Datum16.08.2026 15:17
Quellewww.zeit.de
TLDRDas viertwöchige Punk-Protestcamp auf Sylt, unter dem Motto "Normalize Revolution", wurde am Sonntag abgebaut. Teilnehmende kritisierten den Kapitalismus und setzten ein Zeichen für Solidarität. Trotz vereinzelter Vorfälle wie Böllerwürfen und nächtlichen Angriffen, zog das Orga-Team eine positive Bilanz und lobte die Zusammenarbeit mit der Polizei. Die Planung für ein ähnliches Camp im Jahr 2027 ist bereits im Gange.
InhaltHier finden Sie Informationen zu dem Thema „Punk-Protestcamp auf Sylt 2026“. Lesen Sie jetzt „Punks bauen Protestcamp auf Sylt ab - und planen ein Revival“. Die Schlafsäcke werden eingerollt, Heringe aus der Erde gezogen sowie letzte Kippen und Bierdosen entsorgt. Auf Sylt endet am heutigen Sonntag das Punk-Protestcamp nach rund vier Wochen offiziell. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Deutschland übten unter dem Motto "Normalize Revolution" seit dem 20. Juli nach Angaben der Gruppe "Aktion Sylt" Kritik am Kapitalismus und setzten ein Zeichen für mehr Solidarität. Rund 80 Zelte standen zuletzt auf der sogenannten Festwiese in Tinnum nahe des Flughafens. Bis zu 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten laut "Aktion Sylt" zeitweise in mehr als 200 Zelten übernachtet. "Ich bin sehr zufrieden, die Demos und auch die Mithilfe hat sehr gut geklappt, das Camp lebt von der Eigenverantwortung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer - zum Beispiel bei der Müllentsorgung", sagte Netto aus der Nähe von Mannheim, der zum teils 50 Menschen zählenden Orga-Team gehört. Seinen Nachnamen möchte er der Deutschen Presse-Agentur nicht nennen. Einige hatten demnach beispielsweise ohne vorherige Aufforderung Müll aus den Büschen geholt und jeden Tag habe es mittags Kundgebungen im Camp gegeben. Neu sei dieses Jahr das Küchenteam gewesen: "Wir haben jeden Tag für alle frisch gekocht, mit Spenden finanziert." Sein Höhepunkt sei demnach die "Radical Pride-Demo" mit mehreren Kundgebungen gewesen, an der seinen Angaben zufolge rund 100 Menschen teilgenommen hatten. Ein weiteres Highlight war demnach ein Teilnehmer, der mit einem mobilen Pizzaofen ins Camp kam. "Dann gab es vegane Pizza für alle, den Hefeteig haben wir selbst gemacht." Auch die Sonnenfinsternis und Sternschnuppen-Nächte auf der Urlaubsinsel sind ihm in Erinnerung geblieben. Mehrfach hatten allerdings Menschen nachts Böller in das Camp geworfen, zudem waren Netto zufolge Teilnehmer des Camps in Westerland angegriffen und verletzt worden. Alles sei bei der Polizei angezeigt worden. Der Abbau ist durchgetaktet: Am Sonntag sollen demnach zunächst alle Planen und größeren Zelte - wie das Küchenzelt, das Infozelt und die Duschen - abgebaut und dann mit einem Transporter in ein Lager auf dem Festland gebracht werden. "Morgen um acht Uhr holen wir den Transporter für den Sperrmüll. Spätestens übermorgen soll alles weg sein", sagte er. Unter anderem werde zunächst der Sperrmüll abgeholt und Wasser und Strom von Mitarbeitern des Unternehmens abgelesen - Mittwoch werden die mobilen Toiletten und Müllcontainer abgeholt. Das Ende des Camps bedeutet nicht, dass alle Punks direkt das Gelände und die Insel verlassen. Bis zum 19. August haben die Organisatoren Zeit, die Wiese im Gewerbegebiet zu räumen, ihren Müll zu entsorgen und die mobilen Toiletten abholen zu lassen. Einige nutzen die Zeit und bleiben bis dahin noch weitere Nächte auf der Insel - unter ihnen Sterni aus Südbrandenburg. "Viele freuen sich wieder auf zu Hause, aber es werden sicher auch einige Tränen auf dem Syltdamm fließen - ich werde in diesem Jahr mehr Tränen vergießen als sonst", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Es ist nicht sein erster Punk-Sommer auf der Nordseeinsel. Größere Vorkommnisse im Zusammenhang mit Drogen und Alkohol habe es in diesem Jahr nicht gegeben. Er freue sich über das positive Feedback und die gute Zusammenarbeit mit der Sylter Polizei, die für die Organisatoren stets ansprechbar gewesen sei - laut Beamten sei das Camp in diesem Jahr politischer gewesen als zuvor. "Eins werd ich auf jeden Fall vermissen und das sind die netten Polizisten auf Sylt." Im November und Dezember soll seinen Angaben zufolge die Planung für 2027 starten. Angesichts des offiziellen Endes des Punk-Protestcamps auf Sylt zieht der Kreis Nordfriesland eine positive Bilanz. Die Auflagen seien nach Kenntnis des Kreises in den vier Wochen Campzeit eingehalten worden, teilte ein Sprecher der Deutschen Presse-Agentur mit. "Es gab lediglich einige Beschwerden über ruhestörenden Lärm." Daraufhin habe der Kreis den Veranstalter auf seine Pflicht hingewiesen, für die Einhaltung der Ruhezeiten zu sorgen - das sei dann auch erfolgt. Bei den Demonstrationszügen durch die Straßen seien laut dem Sprecher keine besonderen Vorkommnisse bei der Behörde gemeldet worden. Zu den Auflagen des auf maximal 300 Zeltende begrenzten Camps gehörte es unter anderem, dass die Mittags- und die Nachtruhe eingehalten werden, der Müll ordnungsgemäß entsorgt wird, die Versorgung der Versammlungsteilnehmer mit Lebensmitteln, Strom und Wasser eigenständig sichergestellt wird und Toiletten sowie Erste-Hilfe-Leistungen bereitstehen. Zudem waren etwa Schilder, Plakate und Transparente, "deren Inhalt gegen die Strafbestimmungen oder die freiheitlich-demokratische Grundordnung verstoßen", im Camp verboten. Am Montag startet nach Angaben des Kreissprechers die dreitägige Abbauphase - Toiletten müssen abgeholt werden und letzte Reinigungsarbeiten erledigt werden. Am Dienstag folgt die Müll-Abholung und am letzten Abbautag die Abholung der Behälter, die komplette Räumung und Säuberung und damit die Beendigung des Camps. Rund um das Punk-Protestcamp (20. Juli bis 16. August) auf der Nordseeinsel hatte es vor dem Start ein juristisches Tauziehen gegeben. Der Kreis Nordfriesland wollte das Camp auf der Nordseeinsel in diesem Jahr stoppen - die Veranstalter sowie das Verwaltungsgericht sahen das aber anders. Es ist der fünfte Punksommer in Folge auf der Urlaubsinsel. Mit dem 9-Euro-Ticket waren im Sommer 2022 zahlreiche Punks aus ganz Deutschland nach Sylt gereist und hatten mit dem ersten Protestcamp bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. © dpa-infocom, dpa:260816-930-538471/1