliegeneier mit. ZEIT: Schlau. Eine Mücke als Taxi. Von Stebut: Wir nennen das Carrier. Mit Moskitonetzen und -spray kann man sich aber gut schützen. Andere Fliegenarten legen ihre Eier auch gern auf Gegenständen ab, etwa auf Kleidung, die draußen zum Trocknen hängt. Zieht man die Sachen anschließend an, können die Larven in die Haut gelangen. Deshalb würde ich in Regionen, in denen diese Fliegen vorkommen, die Badehose lieber nicht draußen trocknen. Oder sie anschließend heiß bügeln. ZEIT: Woran merkt man, dass so eine Made in der Haut sitzt? Von Stebut: Anfangs kann das aussehen wie ein entzündeter Mückenstich. Dann entsteht ein Knoten mit einer kleinen Öffnung. Durch die muss die Larve atmen. Manche Patienten spüren die Made auch, die sagen: Da bewegt sich was unter meiner Haut. Schaut man die Stelle dann unter dem Mikroskop an, sieht man oft das Hinterteil der Larve aus der Haut ragen. ZEIT: Das ist jetzt echt eklig. Von Stebut: Finde ich nicht. ZEIT: Sie sind Dermatologin. Von Stebut: Für uns gehört so etwas zum Beruf. Aber ich verstehe, dass der Gedanke, eine Larve in der Haut zu haben, für andere unheimlich ist. Die Patienten sind immer sehr erleichtert, wenn sie wieder draußen ist. ZEIT: Und wie macht man das? Von Stebut: Man kann die Öffnung luftdicht verschließen, etwa mit einem Folienverband oder Vaseline. Dann bekommt die Larve keine Luft und bewegt sich Richtung Oberfläche. So lässt sie sich leichter entfernen. Manchmal muss man die Öffnung unter lokaler Betäubung etwas erweitern. Die Larven halten sich nämlich mit kleinen Widerhaken im Gewebe fest.